Sonntag, 20. November 2011

Blutdurst (1979)

Aus Australien kommt diese relativ unbekannte Perle, die den Vampirmythos ordentlich entstaubt und ihn von allen Knoblauchzehen und Holzpfählen befreit hat. Wie es sich für das Kino der 70er gehört, spielt BLUTDURST (Thirst) intelligent mit gesellschaftlichen Ängsten und benutzt das Genre-Korsett nur als Absprung für eine Geschichte ganz anderer Art.

Zu Beginn erwacht Hauptdarstellerin Chantal Contouri schreiend in einem Sarg, irgendwo in den Katakomben eines düsteren Gemäuers. So weit, so klassisch. Dann aber springt die Handlung eine Woche zurück, und wir erfahren die Hintergründe. Offenbar ist die von Contouri gespielte Kate eine direkte Nachfahrin der ungarischen Blutgräfin Elizabeth Bathory. Als solche wird sie von einer Geheimorganisation entführt, die aus modernen Vampiren besteht, und die außerhalb der Stadt eine Art Menschenfarm betreibt. Dort wird jungen, gesunden Menschen das Blut abgezapft, aufbereitet und in Milchkartons verschickt, um die Vampire der internationalen Bruderschaft zu versorgen. Kate soll die Anführerin der Vampirgeschlechter werden, doch dafür muss sie erst einmal dazu gebracht werden, ihrer Herkunft ins Auge zu sehen und den Vampir in sich zu entdecken. Kann Kate dem grausigen Treiben ein Ende bereiten, die Flucht ergreifen, oder setzt sich ihr eigener, tief verborgener Blutdurst durch?

BLUTDURST ist das Spielfilm-Debüt von Rod Hardy, der zuvor und danach viel fürs Fernsehen inszenierte, was man dem sehr sorgfältig in Cinemascope fotografierten Film aber nie anmerkt. Bei Horror-Fans ist BLUTDURST nicht sonderlich beliebt und erhält z.B. in der Internet Movie Database eine unterdurchschnittliche Wertung, die den tatsächlichen Qualitäten des Films nicht gerecht wird. Es ist äußerst erfrischend, einen Vampirfilm zu sehen, der auf beinahe sämtliche Versatzstücke (mit Ausnahme der spitzen Eckzähne) verstaubter Hammer-Schocker verzichtet und neue Wege zu gehen versucht. Weder wird hier eine Liebesgeschichte erzählt, noch strahlen die Blutsauger eine erotische Faszination aus, im Gegenteil. Der Film schildert sie als materiell überlegen und daher privilegiert, die Unterschichten auszubeuten. Auf ihrer Menschenfarm halten sie sich junge Gefangene, die sich offenbar unter Drogen mit ihrem Schicksal abgefunden haben und es teilweise sogar als Ehre empfinden, ihr Blut für die höhere Klasse zu spenden. Dann und wann wird einer von ihnen bei einer feierlichen Zeremonie von festlich gekleideten Vampirgästen (wie einer alten Dame mit lila Haaren) ausgesaugt, und von weither anreisende Vampir-Touristen erhalten eine Führung durch die Anlage (und machen begeistert Fotos von den Gefangenen, die gerade per Maschinen angezapft werden). Die Vampire haben kein Problem mit Sonnenlicht, verwandeln sich nicht in Fledermäuse und können sogar auf das Trinken von Blut verzichten, wenn es sein muss.

Neben diesen zeit- und gesellschaftskritischen Ansätzen und der Abkehr vom klassischen Vampirfilm wird auch die Legende der Elizabeth Bathory, die angeblich im Blut von Jungfrauen badete, um ihre Jugend und Schönheit zu bewahren, modernisiert, wenn Kate im späteren Verlauf unter die Dusche steigt und statt Wasser Blut aus der Brause schießt.
Der Spannungsaufbau des Films holpert zwar etwas, doch gelingen Rod Hardy immer wieder spannende Sequenzen, wie die erste Flucht Kates von der Blutfarm, von der wir wissen, dass sie schief gehen wird, aber nicht wie und warum (und vor allem wann). Da die Drahtzieher und ihre Absichten sehr früh enttarnt werden, bleiben die sehr großen Überraschungen im zweiten Teil aus. Dafür ist die Sequenz, in der Kate mittels Drogen und Psychoterror ihre schlummernden Vampirgelüste entdecken soll, indem sie sich in mehreren Alptraumszenarien wiederfindet, äußerst beeindruckend umgesetzt. Es gibt so gut wie kein Klischee in diesem ungewöhnlichen Film, der alles, was man schon gesehen hat, umzukrempeln versucht.

Über ein paar Längen helfen die guten Darsteller, allen voran Hauptdarstellerin Contouri, hinweg. Shirley Cameron zeigt eine klasse Leistung als Leiterin der Blutplantage, und David Hemmings ("Blow Up", 1966), "Deep Red", 1975) bleibt in seiner Rolle als freundlicher Dr. Fraser, der es vielleicht gut mit Kate meint, vielleicht aber doch nur hinter ihrem Blut her ist, wunderbar ambivalent. In einer Nebenrolle kann Filmpsycho Henry Silva dank seines grusligen Gesichts für ein paar Spannungsmomente sorgen und sich explosiv aus dem Film verabschieden, wenn er aus dem Hubschrauber in einen Strommast fällt.
Neben der soliden Regie und den originellen Drehbucheinfällen muss noch Brian Mays Musik erwähnt werden. May war Komponist vieler australischer Genrebeiträge ("Mad Max", 1979, "Patrick", 1978, "Road Games", 1981) und überzeugt hier mit ruhigen, atmosphärischen Klängen, die sich gelegentlich mit großen Chören (zu den blutigen Zeremonien der Vampire) abwechseln.

Fazit: BLUTDURST ist ein unterhaltsamer, streckenweise sehr spannender Horrorfilm, der erfolgreich versucht, den Vampirmythos neu zu interpretieren und ihn zeitgemäß aufzubereiten. Dass er so wenig bekannt und geschätzt wird, ist bedauerlich, aber die meisten Zuschauer wollen anscheinend auf die klassischen Blutsauger und deren unglückliche Liebesgeschichten nicht verzichten. Interessanterweise entstand im gleichen Jahr die sehr klassische (und sehr gute) "Dracula"-Verfilmung von John Badham. Da zeigt sich, wie unterschiedlich man an das Thema herangehen kann.

7.5/10

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