Mittwoch, 14. September 2011

Hannibal (2001)

Egal, wie man zu dem Film steht - HANNIBAL (Hannibal) war ein Ereignis. Schon lange bevor die erste Klappe fiel, wurde heftig diskutiert, über Besetzung, Regie und Romantreue. Würde Ridley Scott es schaffen, Thomas Harris' ausufernde Horror-Liebesgeschichte adäquat umzusetzen? Kann ein Film fürs große Publikum überhaupt dem Roman gerecht werden? Kann Julianne Moore in Jodie Fosters Fußstapfen treten?
Mit Erscheinen des Films hörten die Diskussionen noch lange nicht auf. Über die FSK wurde geredet, über verspeiste Gehirne, und darüber, wie weit ein Horrorfilm gehen darf. Eine alte, müde und quälende Diskussion, aber sie verhalf HANNIBAL zu genau der Publicity, die den Film zum Event und Kassenknüller machte, und das, obwohl ihn eigentlich niemand wirklich mochte.

Heute ist die Aufregung abgeklungen. Und wie ist nun der Film? Schwer zu sagen. Teile von HANNIBAL sind großartig, manche mutig, andere Elemente funktionieren überhaupt nicht. Kurz gesagt, HANNIBAL ist insgesamt zu lang, hält sich mit zu vielen Nebensächlichkeiten auf, Ridley Scott vermengt idyllische Postkartenansichten mit drastischen Schreckensbildern zu einem unausgewogenen Ganzen, die Besetzung agiert durchweg gut, stimmt aber in manchen Bereichen einfach nicht. Als Thriller ist HANNIBAL nicht spannend genug, als Horrorfilm zu wenig beängstigend. Am besten sieht man ihn als bizarre Liebesgeschichte oder schwarze Komödie mit blutigen Einlagen. Er ist von allem etwas. Und wenn man seine Erwartungen herunterschraubt und vor allem "Das Schweigen der Lämmer" (1991) vergessen kann (und wer könnte das?), unterhält er sehr gut. Horror-Geschichte wird er nicht schreiben, und Oscars gab es diesmal auch zu Recht keine.

Das größte Manko von HANNIBAL ist sicher das Fehlen Jodie Fosters, die keine Lust hatte, den merkwürdigen Wendungen, die Thomas Harris mit der Figur Clarice Starling anstellte, zu folgen und die kannibalistische Geliebte von Hannibal Lecter (Anthony Hopkins) zu spielen. Dass sie dies im fertigen Film gar nicht mehr sein würde, konnte zu diesem Zeitpunkt keiner wissen, umso mehr ist die Neubesetzung mit Julianne Moore unglücklich. Moore ist eine wundervolle Schauspielerin, ohne Frage, aber als harte FBI-Agentin, die gleich in der Anfangssequenz den Männern eines Einsatzkommandos Befehle erteilt, Leute niederballert und Vorwürfen mit schnippischem Sarkasmus begegnet, ist sie komplett unglaubwürdig. Es liegt nicht an ihrem Spiel. Moore ist am besten, wenn sie zerbrechliche, neurotische, komplexe Frauenfiguren spielen kann. Sie ist nicht jemand, mit dem der Zuschauer schnell warm wird, und vor allem - und das ist das Wichtigste - ist sie kein "White Trash", wie Thomas Harris Clarice Starling beschreibt. Das wäre an sich kein Problem, wenn der Film denn nicht immer wieder darauf herumreiten würde. Und jedesmal, wenn Moore wieder als solcher bezeichnet wird, wirft man einen Blick auf sie und denkt: "Nein". Sie ist es einfach nicht.

Umso mehr ist Anthony Hopkins Hannibal Lecter. Hopkins geht ganz in seiner Figur auf, man möchte ihm unendlich lange zuschauen. Der Bonvivant, Feinschmecker und Kunstkenner, der stets unerwartet zur Bestie wird, ist die vielleicht faszinierendste Filmgestalt, die das Horror-Genre in den letzten 20 Jahren hervorgebracht hat, und Hopkins macht das Beste daraus, wobei er wie immer angenehm unterspielt anstatt zu übertreiben. Er hat die volle Aufmerksamkeit von Regie und Zuschauern, alle anderen sind nur Statisten. Ray Liotta gibt einen herrlich schmierigen Politiker, und Gary Oldman schafft es trotz seiner unbeschreiblich grotesken Maske, hinter der er nicht zu erkennen ist, einen Charakter durchblicken zu lassen, der sehr viel grauenhafter ist als der Hannibal Lecters. Eine wahre Glanzleistung vollbringt Giancarlo Giannini als italienischer Cop Pazzi, der Lecter auf die Spur kommt. Er ist die mit Abstand sympathischste Figur im ganzen Film, und sein Tod ist der einzige, der so etwas wie Tragik aufkommen lässt. Giannini ist immer glaubwürdig als abgehalfterter Ermittler, der seinen besseren Tagen hinterhertrauert und sich seiner schönen jungen Frau nicht würdig fühlt. Die Szenen zwischen ihm und Hopkins sind die mit Abstand interessantesten in HANNIBAL (In dieser langen Passage wird Julianne Moore übrigens vom Film völlig vergessen, und die Tatsache, dass man sie nicht vermisst, ist bezeichnend), auch wegen der hervorragenden Dialoge des preisgekrönten Dramatikers David Mamet, der als Co-Autor des Drehbuchs fungiert. Hopkins und Julianne Moore haben dagegen weit weniger Chemie, eher gar keine.

