Donnerstag, 1. September 2011

Ein Mann für gewisse Stunden (1980)

Mit EIN MANN FÜR GEWISSE STUNDEN (American Gigolo) feierte Autor/Regisseur Paul Schrader ("Taxi Driver", 1976) seinen größten Publikumserfolg. Das Callboy-Drama machte darüber hinaus den jungen Richard Gere zum Star und das Modelabel Armani populär.

Schraders Film erzählt vom Edel-Callboy Julian (Gere), der in Los Angeles vorwiegend reiche ältere Damen abschleppt. Er trägt seine teuren Anzüge perfekt, schwingt die Hüften, wenn er geht, spricht mehrere Sprachen und trainiert unentwegt seinen Luxuskörper. Julian weiß, was Frauen wollen und ist so begehrt, dass sich gleich mehrere Zuhälter um ihn reißen. Julians Arroganz und Narzissmus werden ihm aber bald zum Verhängnis, als eine Klientin tot aufgefunden wird und er kein Alibi vorweisen kann, da reiche verheiratete Frauen ungern zugeben, dass sie zu gewissen Zeiten bei einem Stricher waren. Die Politikergattin Michelle (Lauren Hutton) ist zwar bis über beide Schenkel in Julian verliebt, kann ihm aber auch nicht helfen. Offenbar will jemand Julian den Mord anhängen. Aber wer?

Diese Frage ist für den Zuschauer relativ leicht zu beantworten. (Achtung, SPOILER) Dass es sich bei dem Drahtzieher der Intrige ausgerechnet um einen schwulen Afro-Amerikaner handelt, der den hübschen weißen Julian skrupellos ans Messer liefern will, und um dessen Filmtod sich niemand schert, da er ohnehin ein reichlich schmieriges Subjekt ist, hat einen unangenehmen Beigeschmack und wäre in heutigen, politisch korrekten Zeiten, nicht mehr möglich und hätte man dem versierten Paul Schrader in dieser Form auch nicht zugetraut. Aber der interessiert sich ohnehin mehr für kühlen Sex in seidigen Designerlaken hinter Film Noir-Rollos. Trotz etwas nackter Haut (vor allem von Gere) bleibt EIN MANN FÜR GEWISSE STUNDEN aber seltsam unsexy und keimfrei, was bei einem - sagen wir, wie es ist - Stricherdrama dann doch überrascht. Sobald der Sex mit Klientinnen etwas rauer wird, schneidet der Film sofort um, was dazu führt, dass der Film den Beruf des Callboys komplett verklärt (auch Drogen spielen keine Rolle). Trotzdem (oder deswegen) zeigten sich die weiblichen Zuschauer mehr als erfreut über den nackten Gere, der beherzt mit Full Frontal Nudity im Mainstream-Kino mit einer alten Hollywood-Tradition brach und dem Film Millioneneinnahmen bescherte. Für die Rolle des Julian war übrigens ursprünglich John Travolta vorgesehen.

Mit Richard Gere hat Schrader einen Schauspieler gefunden, der zumindest physisch exakt dem Bild des Gigolos entspricht. Leider fehlt Gere das Handwerkszeug für eine komplexe Darstellung, aber Paul Schrader weiß Geres Selbstverliebtheit gut einzusetzen. Was hinter Geres makellosem Gesicht vor sich geht, und wer dieser Julian wirklich ist, erfahren wir nie, und dass er womöglich den Mord begangen hat, für den er verantwortlich gemacht werden soll (das Drehbuch spielt mit der Idee und hält die Tat deswegen im Off), glauben wir keine Sekunde. Lauren Hutton hingegen ist eigentlich zu jung und schön für die Rolle einer "älteren Politikergattin", und man versteht nie, was sie genau an Gere findet, außer dass er im Bett eine Granate sein muss.
Den polizeilichen Ermittler spielt Hector Elizondo, den Richard Gere ein paar Jahre später in "Pretty Woman" (1990) als Hotelmanager wiedersehen würde. Und ging es da nicht auch um Prostitution im weitesten Sinne? So schließen sich Kreise.

Wenn sich in der zweiten Hälfte die Schlinge um Julian immer weiter zuzieht und sämtliche Freunde und Bekannte ihn verleugnen, weil sie um ihren guten Ruf fürchten, erreicht EIN MANN FÜR GEWISSE STUNDEN ein gutes Spannungsmaß, das durch Julians wachsende Paranoia intensiviert wird. Das Drehbuch weist außerdem einige exzellente Dialogszenen auf (wie Geres erste Begegnung mit Hutton), der Kamerastil ist durchweg elegant, und der Soundtrack von Giorgio Moroder, der Blondies Hit "Call Me" dutzendfach variiert, der eigentliche Star des Films.
Paul Schrader hält immer die Distanz zu seiner Hauptfigur (ähnlich wie in "Taxi Driver"), beobachtet sie, folgt ihr, verbündet sich aber nie mit ihr, so dass man als Zuschauer auch einige Zeit braucht, um sich wirklich für Julian/Gere zu interessieren.
Die für den Katholiken Schrader typischen Elemente von Schuld und Erlösung finden sich in jedem seiner Werke, so auch hier. Ob der Job des Callboys allerdings so unmoralisch ist, dass es eine Selbstaufopferung (von Hutton) braucht, um zu dessen Erlösung zu kommen, bleibt allerdings fraglich und wirkt reichlich zugeknöpft. Immerhin hat Gere nichts schlimmes angestellt. Nichtsdestotrotz hat Schrader ein sehr schönes Schlussbild gefunden, in der Gere sein Gesicht an die Hand der liebenden Frau drückt - mit einer Glasscheibe dazwischen. Näher werden sie sich wahrscheinlich nie kommen.

EIN MANN FÜR GEWISSE STUNDEN ist ein über weite Strecken unterhaltsames, durchgestyltes Luxusdrama, das leider nie in die Tiefe geht, aber insbesondere weibliche Zuschauer ansprechen dürfte. Meine Mutter war jedenfalls nach diesem Film bis zu ihrem Tod Richard Geres größter Fan. Daraus kann jeder seine eigenen Schlüsse ziehen.

07/10

Kommentare:

  1. Schade, Deine Mutter und ich hätten uns filmmäßig vermutlich nicht so nahe gestanden, für mich ist der Film, neben "Atemlos" -auch mit Gere, das Langweiligste der gesamten Dekade. LG, christine

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  2. Ja, über den gehen die Meinungen arg auseinander, ich fand ihn unterhaltsam, aber mehr auch nicht. Der Lieblingsfilm meiner Mutter war "Vom Winde verweht", mit dem ich nur wenig anfangen kann. Kann man nichts machen. :-)
    LG, Mathias

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