Samstag, 1. Oktober 2011

Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss (1969)

In Amerika herrscht die Depression. Menschen hungern, aber die Show geht weiter. Hat sich daran je etwas geändert?
Die desillusionierte, zynische Gloria (Jane Fonda) nimmt an einem Tanzmarathon teil, weil es Geld verspricht. Ihren Partner lernt sie gerade kennen. Es ist der junge Robert (Michael Sarrazin). Die Bekanntschaft mit ihm wird ihr Leben verändern. Veranstalter des Tanzmarathons ist der abgehalfterte Rocky (Gig Young), der den Zuschauern Illusionen verkauft, wo keine sind. Die Teilnehmer gehen für den Gewinn an ihre körperlichen und psychischen Grenzen und noch darüber hinaus. Ein Starlet (Susannah York) wird den Verstand verlieren, ein alternder Matrose (Red Buttons) wird das Ende des Marathons nicht mehr erleben. Die schwangere Ruby (Bonnie Bedelia) hat keine Ahnung, wie sie ihr Kind einmal ernähren soll, ihren Mann (Bruce Dern) kümmert das nicht, er schleppt sie mit und schont sie nicht einmal vor dem 'Derby', einer menschenverachtenden Einlage, bei die Teilnehmer wie Rennpferde um die Wette traben müssen. Die Zuschauer werfen ihnen bei Sympathie Kleingeld vor die Füße, das sie - auf allen vieren über den Boden kriechend - aufsammeln.
Die Glitzerkugel dreht sich weiter, die Band spielt fröhliche Klassiker ("Easy Come, Easy Go"), die wie blanker Hohn wirken. Brot und Spiele, das wussten schon die alten Römer, lenken von den alltäglichen Problemen ab. So lange die Menschen Unterhaltung haben, stellen sie das System nicht in Frage. Und es ist ein verachtenswertes, marodes, korruptes und zynisches System. Robert erinnert sich, wie sein Pferd erschossen wurde, als er noch ein Kind und die Zeit eine glücklichere war. Es war ein Gnadenschuss, aber das konnte das Kind nicht verstehen. Der erwachsene Robert weiß nur zu gut, was ein Gnadenschuss bedeutet. Von wem ist hier ein Gnadenschuss zu erwarten?

Nach einem Roman von Horace McCoy, der zur Zeit der Depression entstand, inszenierte Sydney Pollack seinen ersten großen und vielleicht eindrucksvollsten Film, NUR PFERDEN GIBT MAN DEN GNADENSCHUSS (They Shoot Horses, Don't They?). Obwohl die Kritiker seinerzeit geteilter Meinung waren, gehört sein Werk fraglos zu den besten amerikanischen Filmen aller Zeiten und ist heute noch so relevant und packend wie damals. Alle Beteiligten vor und hinter der Kamera zeigen Meisterleistungen. Jane Fonda konnte sich mit diesem Film vom Image des Sex-Püppchens befreien und wurde als Schauspielerin ernst genommen, ebenso Susannah York und der alternde Gig Young, der hier einmal nicht der Ersatz für Tony Randall sein musste und die beste Darstellung seiner Karriere zeigt.

Die Phase, in der NUR PFERDEN GIBT MAN DEN GNADENSCHUSS entstand, gehört zu den spannendsten der Filmgeschichte. Das Kino wandte sich von zwar gut gemachter, aber realitätsferner Unterhaltung ab und nahm sich wichtiger und realer Themen an, brachte schwierigste Sujets auf die Leinwand und entdeckte eine ganze Generation von Filmemachern und Schauspielern. Zu den Konkurrenten bei der Oscar-Verleihung im Jahr 1970 zählten "Asphalt Cowboy", "Easy Rider", "Alice's Restaurant", "Zwei Banditen" und "Wild Bunch", die allesamt zu Klassikern des 'New Hollywood' wurden, während aufgeblasene Star-Vehikel wie "Hello, Dolly", die den alten Traum vom Glamour verzweifelt bewahren wollten, weder beim Publikum noch bei Filmjurys ankamen.

Obwohl NUR PFERDEN GIBT MAN DEN GNADENSCHUSS auf einige melodramatische Effekte und vordergründige Dialoge nicht verzichten kann, ist Pollacks Film eine dramatische Tour de Force, die den Darstellern und dem Zuschauer alles abverlangt. Mit seinen Protagonisten zieht er einen Querschnitt durch den unteren Teil der amerikanischen Gesellschaft, die Kamera bleibt immer nah an den Gesichtern der Erschöpfung, des Leids und des Wahnsinns. Grimmiger Humor sorgt für einige leichtere Momente, die das Horror-Spektakel erträglicher machen, das Ende hingegen sorgt mit einer bitteren Schlusspointe dafür, dass der Film nachhaltig im Gedächtnis bleibt. John Schlesingers "Der Tag der Heuschrecke" (1975), der ebenfalls die dunkelsten Seiten der Unterhaltungsindustrie zur Zeit der Depression schildert, hat viel von der Atmosphäre aus Pollacks Film übernommen. Man sollte beide Filme am besten im Doppelpack sehen. Das ist zwar nicht unbedingt ein kuscheliger Filmabend, aber ein künstlerisch inspirierender und unvergesslicher.

NUR PFERDEN GIBT MAN DEN GNADENSCHUSS war so populär, dass sein Titel Einzug in die Pop-Kultur fand und mehrfach in Film und Literatur wieder aufgegriffen wurde. So wurde der Film auch in einer köstlichen Folge der 'Golden Girls' parodiert.

10/10


Bis zum bitteren Ende- Fonda, Buttons, York und Sarrazin in
"The Shoot Horses, Don't They?"

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