Donnerstag, 27. Oktober 2011

Ich will doch nur, dass ihr mich liebt (1975)

Das Sozialdrama ICH WILL DOCH NUR, DASS IHR MICH LIEBT hat Rainer Werner Fassbinder 1975 für den WDR gedreht. Der Fernsehfilm ist jüngst in Deutschland auf DVD und Blu-Ray restauriert neu erschienen und eine willkommene Veröffentlichung für Fassbinder-Fans, die sich bislang mit ausländischen VHS begnügen mussten, um diesen Film sehen zu können.

Der junge Maurer Peter (Vitus Zeplichal) wird wegen Totschlags verhaftet und ins Gefängnis gesperrt. Der Film beleuchtet die Hintergründe der Tat. Peter ist ein Mann, der Liebe will und dafür alles tut. Um seinen Eltern zu gefallen, baut er ihnen neben der Arbeit auf dem Bau noch in der Freizeit ein Haus. Seiner Frau (Elke Aberle) macht er teure Geschenke, die er auf Raten kauft. Bald wachsen ihm die Schulden über den Kopf, immer wieder muss er seinen Vater um Geld anbetteln. Er verliert seinen Job und kauft sich eine Gaspistole. Als er in einem freundlichen Gastwirt das Ebenbild seines Vaters erkennt, tötet er ihn. Die Gefängnis-Psychologin fragt: "Leben Sie eigentlich gern?", aber Peter kann nicht darauf antworten.

ICH WILL DOCH NUR... ist ein in mehrfacher Hinsicht bedeutsamer Film im Schaffen Fassbinders, vor allem ist er ein Film des Übergangs. Letztmalig erzählt Fassbinder hier eine Geschichte aus dem Arbeitermilieu der Gegenwart, bald sollten die großen Melodramen der Zeitgeschichte folgen. Peter ist sein letzter kleiner tragischer Held und wird grandios von Vitus Zeplichal verkörpert, der seinen Regisseur geradezu beängstigend gut imitiert, insbesondere in den Szenen mit der Psychologin, in denen man stets Fassbinder in diversen Talkshows sitzen sieht. Mimik und Gestik Zeplichals stimmen bis ins Detail. Dieser Peter ist ein kreuzbraver Mann, der sich selbst ins Unglück stößt, ein naiver Tölpel, über den sich Fassbinder aber nie lustig macht, weil er sich selbst in ihm wieder erkennt. Und wir anderen auch.

Der Titel des Films veranlasst Rezensenten gern zu der Bemerkung, dass er Fassbinders Persönlichkeit auf den Punkt bringe, aber das greift natürlich zu kurz. Fassbinder wollte sicher mehr als nur geliebt werden. Der Titel trifft dafür auf viele seiner Filmhelden zu. Petra von Kant, Veronika Voss oder Elvira Weishaupt zerbrachen allesamt an dem unstillbaren Drang nach Liebe. Peters Ringen um die Gunst seiner Mitmenschen ist berührend und aufrichtig, geht oftmals bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus. Ebenso wie im dokumentarischen "Warum läuft Herr R. Amok?" (1970) mag man kaum mitansehen, wie Peter direkt und sehenden Auges ins Verderben läuft. Wenn er an der U-Bahn-Station "Nordfriedhof" steht und über seine traurige Zukunft nachdenkt, weiß man spätestens, dass er verloren ist. Der Mord im Affekt an der Vaterfigur (sowohl sein Vater als auch der doppelgängerische Gastwirt werden von Alexander Allerson gespielt) ist ein verzweifelter Schrei nach Liebe und Anerkennung. Der Mord am Doppelgänger sollte in "Querelle" (1982), Fassbinders letztem Film, erneut stattfinden.

