Mittwoch, 21. September 2011

Happiness (1998)

'Joy' bedeutet Freude, und Joy (Jane Adams) heißt eine von drei Schwestern, die in New Jersey leben, doch Freude gibt es nicht allzu viel in ihrem Leben. Gerade hat Joy eine schmerzhafte Trennung hinter sich, bei der sie in aller Öffentlichkeit gedemütigt wurde, nun sucht sie Halt bei einem Kleinkriminellen. Joys Schwester Trish (Cynthia Stevenson) hat eigentlich alles, was Frauen in Vororten glücklich macht - einen liebevollen Mann (Dylan Baker), einen pubertierenden Sohn, ein hübsches Haus mit Vorgarten. Aber glücklich ist sie deswegen noch lange nicht. Noch unglücklicher wäre sie, wenn sie wüsste, dass ihr Gatte heimlich die Freunde seines Sohnes mit Schlafmitteln betäubt und vergewaltigt, wenn er nicht gerade in Tagträumen durch den Park geht und alle Passanten erschießt.

Helen (Lara Flynn Boyle), die dritte Schwester, ist nicht nur wunderschön und dünn, sie schreibt auch pornografische Bestseller und bedauert, in ihrer Jugend nicht vergewaltigt worden zu sein, das wäre zumindest ein sehr 'authentisches Erlebnis' in dieser oberflächlichen Welt. Um ihre Unsicherheit zu kaschieren, demütigt sie unablässig die Schwestern auf sehr subtile Weise und holt sich sexuelle Bestätigung beim übergewichtigen, schwitzenden Nachbarn (Philip Seymour Hoffman), der in seiner Freizeit Frauen am Telefon belästigt und ihnen droht, sie so hart ranzunehmen, bis es ihnen zu den Ohren rauskommt. Ob diese Frauen wohl ihr Glück finden?

Ja, nette Leute trifft man in Todd Solondz schwarzer Groteske nicht gerade, aber es sind die Leute von nebenan, vielleicht auch ein bisschen wie du und ich, zumindest agieren sie unsere übelsten Gedanken, Ängste und Horror-Fantasien aus. Man möchte nicht hinsehen, aber man kann auch nicht wegsehen. Zu sehr sind diese verzweifelten Kreaturen auf der Suche nach Liebe, zu menschlich sind sie gezeichnet, zu sehr bekannt ist uns ihr Scheitern, zu beklemmend ihre Lebenshölle. Und das soll komisch sein? Und wie es das ist. Wenn einem das Lachen nicht gerade im Halse steckenbleibt. Und verstörend ist es auch noch.

HAPPINESS (Happiness) ist zweifellos einer der besten amerikanischen Filme der 90er, auch wenn er bewusst und ungerechterweise klein gehalten wurde. Trotz brillanter Leistungen in Buch, Regie und Darstellung, wie man sie heute selten noch im Hollywood-Kino findet, spielte Todd Solondz' Werk bei den wichtigen Preisverleihungen kaum eine Rolle, bei den Oscars wurde er gleich gar nicht erwähnt. So sehr schämt man sich dort für einen ehrlichen Film, der die Wirklichkeit abbildet und keinen Standards, Drehbuchregeln oder gängigen Moralvorstellungen folgt. In Cannes verlieh man ihm dagegen zu Recht den Kritikerpreis. Die produzierenden Universal Studios untersagten der Arthouse-Tochter 'October Films' sogar den Verleih, so dass ein eigener Vertrieb gegründet werden musste, um den Film überhaupt zeigen zu können.

Natürlich hat man an der einen oder anderen Stelle das Gefühl, es reicht jetzt, ich ertrage das nicht mehr, weil HAPPINESS sich doch zu sehr im Negativen suhlt und alles auf die Leinwand bringt, was man lieber totgeschwiegen hätte, doch sein unbestechlicher Blick, sein Mitgefühl selbst für die abstoßendsten menschlichen Schwächen und der bissige, grimmige Humor fesseln von der ersten Minute bis zum 'Happy End', bzw. einem Happy End, wie Solondz sich dies vorstellt. Ein Ende, in dem ein Paar wieder zueinander findet, weil es eingesehen hat, dass es ohne einander noch beschissener dran ist, ein Ende, in dem ein Pubertierender endlich den ersten Orgasmus erlebt und ein Hund mit Sperma auf der Zunge feuchte Küsse an Frauchen verteilt. Don't Worry, Be Happy!

