Dienstag, 29. November 2011

Der Dialog (1974)

Harry Caul (Gene Hackman) ist ein Abhörspezialist, der in Beschattungskreisen einen legendären Ruf besitzt. Harry lebt davon, anderen heimlich zuzuhören, Privates zu belauschen, Fremde zu beobachten. Harry ist ein einsamer Mann, dessen Beruf ihn paranoid gemacht hat. Harry misstraut jedem. Seine Beziehung geht in die Brüche, weil er nichts über sich und seine Arbeit erzählen kann. Sein neuer Auftrag lässt ihn nicht los. Ein mächtiger Mann (Robert Duvall) hat ihn engagiert, dessen Ehefrau und deren Begleiter auf der Straße abzuhören. "Er würde uns töten, wenn er könnte", sagt der Begleiter. Haben die beiden ein heimliches Verhältnis? Planen sie etwas? Harry kann die Bänder nicht abliefern, weil er befürchtet, dem jungen Paar könnte etwas zustoßen. Das ist schon einmal passiert, vor Jahren. Da haben Harrys Beschattungen zu drei Morden geführt. Harry weiß nicht mehr, was er tun soll, wem er trauen kann. Die Paranoia wächst...

Nach dem Welterfolg "Der Pate" (1972) gehörte Francis Ford Coppola zu den wichtigsten amerikanischen Regisseuren und konnte sich seine Projekte aussuchen. Bevor er die Fortsetzung seines Mafia-Epos' drehte, inszenierte er ein Drehbuch, das er bereits Mitte der 60er geschrieben hatte, DER DIALOG (The Conversation). Obwohl der Film stark an den Watergate-Skandal erinnert und die vorherrschende Atmosphäre aus Paranoia und Misstrauen einfängt, betont Coppola, dass sein Film nicht unter dem Eindruck der Ereignisse um Nixons Abhöraktionen entstand. Vielmehr war er von Antonionis "Blow Up" (1966) beeinflusst. Der Protagonist, der durch die meisterhafte Beherrschung seiner Arbeit einem vielleicht vermeintlichen Verbrechen auf die Spur kommt, das ist schon sehr deutlich angelehnt, und wie Antonioni zeichnet Coppola ein genaues Stimmungsbild seiner Zeit. Während Antonioni allerdings alle Fragen offen lässt, werden bei Coppola viele beantwortet, auch wenn sein Held wie im Vorbild letztlich machtlos bleibt.

DER DIALOG ist auch ein Film über Schuld. Harry fühlt sich verantwortlich für den Tod mehrerer Menschen, kann seine Arbeit aber auch nicht aufgeben, weil er der Beste auf dem Gebiet ist und er sie meisterhaft beherrscht. Viel mehr beherrscht die Arbeit aber ihn. Er, der sich niemandem anvertrauen kann, hat nur die Beichte, um sich auszusprechen. Hier muss er keine Abhöranlagen vermuten, alles Gesagte wird gehört, aber nicht preisgegeben, und seine Sünden werden vergeben. Leider kann Harry sich selbst nicht vergeben.
So machtlos wie er sich angesichts der Ereignisse im letzten Akt zeigt, so machtlos ist er gegenüber sich selbst. Er kann nicht hinaus aus seiner Haut. Am Ende kann er keinen Mord verhindern, und die bloße Androhung "Wir überwachen Sie" reicht aus, um Harry vollkommen in den Wahnsinn zu treiben. Wenn er sein Apartment auf der Suche nach versteckten Wanzen von oben bis unten auseinandernimmt und vom Jäger zum Gejagten wird, erreicht er seinen persönlichen Tiefpunkt. Harrys Leben liegt (buchstäblich) in Trümmern. Aber er kann nicht aus seiner Haut.

DER DIALOG ist ein in jeder Beziehung herausragender Film. Er gewann die goldene Palme in Cannes und erhielt drei Oscar-Nominierungen, unter anderem für den besten Ton, der hier wirklich brillant genutzt wird. Immer wieder hören wir (mit Harry) die aufgenommene Unterhaltung der Zielpersonen, mal elektronisch verzerrt, dann gefiltert, mit Hintergrundgeräuschen, dann wieder ohne. Eine Unterhaltung zweier Passanten wird zum Kernstück des Thrillers. Wie Harry versuchen auch wir den Schlüssel zu finden, der diese Unterhaltung wichtig für den Auftraggeber machen könnte. Das Entzerren des Gesprächs ist ein ähnlicher Vorgang wie das Aufblasen des Fotos in "Blow Up", aber das Ergebnis ist wieder nicht eindeutig, sogar irreführend. Die Technik ist ein Hilfsmittel, die Wahrheit gibt sie nicht wieder, denn die Unterhaltung muss erst interpretiert werden, um ihren Sinn zu verstehen.

Gene Hackman zeigt eine fantastische Leistung als Harry Caul. Mit dem dünnen Regenmantel und den Accessoires der 60er (Brille, Krawattenhalter) wirkt er wie ein Relikt der 60er, fehl am Platz in jeder Beziehung. Er bleibt ein Außenseiter, kann nur von draußen hineinschauen und hineinhören in die Welt.
In den Nebenrollen tummeln sich exzellente Schauspieler wie John Cazale ("Hundstage", 1975), Frederic Forrest ("Die Wiege des Satans", 1978), Terri Garr ("Frankenstein Junior", 1974) und der junge Harrison Ford als zwielichtiger Assistent von Auftraggeber Duval. Kamera, Schnitt, Licht und das eingängige Klavierthema von David Shire unterstützen diesen großen kleinen Film, der viele überrascht hat. Von Coppola hatte man etwas ähnlich Gigantisches wie den "Paten" erwartet, nicht europäisches Arthouse-Kino. DER DIALOG wird aber bis heute geschätzt und geliebt, viele halten ihn für Coppolas besten Film. Er war zudem äußerst einflussreich. Brian De Palma hat ganze Sequenzen in "Blow Out" (1981) übernommen, und die Obsession des einzelgängerischen Zuhörers mit der Stimme vom Band findet sich in zahlreichen Werken bis hin zu Trash wie "The Specialist" (1995).

Wenn ich etwas am DIALOG kritisieren müsste, dann wäre es nur ein einziges Detail - und zwar der Kugelschreiber. Ich glaube einfach nicht, dass sich ein Mann wie Harry Caul, der keine Fragen beantwortet und überall Spione wittert, von einem offensichtlichen Konkurrenten einen Kugelschreiber an die Jacke heften lässt, selbst wenn er nicht auf die Idee kommt, darin könnte ein Mikro versteckt sein. Nicht, nachdem der Film so sorgfältig und nachhaltig das Psychogramm dieses paranoiden Mannes entworfen hat. Darüber stolpere ich jedes Mal.
Macht aber nichts.
DER DIALOG ist amerikanisches Autorenkino der 70er, wie es nicht besser geht.

10/10


Harry Caul an seinem Arbeitsplatz -
Gene Hackman in "The Conversation"

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