Montag, 26. September 2011

Zombie (1978)

"Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kehren die Toten auf die Erde zurück"

1978 kam ein Film heraus, der an Brutalität alles Vorangegangene in den Schatten stellen sollte, und noch mehr. George A. Romeros ZOMBIE (Dawn of the Dead), die Fortsetzung seines Low Budget-Kultfilms "Die Nacht der lebenden Toten" (1968), war nicht nur ein weltweiter Riesenerfolg und startete eine ganze Welle von Imitatoren, er brachte auch die gesellschaftliche Atmosphäre der späten 70er inklusive Konsumkritik und Endzeitstimmung perfekt auf den Punkt. Nicht nur deswegen gehört er zu den besten und wichtigsten Horrorfilmen aller Zeiten.

Die lebenden Toten, die im Vorgänger aus den Gräbern stiegen, haben mittlerweile die Städte überrannt. Panik und Chaos herrschen überall. Die Wissenschaft bietet zwar Lösungen an, diese beschränken sich aber nur auf die Zerstörung der Monster. Die Zombies verspeisen Menschen bei lebendigem Leibe, die Gebissenen werden selbst zu Untoten. Eine kleine Gruppe von vier Menschen sucht den Ausweg per Hubschrauber. Irgendwo muss es doch einen Ort geben, an dem man noch friedlich leben kann. Aber wo? Sie verschanzen sich in einer Shopping Mall. Die Zombies werden ausgesperrt, der Konsumtempel wird von den Eindringlingen übernommen. Man beginnt ein neues Leben auf mehreren Etagen. Exotische Lebensmittel, moderne Wohneinrichtung, eine Eislaufbahn, alles steht zur freien Verfügung, aber zu welchem Preis? Als sich schließlich eine Motorradgang Zugang zum Kaufhaus verschafft, um den Eingeschlossenen ihren neuen Besitz streitig zu machen, kommt es zum ultimativen Kampf zwischen Menschen und Zombies...

ZOMBIE ist noch viel mehr als die Summe seiner bahnbrechenden Einzelteile. Keine technische Neuerung der Welt, kein CGI, kein 3-D kann das kreieren, was George A. Romero 1978 gelungen ist, von den erstklassigen Darstellerleistungen über die sorgfältige Charakterentwicklung des Buchs bis hin zu den grenzüberscheitenden Spezialeffekten Tom Savinis, der hier seine Visitenkarte für eine ganze Generation von Kinogängern hinterließ.
Die Effekte von ZOMBIE sind hart, keine Frage, aber auch cartoonhaft überhöht. Romeros grausame Komik sorgt stets dafür, dass ZOMBIE zwar auf den Magen schlägt, aber auf die gute Art. Neben gemampften Eingeweiden, abgerissenen Körperteilen und zerplatzenden Köpfen in fröhlich-grellen Farben gibt es Tortenschlachten und herumtorkelnde Zombies, die über Rolltreppen stolpern. An sich sind diese Untoten gar nicht so beängstigend, sie sind langsam, stumpfsinnig und bestenfalls grobmotorisch. Sie haben blaue Gesichter und sind als 'Hare Krishnas' oder Nonnen verkleidet. Romero gibt den Untoten Charakteristika und damit ein Gesicht. Er erzeugt in einem bemerkenswerten Moment sogar Mitleid mit ihnen, wenn Hauptdarstellerin Gaylen Ross durch die verschlossene Glastür des Kaufhauses die Zombies und deren trauriges, durch Instinkt getriebenes Verhalten beobachtet. Auf die Frage, was die Untoten hier in der Shopping Mall wollen, erwidert eine Figur: "Das ist der Ort, an den sie sich erinnern, an dem sie sich immer wohlfühlten, wo sie viel Zeit ihres Lebens verbracht haben."

In "Die Nacht der lebenden Toten" waren die Zombies nächtliche Schreckensgestalten, furchterregende Wiedergänger. Hier sind sie nichts anderes als tote Amerikaner, die keine Schuld daran tragen, dass sie im Kaufhaus herumtorkeln und töten müssen, um zu überleben. Braucht man das Wort 'Vietnam' noch, um den Bezug zu verstehen? ZOMBIE entstand in einer Zeit von Pessimismus und Desillusion. Amerika wusste nicht, wohin. Und so finden auch die Charaktere keinen Platz für sich. Das Kaufhaus als letzte Bastion der Zivilisation (und des Kapitalismus') bietet kurzzeitig Schutz, aber bald schon sorgen die gewaltbereiten Biker dafür, dass Schluss ist mit der Sicherheit. Am Ende fliegen zwei der Überlebenden mit dem Hubschrauber davon ins Nirgendwo. Am Ende der Fortsetzung "Zombie 2" (1985) sitzen neue Überlebende an einem exotischen Strand und starten einen neuen Kalender. 1978 war noch kein Platz für solch kleine Hoffnung.

Der unabhängig produzierte ZOMBIE schlug ein wie eine Bombe, sorgte für volle Kassen und Schlangen vor den Kinos. Er hat die Ängste und die Wut seiner Generation eingefangen und auf die Leinwand gebracht. ZOMBIE ist eine packende Achterbahnfahrt direkt durch die Hölle. Als Zuschauer wird man abwechselnd vor Grauen geschüttelt und herzhaft amüsiert. Unter den unzähligen Nachahmern, die überwiegend aus Italien kamen, befinden sich einige hervorragende Werke ("Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies", 1979), die meisten aber brachten durch billigste Ekeleffekte und miese Gesamtqualität das Wort "Zombie" in Verruf. Heute gilt der "Zombie"-Film als Paradebeispiel für miese und schlimmstenfalls gemeingefährliche, niveaulose Unterhaltung für Perverse. Das alles hat mit Romeros ZOMBIE nichts zu tun.

ZOMBIE ist nicht nur einer der besten Horrorfilme aller Zeiten, er ist auch einer der besten amerikanischen Filme der 70er, ein Autorenfilm, der jenseits vom Mainstream den Zuschauer am Kragen packt. Sogar ein paar seriöse Kritiker haben seine Qualität erkannt. Das hat natürlich die Filmzensur nicht davon abgehalten, den Film immer wieder zu verstümmeln.

Von ZOMBIE sind mehrere Versionen im Umlauf. Neben George Romeros offizieller Kino-Version (125 Minuten) existieren noch der sogenannte 'Argento-Cut', den Produzent Dario Argento mit Romeros Zustimmung für Europa anfertigen ließ (120 Minuten), eine 'Extended Version" von 140 Minuten und eine Langfassung von fast 155 Minuten. Welche man bevorzugt, muss jeder für sich entscheiden.

10/10

Zurück aus der Hölle, hinein is Kaufhaus -
"Dawn of the Dead"

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