Das Thema der privaten Verschuldung ist natürlich brennend aktuell. Auch Peter glaubt, seiner Frau etwas "bieten" zu müssen und kauft, ohne nachzudenken. Der Kapitalismus (in Form von Kaufhäusern und Banken) ermöglicht es dem Paar, sich immer weiter zu verschulden. Die wahre Liebe hat keine Chance in diesem Umfeld. Peters Frau verlangt zwar keine Geschenke, nimmt sie aber bereitwillig an (bereits bei ihrer ersten Begegnung muss Peter ihr eine Spezi kaufen, weil sie sich nicht zwischen Cola und Limo entscheiden kann), die Gesellschaft erwartet das von ihr. Kaum eine Szene, in der Peter nicht mit Blumen vor der Tür steht, und im ganzen Film gibt es keine Unterhaltung zwischen Peter und seiner Frau nach der Hochzeit, in der es nicht um Geld geht. Peters Mutter hingegen hat gar keine Liebe für ihren Sohn und kann auch mit Blumen nicht bestochen werden. Sie ist in ihrer gnadenlosen Härte (perfekt gespielt von Erni Mangold) beinahe schon eine Karikatur. Dazu gehört, dass die Eltern keine Namen im Film tragen, sie sind nur "Vater" und "Mutter". Wie viele Männer seines Alters will Peter die (materiellen) Ideale der Elterngeneration auch für sich beanspruchen und scheitert damit, weil er nicht nach eigenen sucht.

Kameramann Michael Ballhaus filmt das traurige Geschehen mit sehr beweglicher Kamera. Seine und Fassbinders Bildsprache ist immer deutlich. Oft sind die Gesichter der Charaktere halb verdeckt von Dekorationen, mehrfach sieht man sie durch Glas und Spiegel. Die Gegenstände befinden sich immer zwischen den Menschen. Die schönste Einstellung erhält Fassbinders Lebensgefährte Armin Meier als männlich-robuster Polier auf dem Bau, der Peter merkwürdige Blicke zuwirft. Die Dialoge sind naturalistisch und werden nur manchmal durch Fassbinders Theatersprache gebrochen ("Die ist günstig, günstig ist die" sagt Ingrid Caven als aufgeregte Verkäuferin einer Strickmaschine). Nur wenige Mitglieder aus Fassbinders Stammensemble spielen mit, dafür zeigen aber Zeplichal, Aberle und die Kollegen exzellente Leistungen. Humor gibt es wenig in dieser sozialen Tristesse, nur manchmal blitzt etwas Gemeinheit auf, etwa wenn Peter seiner Liebsten einen Heiratsantrag vor der wohl unromantischsten Kulisse aller Zeiten macht, während beide knietief im Schlamm stehen.

ICH WILL DOCH NUR... hat insgesamt ein paar wenige und zu verschmerzende Längen. Als Zuschauer muss man akzeptieren, dass der Film weniger dramatisch aufgebaut ist als eher einen Teufelskreis beschreibt. Die Aktionen von Peter sind immer dieselben. Er kauft und verlangt als Gegenleistung Liebe. Je mehr er kauft, umso weniger Liebe bekommt er. Damit ist die Liebe im Fassbinderschen Sinne wieder mal kälter als der Tod. Ein beeindruckender kleiner Film, der zwar nicht an die Wucht vom "Händler der vier Jahreszeiten" (1971) heranreicht, im Vergleich zu heutigen Fernsehdramen aber unglaublich klar, konzentriert und geschlossen wirkt.

08/10


Frisch verheiratet, die Zukunft ist... düster
Elke Aberle & Vitus Zeplichal

Kommentare:

  1. Als ich meine Fassbinder-Phase hatte war dieser Film absolut nicht aufzutreiben, hab das auch schon wieder total vergessen … der Film scheint auch noch in Fassbinders beste Zeit zu fallen (bin kein Fan des Spätwerks). Ich hab also die Hoffnung daß mich hier tatsächlich noch eine unentdeckte Perle erwartet … Danke!

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  2. Hallo Tim, ich habe mich auch sehr über die VÖ gefreut, ich hatte den Film jahrelang auf einer ausgenudelten US-VHS im Schrank, und die Neubearbeitung sieht sehr gut aus. Bleibt zu hoffen, dass auch andere "verschollene" Fassbinder-Werke wie "Wildwechsel" irgendwann aus dem Giftschrank geholt und in guter Qualität veröffentlicht werden. Herzlichen Gruß!

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