Donnerstag, 6. Oktober 2011

Julia und Julia (1987)

Nicht zu verwechseln mit der Meryl Streep-Kochkomödie "Julie und Julia" (2009) ist dieser italienische Mystery-Thriller aus den späten 80ern, JULIA UND JULIA (Giulia e Giulia) von Peter del Monte, der leider trotz Starbesetzung im Kino gefloppt und weitgehend unbekannt geblieben, weswegen man ihn bis heute nicht auf DVD erhält.

Kathleen Turner, die sich gerade auf dem Höhepunkt ihrer Popularität befand, spielt in diesem Film die Titelrolle, eine Amerikanerin, die am Tag ihrer Hochzeit in Italien in einen Autounfall verwickelt wird, bei dem ihr Ehemann Paolo (Gabriel Byrne) ums Leben kommt. Die trauernde Witwe findet sich plötzlich in zwei Welten wieder. In der einen lebt sie allein und vereinsamt in Triest, wo sie als Reisebüroangestellte arbeitet, in der anderen lebt sie weiter mit ihrem Mann und ihrem Sohn in einem alten Apartment, beginnt aber eine Affäre mit einem englischen Fotografen (Sting). Bald schon vermischen sich die beiden Existenzen, und Julia muss sich fragen, welche von eigentlich real ist - oder ob sie den Verstand verloren hat...

Filmhistorisch ist JULIA UND JULIA insofern bemerkenswert, als dass er der erste Kinospielfilm war, der auf HD Video aufgenommen und später auf 35mm kopiert wurde. Die Videofassung enthielt die HD Version, die einen sehr flachen Look aufweist und wie eine billige Soap wirkt (oder wie wir früher in den 80ern sagten: "wie ein englischer Fernsehfilm", weil dort die Innenaufnahmen oft auf Video gedreht waren und nie zu den auf Filmmaterial gedrehten Außenaufnahmen passten), während die Kinofassung wie ein 'herkömmlicher' Spielfilm aussah. Ob das der Grund für den finanziellen Reinfall war, lässt sich schwer sagen, auf jeden Fall ist JULIA UND JULIA ein sehr interessantes, experimentelles Mystery-Drama, das eher die Arthouse-Fans begeistern dürfte als das Mainstream-Publikum, das für jede aufgeworfene Frage auch eine Antwort haben möchte. So ist der Film auch mehr Auslotung des Seelenzustands seiner Protagonistin als ein spannender Thriller. Die Atmosphäre ist durchweg mysteriös, das Erzähltempo ruhig, und die unterschwellige Musik von Maurice Jarre verstärkt noch den Eindruck einer Geistergeschichte. Was real und was Fantasie ist in diesen beiden Welten von Julia, wird auch bis zum Ende nicht geklärt, da kann jeder frei interpretieren. Hat der Kummer über den Verlust des geliebten Mannes Julia in den Wahnsinn getrieben? Ist der Unfall womöglich nie passiert und die Wunschvorstellung einer Frau, die in einer unglücklichen Ehe gefangen ist (Paolo arbeitet den ganzen Tag und hat kaum Interesse an seiner Frau)? Träumt Julia davon, frei zu sein, oder will sie das erlebte Unglück ungeschehen machen? Warum taucht Sting als Liebhaber in beiden Welten auf? Fragen über Fragen...

Leider hat Peter del Monte nicht das Talent eines Nicolas Roeg, der aus dieser fabelhaften Geschichte einen wirklich durchweg faszinierenden Film à la "Wenn die Gondeln Trauer tragen" (1973) machen könnte, an den JULIA UND JULIA stark erinnert. So nutzt del Monte den exzellenten Schauplatz Triest mehr als Postkartenhintergrund denn als aktiven Teil der Geschichte, obwohl er förmlich danach schreit. Das Drehbuch bemüht sich zwar um innere Logik, hat aber wegen der Handlungsarmut auch einige Längen. Trotzdem ist die Grundidee so gut, dass sie dem Film über diese Schwächen hinweghilft.

Die Darsteller geben ohnehin ihr Bestes, das gilt vor allem für Kathleen Turner, die sich mit Inbrunst in beide Julia-Rollen (die im Grunde eine ist) wirft. Die Figur der verwirrten Julia gibt natürlich einiges her und ist eine willkommene Gelegenheit für jede Schauspielerin, eine ganze Palette an Emotionen darzubieten, von Trauer, Horror, Angst und Paranoia bis zu Momenten der Leidenschaft, die sie mit ihrem Geliebten erfährt. Turner spielt die Julia ohne Übertreibungen, sinnlich, kühl und unergründlich. Sie stellt hier einmal mehr unter Beweis, warum sie zu den beliebtesten Schauspielerinnen im Kino der 80er zählte, und warum ich seinerzeit ihr größter Fan war (deswegen kann ich mit den Girlies auch nichts anfangen, die das aktuelle Kino bevölkern, ich möchte lieber erwachsene Frauen mit Charakter sehen als bauchnabelfreie Botox-Debütantinnen, die nicht spielen können). Turner kann auch einen schwächeren Film mühelos tragen. Zwischen ihr und Partner Sting herrscht eine sexuell aufgeladene Chemie, die man nicht alle Tage sieht. Ihre gemeinsamen Szenen sind die Highlights des Films.

Interessanterweise erinnert JULIA UND JULIA noch an einen anderen 'Julia'-Film, nämlich "Julias unheimliche Wiederkehr" (1977), in dem Mia Farrow eine trauernde Mutter spielt, die nach dem Tod der Tochter von unheimlichen Visionen geplagt wird. Beide Filme spielen mit der Idee, dass eine traumatisierte Frau eine Fantasiewelt entstehen lässt, in der sie ihr Glück sucht, die ihr aber letztendlich zum Verhängnis wird und sie endgültig in den Wahnsinn abdriften lässt.
Wer ein Faible für diese Art von düsteren Märchen und 'Was wäre wenn?'-Geschichten hat, oder wer ein Fan der 'Twilight Zone' ist, für die diese Art der Struktur typisch war, für den ist JULIA UND JULIA zu empfehlen. Sollte irgendwann mal die DVD erscheinen, gehöre ich jedenfalls zu den ersten Vorbestellern. Ich hoffe, die Botschaft ist bei den Verantwortlichen angekommen! Hallo? Bitte veröffentlichen!

7.5/10

Ein Geliebter aus einer anderen Welt oder ein völlig Fremder?
Sting und Kathleen Turner in "Julia und Julia"

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...