Das vielleicht größte Problem von HANNIBAL liegt in der ungeklärten Beziehung zwischen Clarice Starling und Hannibal Lecter, die nie definiert wird und statt spannender Fragen nur Verwirrung schafft. Was genau will Lecter von ihr? Sollen wir wirklich glauben, dass er in sie verliebt ist? Warum opfert er am Ende sogar Körperteile für sie, was sieht er in ihr (ganz besonders, weil Moore sie so kühl und emotionslos spielt)? Und warum hat Starling so einen Respekt vor Lecter und versucht ihm zu helfen? Was bedeutet er ihr, was hat er je für sie getan außer ihr das Geheimnis der Lämmer zu entlocken und ihr zu helfen, einen Serienkiller zu finden (was beides wohlgemerkt im Vorgänger stattfand, nicht in HANNIBAL, der dafür gar keine Erklärung hat)? Die Beantwortung dieser Fragen lässt der Film nicht nur bewusst offen, er hat schlicht keine, das ist ein großer Unterschied.
Und so sabotiert HANNIBAL den eigenen Spannungsaufbau. Weder will man, dass Lecter zur Strecke gebracht wird, noch will man, dass Starling und Lecter glücklich in den Sonnenuntergang reiten (woran der von Sonnenuntergängen besessene Ridley Scott sicher Freude hätte). Da man immer weiß, dass keinem der beiden etwas passieren wird (schon allein, um das Franchise nicht kaputt zu machen), muss man sich nicht sorgen, man kann lediglich zuschauen, wie sich die Charaktere gegenseitig das Leben schwer machen.

Ridley Scott ist das Problem bewusst, deswegen sorgt er unentwegt für Ablenkung und jede Menge Kunstgewerbe. Seine Aufnahmen von Florenz sind geradezu Balsam für die Augen, der Soundtrack von Hans Zimmer ist ebenso opernhaft. Sind es nicht die schönen Bilder, kommt Scott mit derben Horror-Einlagen um die Ecke, die es wirklich in sich haben. Die mittlerweile berühmt-berüchtigte, finale Sequenz, in der Ray Liotta sein eigenes Gehirn kosten darf, das von Hopkins zubereitet wurde, ist ein Meisterstück des Grand Guignol, perfekt aufgebaut und mit bösem Genuss serviert, dabei ebenso grausig wie komisch. Wäre HANNIBAL doch bloß durchweg so grandios, was für ein Erlebnis hätte er sein können. So aber verplempert Ridley Scott sehr viel Filmzeit mit unnötigen Szenen, zu vielen Klischee-Momenten und unwichtigen Charakteren, die den Film immer wieder aufhalten und unkonzentriert wirken lassen.

Unterm Strich kann man wohl sagen, dass HANNIBAL sich mit seinem Vorgänger in keiner Weise messen kann (und er muss es sich gefallen lassen, daran gemessen zu werden). Er ist aber wegen Ridley Scotts Bemühen um Schauwerte, aufgrund einzelner Passagen und wegen der hervorragenden Darsteller - fehlbesetzt oder nicht - dennoch höchst sehenswert. HANNIBAL ist zumindest ein sehr eigenwilliger Film. Das kann man beim besten Willen von seinem Nachfolger "Red Dragon" (2002) nicht behaupten, der zwar in jeder Beziehung professionell gemacht und gut gespielt ist, und der genau den schablonenhaften Thriller-Ablauf liefert, den die meisten Zuschauer bei HANNIBAL vermisst haben, der aber weder eine eigene Handschrift aufweist noch irgendein Risiko eingeht und die Figur des Hannibal zu einem Schmunzelmonster degradiert, das mehr Oneliner auf den Lippen hat als Roger Moore in seinen besten Jahren.

06-08/10

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