Donnerstag, 17. November 2011

Des Teufels Saat (1977)

Lange bevor es das Wort 'Cybersex' gab, entfachte DES TEUFELS SAAT (Demon Seed) bereits Kontroversen, ohne dass ihn jemand gesehen hatte. In diesem amerikanischen Sci-Fi-Thriller hat Hauptdarstellerin Julie Christie Sex mit einem Computer. Wohlgemerkt, nicht am Computer, wie es heute in vielen Haushalten üblich ist, sondern mit einem Computer. Der Rummel um eine angebliche Vergewaltigung durch Maschinen half dem Film jedenfalls zu beachtlichem Erfolg, und aus heutiger Sicht muss man sagen, dass nicht nur die Aufregung um DES TEUFELS SAAT albern war, sondern dass es sich hier um einen sehr intelligenten Schocker handelt, der mit seinem Thema überraschend feinfühlig umgeht.

Der Inhalt: Wissenschaftler Dr. Alex Harris (Fritz Weaver) hat einen Super-Computer namens Proteus erfunden, der auf jede Frage eine Antwort hat und dafür programmiert wurde, selbstständig zu denken und zu handeln. Da Proteus aber aufgrund seiner Fähigkeiten eine Art Gotteskomplex entwickelt, beschließt er, sich fortzupflanzen. Hier Kommt Julie Christie als Alex' Ehefrau Susan ins Spiel, die im gemeinsamen, vollautomatisierten und von Maschinen gesteuerten Haus lebt. Proteus unterbreitet ihr den Vorschlag, sein "Kind" zur Welt zu bringen (mittels von ihm gesteuerter, künstlicher Befruchtung), was sie zunächst für einen schlechten Scherz hält (würden wir das nicht alle?). Als aber Proteus sämtliche Ausgänge verriegelt, Susan mit aufgedrehter Fußbodenheizung und Essensentzug quält und droht, einer behinderten Schülerin Susans etwas anzutun, lässt sie sich auf das Experiment ein - mit bizarren Folgen...

Ein Kritiker nannte DES TEUFELS SAAT eine Mischung aus Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum" (1965) und "Rosemary's Baby" (1968). Das beschreibt den Film ziemlich gut. Der Computer Proteus ist ein gar nicht so entfernter Verwandter von Kubricks HAL 9000, der die Menschen, die ihn erschaffen haben, als Studienobjekte ansieht und sich ihnen sowohl überlegen fühlt, als ihnen auch ähnlich sein will. Mit einem "Computerkind" würde er die Welt beherrschen können. Damit bringt DES TEUFELS SAAT die Angst einer Generation zum Ausdruck, von schneller fortschreitender Technologie beherrscht und durch diese ausgetauscht zu werden, ein allgegenwärtiges Thema der späten 70er und wie geschaffen für einen Horrorfilm, der unsere Urängste ans Tageslicht bringt.

Dass DES TEUFELS SAAT trotz der fantastischen Prämisse so gut funktioniert, liegt an der Ernsthaftigkeit, mit der Regisseur Donald Cammell - nach einem Roman von Dean Koontz - mit der Geschichte umgeht. So hat er in Proteus eine faszinierende Leinwandfigur geschaffen, deren Wirkung ganz besonders von der Sprache abhängt, für die im Original Robert Vaughn ("Flammendes Inferno", 1974) zuständig ist. Dieser Computer besitzt neben einer bestechenden Logik eine höchst menschliche Ader. Er möchte zum Beispiel, dass der Zeugungsakt für Susan so weit wie möglich angenehm verläuft und berieselt sie während des Vorgangs mit Bildern aus seinem Unterbewusstsein, deren grafische Darstellung erneut stark an Kubricks "Sternentor"-Sequenz aus "2001" erinnert.
Dieser filmische Zeugungsakt dürfte für weibliche Zuschauer sicher ein Alptraum sein, weil er mit mechanischer Einführung metallener Gegenstände arbeitet und eine Travestie des menschlichen Geschlechtsverkehrs darstellt, quasi Sex im Zeitalter hoch entwickelter Technologie, bei dem es keinen Mann mehr zur Befruchtung braucht, und die Frau nur als Brutplatz nötig ist. Hier ist es besonders Julie Christie hoch anzurechnen, dass die Sequenz dennoch überzeugt. Christie, die man ansonsten eher in anspruchsvolleren Filmen findet, verleiht ihrer Susan ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit und spielt beeindruckend die Palette von anfänglicher Genervtheit über ihren Mann und die Besessenheit des Computers über nackten Terror angesichts der ausweglosen Lage, in die Proteus sie bringt, bis hin zur Einwilligung und der panischen Angst, die sie beim Zeugungsakt empfindet. Da zeigt sich wieder, inwieweit brillante Schauspieler, die im Genre so oft vermisst werden, durch ihre Kunst einen Stoff bereichern können, der in untalentierteren Händen absolut abstrus oder lächerlich wirken würde.

Neben der grandiosen Christie und dem wie immer seriösen Fritz Weaver spielt Gerrit Graham ("Phantom im Paradies", 1974) einen freundlicher Helfer Susans, der ein schlimmes Schicksal erleidet. Dank der atmosphärischen Musik Jerry Fieldings und der zurückhaltenden Regie Donald Cammells, der lediglich im letzten Akt mit Spezialeffekten protzt, ist DES TEUFELS SAAT ein sehenswerter Genrebeitrag geworden, dessen schlussendliche Dialogzeile des Computerbabys ("I'm Alive!") noch einmal verdeutlicht, dass es sich hier um eine moderne 'Frankenstein'-Adaption handelt, mit einem irregeleiteten Wissenschaftler, der ein Monster geschaffen hat, das ganz anders ist als Boris Karloffs Version, aber nicht minder furchterregend.

08/10


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