Montag, 24. Oktober 2011

Shocker (1989)

1984 schuf Wes Craven mit "A Nightmare on Elm Street" und dem Kindermörder Freddy Krueger eine neue Kultfigur des Horrors, die schnell so beliebt wurde, dass die Fans sogar die minderwertige Qualität der Fortsetzungen in Kauf nahmen, um ihren Lieblingskiller auf der Leinwand zu sehen. Craven, der zur Finanzierung des Originals alle Rechte an dem Stoff New Line Pictures und Produzent Robert Shaye übertrug, konnte von dem immensen Erfolg der Filme und der zahlreichen Nebeneinnahmen (inklusive Freddy Actionfiguren und Lunchboxen) nicht profitieren. Da lag es nahe, eine ähnliche, aber eigene Kreatur zu erfinden, und die sollte Horace Pinker werden. Der dazu gehörige Film hieß SHOCKER (Shocker), doch der Kult blieb leider aus.

Der Inhalt: TV-Techniker Horace Pinker (Mitch Pileggi) ist ein Serienkiller, der in Los Angeles sein Unwesen treibt. Mit Hilfe des jungen Jonathan (Peter Berg), der eine telepathische Verbindung zu Pinker besitzt, kann sein Adoptiv-Vater (Michael Murphy) den Mörder schließlich stellen und vor Gericht bringen. Pinker erhält die Todesstrafe und landet auf dem elektrischen Stuhl, doch bei der Hinrichtung schlüpft sein böser Geist mittels elektronischer Zauberkraft in eine anwesende Ärztin und entkommt dem Gefängnis. Von nun an springt Pinkers Seele fröhlich von Körper zu Körper und mordet in verschiedenen Gestalten weiter. Wieder ist es an Jonathan, den Mörder endgültig zur Strecke zu bringen und nebenbei die grausame Wahrheit über seine Herkunft zu erfahren...

SHOCKER ist ohne Zweifel mit viel Drive und Witz erzählt, bietet einige actionreiche Set Pieces, gute Darsteller und reichlich Ideen. Leider wirft Craven aber zu viele dieser unterschiedlichen Ideen in einen Topf und richtet mit ihnen eher ein großes Durcheinander an als ein durchgängiges Spannungsmuster. SHOCKER vermengt Elemente des Slasherfilms mit dem seinerzeit populären Seelen- und Körpertauschkino ("The Hidden", 1987), mixt etwas Voodoo und Magie bei und will zusätzlich noch eine tragische Liebesgeschichte (hat Craven nichts aus dem "tödlichen Freund" gelernt?), eine Soap (Mein Vater, der Serienkiller) und "The Dead Zone" (1983) erzählen. Wo noch Platz ist (sprich, nirgendwo), baut er satirische Spitzen gegen die Medien im allgemeinen und das Fernsehen im besonderen ein. Das wird allzu deutlich im hysterischen Finale, wenn Jonathan und Pinker sich in die Stromleitung beamen, durch mehrere TV-Programme prügeln und dabei abwechselnd in Gameshows, S/W-Horrorfilmen und in fremden Wohnzimmern landen, wo die Familien sich überrascht anschauen, wer da aus der Glotze springt. Das ist leider alles zuviel des Guten, und spätestens jetzt ist man als Zuschauer so ermüdet, dass der Schlussfight nicht mehr packen will.

Beinahe alles in SHOCKER ist zu gewollt und bemüht. Die zynischen Oneliner von Horace Pinker etwa sind in bester Freddy-Manier geschrieben, zünden aber meistens nicht. Überhaupt will dieser Pinker einfach zu sehr ein neuer Freddy sein, komplett mit wieder erkennbarem Kostüm, Maske und Gehabe. Die Spezialeffekte sind ausgezeichnet, erschlagen aber in der Masse Spannung und Charaktere. Umso deplazierter wirkt die zarte Lovestory zwischen Peter Berg und Camille Cooper, die ein brutales Ende findet. Es stecken - schlicht gesagt - drei oder vier Filme in SHOCKER, und die Fülle an Einfällen führt nicht zu einem furiosen Ganzen, sondern zu einem Overkill. An den Kinokassen konnte dann SHOCKER die Erwartungen auch nicht erfüllen. Nicht einmal zu einem Sequel hat es gereicht, geschweige dann zu einem neuen Franchise.

"A Nightmare on Elm Street" hat deshalb so gut funktioniert, weil Craven sehr genaue Regeln aufstellte. Freddy Krueger konnte nur bezwungen werden, wenn man ihn aus dem Traum in die Realität holte. Teenager konnten nur sterben, wenn sie schliefen. Wurde man wach, bevor Freddy einen holte, blieb man am Leben. So einfach. In SHOCKER ist hingegen jederzeit alles möglich. Horace Pinker kann in verschiedene Körper springen (was zu der besten Sequenz führt, in der er sich durch einen Park metzelt und dabei mehrfach die Körper wechselt, bis er schließlich in einem kleinen Mädchen landet, dessen gerade noch liebes Gesicht sich in eine coole Macho-Fratze verwandelt), sein Gegenspieler Jonathan kann zunächst hellsehen und später selbst in Stromleitungen eindringen, die Frau seines Herzens wiederum kann als Geist aus dem Totenreich zurückkehren, um ihm zu helfen, etc., etc. Wenn alle Regeln außer Kraft gesetzt sind - und es ist absolut erstaunlich, dass Craven das nicht gemerkt hat - besteht für den Zuschauer keine Möglichkeit zur Identifikation mehr, man muss sich um niemanden mehr sorgen und schaltet von Teilnahme auf Durchzug.

Glücklicherweise besitzt SHOCKER noch so viel Tempo und Unterhaltungswert, dass er sich trotz der Schwächen als buntes, lautes Popcorn-Kino sehen lassen kann, aber er hätte so viel besser werden können. Schade.

6.5/10

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