Mittwoch, 26. Oktober 2011

Deep in the Woods (2000)

Mit Wes Cravens Slasher-Revival "Scream" (1996) wurden die Teenager-Metzel-Filme wieder salonfähig, die Ende der 80er bereits ihr seliges Ende gefunden hatten. Maskierte Killer, die Jagd auf hübsche Mittzwanziger machen, schossen erneut wie Pilze aus dem Boden. Man erkennt sie stets an den Plakaten, auf denen die Darsteller dem Bekanntheitsgrad nach aufgereiht sind und finster dreinblicken. Die Franzosen, die es eigentlich besser wissen sollten, schlossen sich ebenfalls dem Modetrend an und produzierten mit DEEP IN THE WOODS (Promenons-nous dans les bois), eine Mischung aus Rotkäppchen-Motiven, Landhaus-Grusel und Schlitzerfilm.

Die Story: Fünf junge Schauspieler sollen in einem abgelegenen Landhaus für den kleinen Sohn eines Barons (Francois Berléand) eine "Rotkäppchen"-Inszenierung aufführen. Ein unheimlicher Killer verfolgt die Künstler nach der Theaterstunde im Wolfskostüm, um sie in die ewigen Jagdgründe zu befördern...

Ja, mehr Inhalt gibt es nicht. Überhaupt kümmert sich Regisseur Lionel Delplanque mehr um Ausleuchtung und formale Spielereien als so etwas Profanes wie die Story. Stark von der Webeästhetik beeinflusst, ist denn DEEP IN THE WOODS auch vor allem ein Film fürs Auge. Die Sets sind erlesen, die Jungstars fast zu schön, um wahr zu sein, Musik und Sound werden raffiniert eingesetzt, die Kamera macht haufenweise kunstgewerbliche Mätzchen. Allein, wo ist die Spannung?

Dass der Film dem ausgelutschten Slasher-Genre keine neuen Seiten mehr abgewinnen kann (weil es keine mehr gibt), ist ohnehin klar, da nützen auch die wahllos eingestreuten Märchenzitate nichts. Dabei erzielt Lionel Delplanque zu Beginn eine ganz überzeugende Atmosphäre der Bedrohung (die an Haneke erinnert, nur eben gefälliger), wenn ein Telefonklingeln schon zu hören ist, während wir uns noch in einer anderen Szene befinden und es weitaus mehr Stille als Dialoge gibt. Der alte Hausherr zitiert gern Gedichte und streichelt den schönen blonden Neuankömmling, der Diener weidet mit Vorliebe Tiere aus, und der bizarre Spross, für den das "Rotkäppchen"-Spektakel in Szene gesetzt wird, stößt sich vor Freude gleich die Gabel in die Hand. Wenn dann aber endlich der Horror losgehen müsste, bleibt der Film steif und ereignislos. Wie bei einem abgebrochenen Striptease reizt er unaufhörlich, löst aber nie etwas ein. Offensichtlich möchte Lionel Delplanque lieber in die Arthouse-Ecke, hat dafür aber nicht den geeigneten Stoff (für gelungene Horrorfilme in der Arthouse-Ecke siehe Jessica Hausners hervorragenden "Hotel", 2004) und schon gar nichts von Bedeutung zu erzählen.

So kann man denn als Zuschauer die Optik und einige hübsche Szenen genießen (wie die "Rotkäppchen"-Inszenierung), für den Cineasten gibt es einen Prolog mit Marie Trintignant, die beim Erzählen des "Rotkäppchen"-Märchens stranguliert wird, für die pubertierenden Horror-Freaks baut Delplanque eine höchst überflüssige, aber sehr offenherzige lesbische Sexszene ein (ja, da sind die Franzosen allen ein paar Schritte voraus), die Mädels und schwulen Jungs dürfen sich an den Hauptdarstellern weiden. Leider bleiben die homoerotischen Andeutungen zwischen dem lüsternen Baron und dem Rotkäppchen-Beau Vincent Lecoeur im Ansatz stecken, ebenso wie alles andere auch. Wer sonst noch Wünsche hat, wird frustriert nach Hause geschickt.

Schade, denn im Grunde sind alle notwendigen Elemente da - das unheimliche Schloss, die knarzenden Bäume im Mitternachtswald, sogar das Edgar Wallace-Käuzchen ist zu hören.
Mit deutlich weniger Hochglanz-Ästhetik und mehr saftigen Horror-Einlagen hätte DEEP IN THE WOODS ein ansehnlicher Genre-Beitrag werden können. Das beweist wieder einmal, dass Horror ein schwieriges Genre ist, für das man ein ganz spezielles Händchen braucht. Zu oft aber wird es von Regisseuren, die sich zu Höherem berufen fühlen, als Sprungbrett benutzt, um nach dem kommerziellen Erfolg "richtige" Filme machen zu dürfen. DEEP IN THE WOODS war zumindest in Frankreich ein bescheidener Erfolg, andernorts verschwand er schnell wieder in der Versenkung. Ein seltsamer Film, den man sich ansehen kann, wenn man vorher sämtliche Erwartungen herunterschraubt. Sexy ist er, viel mehr nicht.
Ohnehin ist "Augen ohne Gesicht" (1960) der beste französische Horrorfilm aller Zeiten, und das wird auch so bleiben.

05/10

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