Donnerstag, 13. Oktober 2011

Riff-Piraten (1939)

RIFF-PIRATEN (Jamaica Inn) war Hitchcocks letzter britischer Film vor dessen Abreise nach Hollywood und in die Arme David O. Selznicks, eine Piratengeschichte nach Daphne du Mauriers gleichnamiger Erzählung. Wenn es um Hitchcock geht, drückt man zu Recht gern alle Augen zu und versucht auch in den wenigen schwächeren Filmen noch die Einfälle zu finden, die sie zu einem vermeintlich "echten" Hitchcock machen. RIFF-PIRATEN aber bietet keine typischen Hitchcock-Elemente, ist dazu hoffnungslos melodramatisch und altmodisch, die Darstellungen bewegen sich auf Schmierenkomödien-Niveau, von Spannung oder Witz ist weit und breit nichts zu entdecken. Und das nach einer ganzen Kette von Meisterwerken wie "39 Stufen" (1935), "Sabotage" (1936) und "Eine Dame verschwindet" (1939).

Die Handlung: die junge Waise Mary (Maureen O'Hara) reist Anfang des 19. Jahrhunderts an die stürmische Küste Cornwalls, wo sie bei ihren Verwandten unterkommen soll, die eine Taverne namens "Jamaica Inn" betreiben. Was sie nicht ahnt - die Kneipe ist der Haupttreffpunkt der ortsansässigen Piraten, die Schiffe auf die Klippen locken, ausrauben und sämtliche Insassen töten. Mary kommt langsam dahinter, welches Spiel die Bande treibt, zu der auch ihr Onkel (Leslie Banks) gehört. Als sie einem Bandenmitglied (Robert Newton) das Leben rettet, sucht sie Hilfe beim Richter Sir Humphrey (Charles Laughton). Doch der ist der heimliche Anführer der Piraten...

Wenn RIFF-PIRATEN überhaupt etwas ist, dann ist es der Film Charles Laughtons, der auch co-produzierte und mit Hitchcock nicht sonderlich gut zurecht kam. Hitchcock waren die Marotten Laughtons zu anstrengend (so weigerte sich dieser nach Aussagen Hitchcocks, gehend oder stehend fotografiert zu werden, bevor er nicht die richtige Haltung seiner Figur entdeckt hatte), und er bezeichnete den Schauspieler als "liebenswürdigen Witzbold". Laughton reißt in seinen Szenen alle Aufmerksamkeit an sich mit einer vollkommen übertriebenen, cartoonhaften Darstellung, die im besten Fall Amüsement, keinesfalls aber Interesse für seinen Charakter oder den Fortgang der Geschichte verursacht. Die besten Hitchcocks waren die mit den besten Bösewichtern, da waren sich Truffaut und Hitchcock einig. Laughton ist ein jämmerlicher Bösewicht, eine Karikatur, eine alberne Witzfigur. Und trotzdem ist er der einzige unterhaltsame Aspekt des ganzen Piraten-Unsinns.
Die 'Geschichte' besteht ohnehin nur aus einer einzigen Situation, die sich nicht verändert: Piraten räumen Schiffswracks aus. Punkt. Die Handlung des Films beschreibt lediglich die Demaskierung der einzelnen Figuren innerhalb dieser Grundsituation, angefangen vom ruppigen Onkel, der sich (natürlich) als Mittäter entpuppt, der gedemütigten Tante, die die Taten ihres Mannes (natürlich) aus Liebe deckt, der Identität des vermeintlichen Piraten, der sich (natürlich) als V-Mann herausstellt bis zur Entlarvung des ehrwürdigen Richters als Chef der Gang.

Obwohl nicht gerade tödlich langweilig, bleibt das Spiel um diese Enttarnungen langatmig und weitgehend uninteressant. Dass der Zuschauer übrigens grundsätzlich sehr viel früher um die Machenschaften aller Beteiligten - ob gut oder böse - ahnt, hilft nicht etwa dem typischen Hitchcock-Suspense, sondern sorgt nur dafür, dass die Figuren dumm und blind wirken. Die Verwandlung der schönen, aber naiven Protagonistin in eine aktive Kämpferin hat Hitchcock später sehr viel wirkungsvoller und glaubwürdiger geschildert (siehe "Fenster zum Hof", 1954, oder den unterschätzten "Die rote Lola", 1950).

Da helfen leider auch Hitchcocks bizarre Bauten und düstere Ausleuchtung nicht, wenngleich es einige durchaus hübsche Einstellungen gibt (z.B. bei Marys Ankunft). RIFF-PIRATEN ist ein durch und durch künstlicher Studio-Film, der niemals die Atmosphäre kreiert, die er brauchen würde, um seine Geschichte überzeugend zu präsentieren. Von den Darstellern kann Maureen O'Hara als einzige punkten, und das allein wegen ihrer Schönheit. In der deutschen Fassung wird sie übrigens sehr angenehm von Ruth Leuwerik synchronisiert (Charles Laughton hat da weniger Glück mit einem näselnden Sprecher). O'Hara und Charles Laughton verließen ebenso wie Hitchcock kurz darauf England, um in Hollywood Karriere zu machen.

RIFF-PIRATEN bleibt ein Kuriosum im Schaffen Hitchcocks. Der Regisseur hat im Interview mit Truffaut gesagt, er habe Kostümfilme nie sonderlich gemocht. Was ihn an diesem Stoff reizte, bleibt unklar. Vielleicht sollte er als Ausstattungsstück eine Visitenkarte für Hollywood sein und zeigen, dass er zu mehr fähig war als brillante Thriller und Agentenfilme zu inszenieren. Das war aber nun wirklich nicht nötig. Obwohl als letzter seiner britischen Phase entstanden, wirkt RIFF-PIRATEN um Jahre älter als seine Vorgänger. Natürlich wird es immer die hartnäckigen Verehrer geben, die auch in RIFF-PIRATEN Spuren von Originalität entdecken, und das ist vermutlich auch gut so. Ich werfe hier das Handtuch.

03/10

Ankunft im 'Jamaica Inn' - Leslie Banks und Maureen O'Hara

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...