Samstag, 8. Oktober 2011

Blutgericht in Texas (1974)

Die gute Nachricht zuerst: vor kurzem wurde die Beschlagnahmung von Tobe Hoopers BLUTGERICHT IN TEXAS (The Texas Chainsaw Massacre) hierzulande aufgehoben! Vermutlich hat man nach Jahrzehnten endlich erkannt, dass es sich hier nicht nur um einen der bedeutendsten und einflussreichsten Genrefilme überhaupt handelt, der sogar seinen Weg in die Filmsammlung des Museum of Modern Art gefunden hat, sondern dass er - ganz simpel gesagt - viel weniger gewalttätig ist als a) sein Ruf und b) man glauben würde.
Tobe Hoopers Meilenstein darf nun gottseidank wieder legal vertrieben werden. Ein guter Tag für den Horror-Fan, besonders, wenn man sich vergegenwärtigt, dass diesem Film durch Kürzungen, Zensur, Indizierung und Verstümmelung weitaus mehr angetan wurde als den Teenagern, die darin ums Leben kommen.

Worum geht es? Fünf junge Menschen, einer davon im Rollstuhl, fahren mit ihrem Bus durch Texas, um ein altes Haus der Familie aufzusuchen und nach dem Grab des Großvaters zu sehen, das offenbar von Vandalen geschändet wurde. Sie nehmen einen Anhalter mit, der sich schnell als irre entpuppt, sich kichernd Verletzungen zufügt und die Reisenden bedroht. Nachdem sie ihn hinausgeworfen haben, verirren sie sich in den Weiten Texas', stehen ohne Benzin da und geraten an ein abgelegenes Haus, wo sie um Hilfe bitten wollen. Doch dort erwartet sie kein Beistand, sondern der Tod - in Form von 'Leatherface', dem gestörten Mitglied einer degenerierten Schweinezüchterfamilie, der mit der Kettensäge bewaffnet Durchreisende ermordet, die dann von seinen Verwandten zu leckeren Gerichten verarbeitet werden. Einer nach dem anderen der Protagonisten verschwindet spurlos, und die letzte Überlebende, Sally (Marilyn Burns), erlebt die grauenvollste Nacht ihres Lebens...

Wer ihn nicht gesehen hat, wird sich kaum vorstellen können, dass BLUTGERICHT IN TEXAS auf fast jede deutliche Brutalität verzichtet und - ähnlich wie John Carpenter es später in "Halloween" (1978) gelang - seine Spannung und Intensität lediglich durch Andeutungen erzeugt, die so schrecklich sind, dass sich im Kopf weitaus mehr abspielt als auf der Leinwand. Natürlich ist Hoopers Film inszenatorisch unendlich weit von Carpenters raffinierter Cinemascope-Kameraarbeit entfernt. BLUTGERICHT IN TEXAS ist ein kleiner, unabhängig produzierter und mit einfachsten Mitteln hergestellter Film, dessen fast dokumentarische Kamera und laienhaftes Spiel für eine reale Atmosphäre der Beängstigung sorgt. Hoopers Bilder sind nicht schön, sondern dreckig, schundig und roh. Zwei Drittel des Films spielen im grellen Sonnenlicht, es gibt weder bedrohliche Schatten noch knarrende Türen oder nebelverhangene Wälder. Der Horror in BLUTGERICHT IN TEXAS springt dem Zuschauer mitten ins Gesicht.
Gegen Ende erreicht Hooper durch die Konzentration auf die Leiden seines letzten Opfers Sally eine Intensität, die kaum noch zu steigern ist. Der experimentelle, disharmonische Soundtrack zerrt ebenso an den Nerven wie das unaufhörliche Wimmern und Kreischen Sallys. An dieser Stelle ist Hooper ganz nah am so genannten 'Torture Porn', der vor einigen Jahren den Horrorfilm dominierte, und zeigt, wie einflussreich und wegweisend sein Werk war und bleiben wird.

Inhaltlich verarbeitet Tobe Hooper Motive des Serienkillers Ed Gein, der schon Hitchcocks "Psycho" (1960) inspirierte. Gein raubte Gräber aus und stellte aus Menschenhaut und Knochen Lampenschirme, Möbel und Dekorationen her. So finden sich denn im Haus der 'Saw'-Familie auch Dutzende dieser makaberen Ausstattungstücke, die dem Film eine zusätzlich grimmige Note verleihen. Noch bitterer als der Verweis auf die realen Verbrechen aber ist die Tatsache, dass die irren Mörder und Kannibalen tief im Herzen von Hoopers' Texas ungestraft und unentdeckt ihre grausamen Taten verüben. Sein Final Girl darf zwar am Ende entkommen, aber Gunnar Hansen als 'Leatherface', der das Gesicht eines oder mehrerer Toren auf dem eigenen trägt, begrüßt bereits mit seiner Kettensäge den neuen Sonnenaufgang, der ihm weitere Opfer bescheren wird. Das Grauen in Hoopers Film lauert nicht in unheimlichen Schlössern oder kommt um Mitternacht, sondern es ist mitten unter uns.

Für die Zuschauer war BLUTGERICHT IN TEXAS ein Schlag in den Magen. 1972 hatte Wes Craven bereits mit seinem "Last House on the Left" die Grenze des Zeigbaren verschoben. Hoopers Film kam genau zur richtigen Zeit und entwickelte sich schnell zum Kultfilm. Aus dem jungen, unerfahrenen Regisseur wurde über Nacht ein gefeierter Horror-Star. Die Latte, die er selbst so hoch gelegt hatte, konnte er mit seinem Nachfolger "Eaten Alive" (1977) nicht erreichen. Obwohl Hooper noch immer im Genre arbeitet, konnte er mit keinem folgenden Werk an die Qualität seines Erstlings anknüpfen, auch wenn ihm mit "Poltergeist" (1982) ein Mainstream-Hit gelang, der aber durch das Eingreifen des Produzenten Steven Spielberg in die Regiearbeit zu einer unangenehme Erfahrung für Hooper wurde.

Für Zensoren in aller Welt war BLUTGERICHT IN TEXAS seit jeher ein rotes Tuch. Kaum ein anderer Film wurde so sehr gebeutelt wie dieser. Sein suggestiver Titel, der viel mehr Brutalität verspricht als einlöst, ist seither Synonym für ultra-brutalen Horror-Schund, der nichts mit der tatsächlichen Qualität des Films gemein hat. Allein die Werbezeile zum Film, "Who will survive and what will be left of them?", ist eine schwarzhumorige Provokation. Dieser subversive Humor zeigt sich auch im Film. Wenn etwa der Opa der 'Saw'-Familie zu tatterig ist, um sein Opfer Sally mit dem Hammer zu erschlagen, lacht sich der Regisseur hinter der Kamera ins Fäustchen, während der Zuschauer nicht weiß, ob er schmunzeln oder schreien soll.

Egal, wie man zum BLUTGERICHT IN TEXAS steht (ich bin sicher, die meisten jungen Zuschauer werden heute nichts mit ihm anfangen können, weil er so anders ist als alles, was wir in den letzten Jahrzehnten im Genre gesehen haben) - er hat längst seinen Platz in der amerikanischen Filmgeschichte eingenommen und wird dort für immer bleiben. Kein Sequel, kein Nachahmer und kein Remake sollte auch nur annähernd die packende Intensität dieses Klassikers erreichen.

10/10


Leatherface (Gunnar Hansen) begrüßt den neuen Tag mit rotierender Kettensäge -
Die letzte Einstellung in "Blutgericht in Texas"

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