Mittwoch, 28. September 2011

Geheimnis hinter der Tür (1947)

Neben vielen Meisterwerken des Film Noir hat Fritz Lang in Hollywood auch einige schwächere Werke inszeniert. Mit GEHEIMNIS HINTER DER TÜR (Secret Beyond the Door) war Lang nach eigenen Aussagen selbst nicht zufrieden, und obwohl der Film fantastisch aussieht, muss man ihn doch als gescheitert bezeichnen - wenngleich auf hohem Niveau.

Der Inhalt: die wohlhabende Celia (Joan Bennett) verliebt sich Hals über Kopf in den Architekten Mark (Michael Redgrave) und heiratet ihn kurzerhand. Noch in der Nacht vor der Hochzeit hat sie beunruhigende Träume, Vorzeichen düsterer Ereignisse, denn schon bald muss sie feststellen, dass Mark nicht nur schon einmal verheiratet war und einen 15-jährigen Sohn hat, sondern dass seine Frau auf tragische Weise ums Leben kam. Außerdem hat er ein eigenartiges Hobby. Im Keller seines Hauses befindet sich eine Sammlung von Räumen, in denen berühmte Morde geschahen. Eines der Zimmer, das die Nummer 7 trägt, ist verschlossen. Als Mark sich immer merkwürdiger und beängstigender verhält, beschließt Celia, das Geheimnis des verschlossenen Raumes zu lüften und bringt sich selbst und alle Hausbewohner damit in Lebensgefahr...

Langs Hollywood-Filme weisen oft starke Ähnlichkeiten mit Hitchcocks Werken auf, und auch bei GEHEIMNIS HINTER DER TÜR springen einem die Parallelen direkt ins Gesicht. Die Themen Traumdeutung und Psychoanalyse hat Hitchcock zuvor in "Spellbound" (1945) bearbeitet, dessen Komponist Miklos Rosza auch hier die musikalische Begleitung komponierte, der Grundplot erinnert nicht zufällig an "Rebecca" (1940), und Michael Redgrave war Hauptdarsteller in Hitchcocks "Eine Dame verschwindet" (1938).
Wie schon "Rebecca" beginnt GEHEIMNIS HINTER DER TÜR mit einem verklärten Voice-Over von Joan Bennett, der den Film im weiteren Verlauf immer wieder unterbricht. Aus der düsteren Mrs. Danvers wird bei Lang eine mysteriöse Sekretärin, die eine Hälfte ihres Gesichts stets hinter einem Tuch verbirgt, weil sie bei einem Feuer grässlich entstellt wurde - was sich später als Lüge entpuppt. Das Feuer zerstört am Ende auch hier das Anwesen, nachdem diverse Traumata des gestörten Helden abgearbeitet wurden, der durch die Liebe seiner Frau nun endlich wieder auf den Weg der Besserung gerät. In den 40ern zeigte sich Hollywood von Freud und Psychoanalyse geradezu besessen, und man kann verstehen, dass extrem visuell denkende Regisseure hier unendliche Möglichkeiten sahen. Leider aber behandelt Langs Film sein Thema ebenso vereinfachend und naiv wie seine Weggefährten "Spellbound" und "Der schwarze Spiegel" (1946), in denen traumatische Ereignisse aus der Jugend ihre Macht in dem Moment verlieren, an dem sich der Gequälte an sie erinnert. Das Geheimnis hinter der Tür Nr. 7 und das zurückliegende, tragische Ereignis ist bei Lang sogar noch dünner und alberner als bei seinen Kollegen. Und das schlussendliche Happy End kann ebenso wenig überzeugen wie die Auflösung des Rätsels - oder wer möchte mit einem Mann verheiratet bleiben, der einen vor zwei Minuten noch mit irrem Blick und geschwungenen Halstuch umbringen wollte?

Ein weiteres Problem des Films ist neben der schleppenden Exposition (erst nach der Hälfte der Spielzeit kommen wir überhaupt in die geheimen Zimmer des Hauses) die fehlende Chemie zwischen den Hauptdarstellern. Fritz Lang und seine Autoren Silvia Richards und Rufus King verzichten glücklicherweise darauf, Celia als naives Aschenputtel à la "Rebecca" zu zeichnen und geben Joan Bennett nicht nur einen eigensinnigen Charakter, sondern auch die besten Dialoge ("Soll ich dich über die Schwelle tragen?" fragt sie keck den eintreffenden Ehemann), aber neben der starken Joan Bennett wirkt Michael Redgrave blass und uninteressant. Man fragt sich, was ihr an diesem neurotischen Nervenbündel überhaupt gefällt. Dass man Liebe nicht erklären kann, reicht da kaum als Antwort, denn zwischen beiden sprühen keinerlei Funken. Glücklicherweise hat Redgrave weitaus weniger Szenen als sein Co-Star, obwohl der Film im letzten Drittel überraschend seine Erzählperspektive ändert und plötzlich in die surrealen Träume von Mark eintaucht. Die Kunst der Dali-Träume in Hitchcocks "Spellbound" erreicht Lang aufgrund des schmalen Budgets nicht, trotzdem inszeniert er diese Passage äußerst eindringlich und fantasievoll.

Das große Plus des Films aber ist und bleibt die Fotografie von Stanley Cortez, einem der besten Kameramänner aller Zeiten. Seine Bilder schwelgen in unheimlichen Schatten, verzerrten Perspektiven und endlosen Fluren. Wenn Joan Bennett fluchtartig in der Nacht das Haus verlässt und durch den nebelverhangenen Park läuft, aus dem dann unerwartet Mark auftaucht, um sie zu ermorden, erreicht der Film geradezu expressionistische Qualität. Hier zeigt sich, dass der Stummfilm-Regisseur Lang nichts verlernt hat, und man wünscht sich, dass er mit den wundervollen Sets und seinem Kameramann lieber gleich einen zünftigen Horrorfilm inszeniert hätte als das schwülstige Psycho-Melodram. Fürs Auge ist GEHEIMNIS HINTER DER TÜR ein einziger Genuss, und man kann nur bedauern, dass der Inhalt der Verpackung nicht gerecht werden kann. Dazu gehören zu viele unbeantwortete Fragen (was macht der Sohn den ganzen Tag außer lesen?), ungeklärte Beziehungen, verwirrende Motivationen und nicht zuletzt auch die aufdringliche Musik Miklos Roszas, die jede zarte Gefühlsregung der Figuren gleich mit gewaltigem Orchester totschlägt, und die übrigens in der deutschen Fassung durch Archivmaterial ersetzt wurde, wie es seinerzeit häufiger geschah.

GEHEIMNIS HINTER DER TÜR ist ein unausgeglichenes Thriller-Melodram mit hanebüchenen Versuchen, Freuds Theorien dem Publikum auf simple Art näher zu bringen, zwar wunderschön fotografiert und stellenweise durchaus spannend, aber mit zu vielen Schwächen, um durchweg zu fesseln.

07/10

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