Donnerstag, 29. September 2011

Mein Name ist Julia Ross (1945)

Solche Filme liebe ich!
Ein spannender Thriller, der mit seiner absurden Prämisse überzeugend umspringt, gut fotografiert und von allen Beteiligten exzellent gespielt ist, und der in einem abgelegenen Haus an der Küste spielt, in dessen Geheimgängen schwarze Katzen und geisteskranke Killer herumstreunen, die eine schöne Heldin in den Wahnsinn treiben - ganz ehrlich, da geht mir das Herz auf.

Die junge, arbeitslose Julia Ross (Nina Foch) bekommt eine Stellung als Sekretärin bei der älteren Mrs. Hughes (Dame May Whitty) und deren Sohn Ralph (George MacReady), doch schon bald muss sie feststellen, dass die Arbeitsvermittlung nur eine Finte war und die beiden neuen Arbeitgeber ganz finstere Pläne mit ihr haben. Wie es scheint, hat Ralph seine Gattin ermordet, die Julia zum Verwechseln ähnlich sah. Um den Mord zu vertuschen, muss Julia deren Platz einnehmen, um dann vor Zeugen Selbstmord zu begehen. Eingesperrt in einem Landhaus in Cornwall und vor aller Welt für depressiv und verrückt erklärt, bleibt Julia nur die Flucht. Doch das ist gar nicht so leicht...

Arthur Penn drehte 1987 mit "Dead of Winter" ein Remake dieses kleinen B-Thrillers namens MEIN NAME IST JULIA ROSS (My Name is Julia Ross), und im direkten Vergleich schneidet das Original tatsächlich besser ab. So sind denn die Fluchtversuche von Julia um einiges intelligenter als die von Mary Steenburgen in der Neuverfilmung. Einmal gelingt es ihr sogar auf geschickte Weise, ihre Widersacher mit einem geschmuggelten Brief auszutricksen. Als Zuschauer muss man natürlich die leicht unglaubwürdige Prämisse schlucken, dass eine Frau festgehalten wird, um sie als eine andere auszugeben, während niemand auf die Idee kommt, dass sie vielleicht die Wahrheit sagt, wenn sie wiederholt sagt: "Mein Name ist Julia Ross! Rufen Sie die Polizei!" Da hat der Klassiker selbstverständlich einen Alters-Bonus. In der 80er-Verfilmung wirkt es eben lächerlich, wenn Polizisten eine Frau in einem einsamen Haus zurücklassen, die sie um Hilfe anfleht. Hier kommt Julia gar nicht in die Nähe der Polizei, eine weise Entscheidung. Außerdem kann sie im Finale selbst genug Mut beweisen und den Tätern eine Falle stellen, während sie im Remake lediglich um ihr Leben rennt. Auch die Art, wie Julias Ex-Freund auf die Spur stößt, die zu Julias Gefängnis führt, ist hier wesentlich raffinierter konstruiert.

Aber genug mit den Vergleichen. Als Julia Ross ist Nina Foch, die nie den Star-Staus besaß, der ihr gebührte, hervorragend besetzt. Mit Dame May Whitty, die schon als Titelheldin in Hitchcocks "Eine Dame verschwindet" (1938) brillierte und hier den Bösewicht geben darf, hat sie eine starke Gegenspielerin, deren übertriebene Schrulligkeit gegenüber anderen nie vergessen lässt, dass ihre Absichten eiskalt sind. Ihr Filmsohn George MacReady ist ein lupenreiner Psychopath, der mit dem Messer schon mal Sofas auseinandernimmt und es gar nicht erwarten kann, die Heldin umzubringen. Dass seine Mutter ihm hilft, den begangenen Mord zu vertuschen und gar nicht auf die Idee kommt, ihn womöglich bei der Polizei (oder einer Irrenanstalt) abzuliefern, ist ebenso köstlich wie eine deutliche Hitchcock-Hommage. Wir erinnern uns doch alle noch gern an Madame Leopoldine Konstantin, die nur zu gern bereit war, ihrem Sohn Claude Rains bei der Beseitigung von Ingrid Bergman zu helfen... auch wenn "Berüchtigt" (1946) erst ein Jahr später entstanden ist. Hitchcocks Mütter waren meistens von der gestörten Sorte.

Regisseur Joseph H. Lewis gehört wie seine Hauptdarstellerin zu den unterschätzten Vertretern seines Berufs. Er hat neben dem Film Noir auch viele Western inszeniert und erreicht in MEIN NAME IST JULIA ROSS ein Spannungslevel ohne Schnörkel, das einem Hitchcock durchaus gerecht werden kann. Er springt direkt hinein in die Handlung, nach 15 Minuten Film befindet sich Julia bereits in Lebensgefahr, und am Ende findet er eine befriedigende Auflösung. Mit den knapp 65 Minuten Laufzeit kommt an keiner Stelle Langeweile auf, und es gelingen ihm trotz des schmalen Budgets ordentliche Suspense-Sequenzen. Sein Kameramann Burnett Guffey stand noch relativ am Anfang seiner Karriere und sollte bald zu den meistbeschäftigten Kameraleuten Hollywoods zählen. Er fotografierte u.a. "Verdammt in alle Ewigkeit" (1953), "Wenn die Nacht anbricht" (1957) und "Bonnie & Clyde" (1967).

MEIN NAME IST JULIA ROSS kann ich allen Fans klassischer S/W-Thriller ans Herz legen. Er hat Tempo, Spannung, Witz und ist völlig zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Wer "Fluch des Wahnsins " (1947) oder "Flüsternde Schatten" (1958) mag, wird nicht enttäuscht werden. Versprochen!

09/10

Kommentare:

  1. Na, das kam ja von Herzen! :-)) Ich liebe irre Mütter auch sehr, sie können auch gern wie Agnes Windeck aussehen oder sprechen - aber bitte immer schön auf der Leinwand bleiben! viele Grüße, Karsten

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  2. Leider bleiben sie nicht immer auf der Leinwand... Liebe Grüße!

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