Samstag, 15. Oktober 2011

Der Marathon-Mann (1976)

"Ein Film über Angst und Schmerz", sagte Regisseur John Schlesinger über seinen Film DER MARATHON-MANN (Marathon Man). Angst und Schmerz muss Dustin Hoffman als College-Student Thomas "Babe" Levy durchleiden. "Babe" steht als Abkürzung für seinen zweiten Vornamen Babington, aber er steht auch für einen Grünschnabel, der sich mit der Theorie von Tyrannei an der Uni auseinandersetzt, diese selbst aber noch am eigenen Leib erfahren wird, nachdem sein Bruder Henry (Roy Scheider), der für den amerikanischen Geheimdienst als Kurier arbeitet, brutal niedergestochen wird und sich gerade noch in Babes Wohnung schleppen kann, bevor er stirbt.
Was der Bruder ihm vor seinem Tod ins Ohr flüsterte, das wollen sowohl der Geheimdienst als auch der ehemalige KZ-Zahnarzt Szell (Laurence Olivier) wissen, der getarnt in Südamerika lebte und nun in New York eintrifft, um ein verstecktes Vermögen in Diamanten an sich zu bringen, das sich in einem Bankschließfach befindet. Bald schon wird Babe von Szell gefangen genommen und grausam gefoltert, kann aber entkommen und läuft um sein Leben...

"A Thriller" steht schlicht auf dem Kinoplakat, und ein Thriller ist MARATHON MANN durch und durch. Nachdem man als Zuschauer anfangs durch die beunruhigenden Parallelstränge, die noch keinen logischen Zusammenhang ergeben, genügend verunsichert wurde, läuft der Film ab Roy Schneiders Filmtod auf Hochtouren und springt von einem Höhepunkt zum nächsten, lässt seinem Publikum und seinem Protagonisten Hoffman keine Zeit mehr, Luft zu holen bis zum erlösenden Abspann.

Für die besonders sensiblen Zuschauer war die mittlerweile berühmte Szene, in der Laurence Olivier den an einen Zahnarztstuhl gefesselten Hoffman mit Bohrer und anderen Instrumenten quält, kaum zu ertragen und musste auf ein Minimum heruntergekürzt werden. Auch in dieser abgespeckten Form ist sie noch so wirkungsvoll, dass sie buchstäblich Schmerzen bereitet. Anders als in übertriebenen Actionfilm-Szenarios handelt es sich hier um Schmerzen, die man nachempfinden kann, die wir alle kennen. So ist Dustin Hoffman für den Zuschauer auch eine perfekte Identifikationsfigur. Nichts passiert im MARATHON-MANN, was in der Realität nicht ebenfalls geschehen könnte, und Hoffman ist alles andere als ein Übermensch oder strahlender Kämpfer für die Gerechtigkeit. Die nackte Angst steht ihm ins Gesicht geschrieben, wenn er in seinem Badezimmer überfallen wird oder in der Schlafanzughose um sein Leben rennt. Er schreit um Hilfe, heult und hält mit zitternder Pistole die Bösen in Schach, bevor es zum Shootout kommt. Zum Mörder wird er nicht, auch wenn Autor William Goldman das gern gesehen hätte. Im Film handelt Hoffmans Figur stets aus Notwehr, sogar im Finale muss Widersacher Olivier selbst in seine Todeswaffe stürzen. Das ist aber schon der einzige Kompromiss, den John Schlesinger eingeht (und der von Goldman als "Hollywood Bullshit" bezeichnet wurde, nicht zu Unrecht).

Laurence Olivier wurde durch seine eiskalte Darstellung ein weiteres Mal unsterblich. Er und Hoffman hatten komplett unterschiedliche Ansichten und Herangehensweisen, was die Schauspielerei betrifft, ihr Zusammenspiel ist auch deswegen unendlich faszinierend. Hier der Method Actor des New Hollywood, der alles spüren muss und gern improvisiert, dort der gefeierte Theatermime, der größten Wert auf kontrolliertes, textgenaues Arbeiten legt. Aber Schlesinger akzeptiert keine One-Man-Show und lässt beide trotz grandioser Leistungen Teil eines hochkarätigen Ensembles sein, zu dem Roy Scheider, William Devane und Marthe Keller weitere hervorragende Beiträge leisten.

Formal gehört DER MARATHON MANN zu den typischen Vertretern des 70er Polit-Thrillers. Die realistische Kameraführung von Conrad L. Hall ist ebenso eindringlich wie der minimalistische Soundtrack von Michael Small. Der Film gehört somit in eine Reihe hochklassiger Werke wie "Zeuge einer Verschwörung" (1974), "Klute" (1986) und "French Connection" (1971). Das Drehbuch von William Goldman, das er nach seinem eigenen Roman verfasste, weist keinerlei Längen, dafür aber jede Menge Suspense, interessante Charaktere, politische Subtexte (besonders eindrucksvoll in der Schlussphase, wenn Laurence Olivier als ehemaliger KZ-Zahnarzt im jüdischen Viertel New Yorks unterwegs ist, um den Wert von Diamanten in Erfahrung zu bringen und von KZ-Überlebenden auf der Straße erkannt wird) und großartige Set Pieces auf. Bereits einer der vielen Spannungsmomente würde jedem Film zu Ehre gereichen, John Schlesinger aber hat gleich ein halbes Dutzend auf Lager. Daher ist sein Film auch ein anerkannter Klassiker des Genres, der nur schwer übertroffen werden kann.

Hoffmans "Babe" ist im wahrsten Sinne ein Marathon-Mann. Nicht nur weil er tatsächlich für den Marathon trainiert, sondern weil er von Anfang an ein Gehetzter ist. Er wird von den Erinnerungen an seinen Vater verfolgt, der sich das Leben genommen hat, und in dessen Fußstapfen er glaubt, treten zu müssen, und später wird er von den Übeltätern gejagt. Erst in der letzten Einstellung des Films kommt er zur Ruhe und kann - entegen seiner ursprünglichen Laufrichtung - langsamer gehen. Nur der Zahn tut noch weh.
Ein Rest von Schmerz wird immer bleiben.

10/10

Wohlbefinden oder Schmerz?
Laurence Olivier als "weißer Engel" in "Marathon Man"

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...