Freitag, 4. November 2011

Despair - Eine Reise ins Licht (1978)

DESPAIR - EINE REISE INS LICHT war die erste Großproduktion Rainer Werner Fassbinders. Mit europäischer Starbesetzung und sehr viel mehr Geld als bislang wollte er mit dieser Nabokov-Adaption den internationalen Durchbruch schaffen, was ihm aber erst ein Jahr später mit "Die Ehe der Maria Braun" (1979) gelang.

Der Inhalt: Der Russe Hermann Hermann (Dirk Bogarde) ist Schokoladenfabrikant und lebt im Berlin der frühen 30er. Die Nazis sind auf dem Vormarsch, die Welt taumelt auf den Abgrund zu, Hermann ebenfalls. Seine Ehe mit der schönen, aber ungebildeten Lydia (Andrea Ferrèol), die Hermann mit ihrem Cousin (Volker Spengler) betrügt, macht ihn unglücklich, und immer wieder sieht er sein Ebenbild, das ihn beobachtet - im Kino, im Schlafzimmer, überall. Als Hermann dem Herumtreiber Felix (Klaus Löwitsch) begegnet, erkennt er in ihm einen Doppelgänger und entwickelt einen raffinierten Plan, seinem Leben zu entkommen. Doch dabei steuert er immer tiefer dem eigenen Wahnsinn entgegen...

DESPAIR wurde bei den Filmfestspielen in Cannes mit enormen Erwartungen uraufgeführt und erntete eher ernüchternde Kritiken. Auch die Zuschauer zeigten sich nur mäßig beeindruckt von Fassbinders intellektuellem Spiel um Doppelgänger und Spiegel, ein Thema, das ihn seit jeher faszinierte. Umso größer war die Enttäuschung des Regisseurs, der hier erstmals mit Schauspielern vom Kaliber eines Dirk Bogarde zusammen arbeiten konnte. Die ursprünglich drei Stunden lange Version von DESPAIR wurde von Fassbinder und seiner Cutterin Juliane Lorenz in einer Nachtaktion von drei, bzw. zweieinhalb, auf zwei Stunden heruntergekürzt (der im Vorspann angegebene Cutter Franz Walsch ist ein gängiges Fassbinder-Pseudonym). Nach der schwachen Kinoauswertung verschwand DESPAIR in der Versenkung, während Fassbinder mit "Maria Braun" Triumphe feiern konnte.

Seit kurzem ist DESPAIR wieder in einer restaurierten Version für jedermann zugänglich, auch wenn die Ur-Fassung von drei Stunden wohl für immer ungesichtet bleiben wird. Die DVD/Blu-Ray, die zusammen mit "Ich will doch nur, dass ihr mich liebt" (1975) erschien, bietet DESPAIR in geradezu wundervoller Bildqualität. Über den Film selbst kann man immer noch geteilter Meinung sein, aber dass er atemberaubend anzuschauen ist, steht außer Frage. Michael Ballhaus standen in DESPAIR erstmals Möglichkeiten zur Verfügung, von denen er früher nicht zu träumen wagte. Seine Kamera ist ununterbrochen in Bewegung, fängt die Charaktere (wie im "Chinesischen Roulette", 1978) hinter Glas und Spiegeln ein, umkreist sie und macht sowohl die Gefängnisse deutlich, in denen sie leben, als auch Hermanns nahenden Wahnsinn. Die Ausleuchtung des erlesenen Art Déco-Interieurs sind zeitlos faszinierend. Hermanns Begegnung mit Felix findet gar in einem Labyrinth aus Spiegeln statt. Lediglich die Vielzahl an Zooms lässt den Film heute stellenweise etwas altmodisch erscheinen, das meint sogar Ballhaus selbst. Dennoch gehört DESPAIR neben "Veronika Voss" (1982) und "Querelle" (1982) zu Fassbinders visuell aufregendsten Filmen.

Neben dem exzellenten Bogarde, der DESPAIR als einen seiner wichtigsten Filme bezeichnete und ihn stets gegen jede Kritik verteidigte, spielen wie üblich viele Fassinder-Vertraute wie Volker Spengler, Ingrid Caven, Peter Kern, Adrian Hoven und Hark Bohm. Andrea Ferrèol aus dem "Großen Fressen" (1973) ist eine hinreißende Lydia. Fassbinders Lebensgefährte Armin Meier spielt gleich drei Rollen - in einem Film-im-Film (eine der besten Sequenzen von DESPAIR, in der Fassbinder den Hollywood-Gangsterfilm der 30er imitiert) gibt er sowohl einen Polizisten als auch dessen Zwillingsbruder, einen Gangster, und dann taucht er noch als Arbeiter in der Schokoladenfabrik auf, quasi als Doppelgänger von zwei Doppelgängern. Das Thema des Doppelgängers, bzw. Stellvertreters, findet sich in unzähligen Fassbinder-Werken und wird hier künstlerisch auf die Spitze getrieben.
Viele Kritiker und Zuschauer störten sich an der Tatsache, dass Klaus Löwitsch Bogardes Ebenbild darstellen soll, diesem aber nicht mal annähernd ähnelt. Natürlich geht es hier um ein inneres Ebenbild. Bogardes Hermann Hermann (dessen Name schon eine Doppelung ist, die auch gleichzeitig für einen Jedermann steht, wenn ihn Harry Bär als Hotelpage "Herr Mann" nennt) erkennt sich selbst nicht mehr, und sein Plan, eine fremde Leiche als seine eigene auszugeben, muss zwangsläufig scheitern. Parallel zur politischen Entwicklung wird Hermanns "Reise ins Licht" eine Reise in den Irrsinn. Für ihn ist es womöglich eine Befreiung, oder wie Fassbinder sagte, die "Möglichkeit, zufriedener in einer Traumwelt zu leben". Wenn man die Realität verlassen hat, ist alles möglich - vielleicht sogar Glücklichsein.

Wie man DESPAIR findet, hängt sehr davon ab, ob man mit den unnahbaren Charakteren und den artifiziellen Dialogen von Tom Stoppard, der Nabokovs Roman adaptierte, etwas anfangen kann. Seine Themen sind nicht gerade universell, das darf man wohl sagen. Von den beiden restaurierten Werken mag ich persönlich "Ich will doch nur, dass ihr mich liebt" lieber. DESPAIR hat trotz der Kürzungen (oder aufgrund des fehlenden Kontextes wegen der Kürzungen) einige Längen, in denen auch Ballhaus' furiose Kamera nicht weiterhilft. Womöglich wäre weniger etwas mehr gewesen, aber Fassbinder wollte mit DESPAIR protzen. Die Rechnung ging für ihn nicht auf. "Maria Braun" wartet mit ähnlich beeindruckenden Production Values auf, ist aber in Figurenzeichnung, Geschichte und Umsetzung sehr viel zugänglicher und war deshalb auch der größere Hit, das ist nicht schwer zu verstehen. DESPAIR ist ein sperriger Film, den man - wie heißt es so schön? - leicht bewundern, aber sehr schwer mögen kann.

06/10

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