Gespielt werden muss dieses Panoptikum aus Verlieren, Gestörten und Sadomasochisten von mutigen Schauspielern, und Todd Solondz hat eine ganze Ladung davon an Bord. Es wäre müßig, sie alle einzeln zu nennen, aber herausragend in diesem erstklassigen Ensemble sind Dylan Baker als pädophiler Psychiater, der Minderjährige betäubt, um sich an ihnen zu vergehen und auf dem Rücksitz seines Wagens zu Kinderzeitschriften onaniert (Todd Solondz gelingt das praktisch Unmögliche, indem er Sympathie und Mitleid für Bakers Figur erzeugt), sowie Lara Flynn Boyle, die hinter der schönen Fassade Zerstörungswut gegen sich und andere und eine komplexe Mischung aus Selbstverliebtheit und Selbsthass offenbart. Da bleibt einem oft der Atem weg. Boyle muss nur ein unsichtbares Haar von ihrer Zunge entfernen, während sie spricht, und man spürt, dass dies ein wohl gesetzter Dolchstoß genau in den Rücken ihrer Schwester war, der sie gerade mit sanften Worten Unterstützung vorheuchelt. Großartig!

Filmisch konzentriert sich Todd Solondz ganz auf seine Darsteller und spielt dazwischen bewusst unpassende, beschwingte Gute Laune-Musik sowie Mozarts 'Cosi van Tutte' ein. So machen's alle, heißt es, und so fühlen wir uns auch immer wieder ertappt. Mehr Effekte braucht HAPPINESS nicht. Die einzelnen Geschichten laufen parallel und finden doch immer wieder kurz zusammen, wie es bereits in Altmans "Short Cuts" (1993) und Andersons "Magnolia" (1999) zu sehen war, wobei beide Filme deutlich mehr Aufwand betreiben und gleichzeitig sehr viel harmloser sind als Solondz' bizarres Labyrinth der Leidenschaften.
Als unabhängigen Autorenfilm (und zwar unabhängig im wahrsten Sinne, nicht im verlogenen 'Sundance'-Sinn, wo unter dem Deckmantel des Autorenkinos Millionendeals für kommende Blockbuster geschlossen werden) kann man HAPPINESS nur bewundern, für seine klare Handschrift, künstlerische Integrität und Kompromisslosigkeit. Er ist ehrlich, ungeschönt, drastisch, bitter-komisch und auf nicht immer angenehme Art emotional bewegend.

09/10

Kommentare:

  1. Lieber Mathias, das ist toll, dass Du Dir diesen Film mal vornimmst. Ich weiß noch, wie ich geplättet und begeistert zugleich aus dem Kino kam. Fast unerträglich die Sequenz, wenn der "liebe Päderast" seinen Angriff auf das Kind plant und durchzieht. Und meine erste Begegnung mit Philip Seymour Hoffman, den ich seither sehr schätze und mag, selbst wenn mir die Filme nicht alle gefallen, in denen er spielt. - happy10/10ness! Karsten

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  2. Die Strecke mit der Vergewaltigung des Jungen vergisst man wohl nie, man sitzt da und denkt "Nein, das macht der Film jetzt nicht wirklich, das glaube ich nicht", und doch, er tut es. Der Film ist erst vor kurzem auf DVD erschienen, auch da fragt man sich wieder, warum das so lange dauern muss. Philip Seymour Hoffman ist großartig in "Tödliche Entscheidung" und "Magnolia", aber als "Capote" mochte ich ihn ebenso wenig wie in "Glaubensfragen.
    Liebe Grüße!

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  3. Lieber Deepred,

    ich hoffe du hast auch "Welcome to the Dollhouse" gesehen...Heather Matarazzo als Dawn Wiener wird in meinem Filmgedächtnis immer einen festen Platz haben! Grandioser Film!

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  4. Lieber BillyShines, ich gestehe, den habe ich immer noch nicht gesehen, bislang kenne ich nur "Happiness" und "Storytelling", der mir auch sehr gut gefiel. Das "Tollhaus" werde ich jetzt aber endlich nachholen. Todd Solondz hat übrigens gerade einen aktuellen Film am Start, man darf gespannt sein. Liebe Grüße!

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