Freitag, 2. September 2011

Deep End (1970)

Einer der schönsten Filme, die ich in meiner Jugend sah, ist endlich restauriert und soeben neu auf DVD und Blu-Ray veröffentlicht worden. Jerzy Skolimowskis DEEP END (Deep End) ist eine britisch/deutsche Co-Produktion und gehört zu den besten Coming of Age-Filmen aller Zeiten. Das Wiedersehen mit diesem ebenso betörenden wie verstörenden Meisterwerk hat mir nicht nur in Erinnerung gerufen, warum es mich seinerzeit so beeindruckt hat, ich konnte auch ganz neue Seiten entdecken.

Worum geht es? Der 15-jährige Mike (John Moulder-Brown) hat gerade die Schule beendet und weiß nicht so recht, wohin mit sich und seinem Leben. Er nimmt einen Job in einem öffentlichen Badehaus mit Swimming Pool an und wird dort von der attraktiven, 10 Jahre älteren Susan (Jane Asher) eingewiesen. Mike verliebt sich in die schöne Susan, der die Aufmerksamkeit des Jungen einerseits lästig ist, ihr andererseits auch schmeichelt. Sie beginnt mit ihm zu spielen, macht ihm Hoffnungen, stößt ihn dann aber abrupt wieder von sich. Mike steigert sich in eine regelrechte Obsession. Er folgt Susan und deren Verlobtem abends in ein Pornokino, er entdeckt, dass Susan eine Affäre mit einem verheirateten Lehrer hat, er versucht alles, um ihr näher zu kommen, sie zu besitzen. Als sich endlich die Chance bietet, nimmt die Geschichte aber eine unvorhergesehene Wendung...

DEEP END ist die Geschichte einer ersten Liebe, die aber weniger zart-romantisch erzählt wird, sondern gnadenlos realistisch, mit leichten Ausflügen ins Surreale. Dem polnischen Regisseur Skolimowski, der schon am Drehbuch zu Polanskis "Das Messer im Wasser" (1962) mitarbeitete, gelingt hier etwas sehr schwieriges, nämlich die überschwänglichen Sehnsüchte und Gefühle eines Pubertierenden in Bilder und Handlung umzusetzen, die tatsächlich dem entsprechen, was man in diesem Alter empfindet. Die filmische Struktur entspricht dabei vollkommen Mikes innerer Haltung, seiner Verwirrung und Orientierungslosigkeit. Zum Beispiel sehen wir Mike nie zu Hause, weil das elterliche Heim keine Rolle mehr in Mikes Leben und bei seinem Erwachsenwerden spielt. Sein Zuhause ist überall dort, wo Susan sich befindet.
So folgt DEEP END auch weniger einem 'Plot' als einer Abfolge von Situationen, in die Mike hineingerät, die er teilweise selbst verschuldet, und die ihn zielgenau dorthin führen, wo Skolimowski ihn haben will. Die Intensität des Dramas steigert sich, der Ton wird düsterer, je näher Mike und Susan sich kommen, und doch weiß man nie, was als nächstes passieren wird.

DEEP END ist vollkommen frei von Klischees. Skolimowski hat seine Darsteller zur Improvisation angehalten, was man in vielen Szenen merkt. Sein Film strahlt eine ganz eigenartige Faszination aus, die sich aus der Kombination von künstlerischer Stilisierung und gleichzeitiger dramaturgischer Freiheit ergibt. Das hat außer ihm nur Antonioni in "Blow Up" (1966) erreicht, an den DEEP END auch wegen der fantastischen Kameraführung Charly Steinbergers oft erinnert. DEEP END wurde komplett mit Handkamera gedreht und bleibt so immer hautnah an seinen Protagonisten. Als Zuschauer taucht man komplett ein in die Welt von Mike, die so real und doch so unwirklich ist. Sex ist der hauptsächliche Motor der Erzählung. Die "Jungfrau" Mike will seine ersten Erfahrungen machen und verwechselt körperliches Begehren mit Liebe. Susan hingegen wird sowohl von ihrem Verlobten als auch vom Geliebten wie ein Sex-Objekt behandelt und unterdrückt, weswegen sie ihre Aggressionen an Mike auslässt und grausame Streiche spielt. Über seine Verliebtheit macht sie sich lustig, weil sie selbst niemanden liebt und genau so hilflos ist wie der Junge. Als Mike vor einem Striplokal einen Pappaufsteller entdeckt, der Susan zum Verwechseln ähnlich sieht, stiehlt er ihn und lässt ihn nicht mehr los, nicht einmal, als er Susan kurz darauf begegnet. Wenn er den Menschen nicht besitzen kann, dann wenigstens die lebensgroße Nachbildung.

Skolimowski fängt die ausklingende Ära des 'Swinging London' perfekt ein (auch hier drängt sich "Blow Up" als einziger Vergleich auf), die geballte gute Laune und sexuelle Freiheit, hinter der aber Verzweiflung und Einsamkeit lauern. Der Soundtrack stammt von Cat Stevens und der Rockband Can. Das Badehaus, in dem sich große Teile der Handlung abspielen, ist ironischerweise weniger ein Ort der Sauberkeit als einer der abgründigen Gelüste und Perversionen. Hier wird der junge, hübsche Mike gleich an seinem ersten Tag von einer monströsen Kundin (Diana Dors) nahezu vergewaltigt und anschließend dafür bezahlt. Der Sportlehrer sieht lüstern seinen minderjährigen Schülerinnen zu, um dann mit Susan ein schnelles Schäferstündchen zu absolvieren. Mike versucht sich im Leben zurechtzufinden, während alle anderen versuchen, ihn zu missbrauchen. Eine freundliche Prostituierte bietet ihm Unterschlupf, will aber auch nur sein Geld. Mike will Susan, aber die weiß überhaupt nicht, was sie will und entscheidet sich für materielle Sicherheit - mit fatalen Folgen.

DEEP END nimmt seine Geschichte und Protagonisten ernst und ist dabei ebenso künstlerisch geschlossen wie offen und verspielt. Immer wieder schweift er in scheinbare Nebensächlichkeiten ab, so wie Mike ein Getriebener seiner Gefühle ist. John Moulder-Brown, der oft als neurotischer Jüngling besetzt wurde, ist perfekt als von Liebe besessener Mike. Jane Asher ist die fleischgewordene Verführung. Die Kamera liebt beide.
DEEP END hat die Qualität von Polanskis und Antonionis besten Werken. Auf den Filmfestspielen in Venedig war er 1970 der Favorit, leider wurden ausgerechnet in diesem Jahr keine Preise verliehen. Unverständlicherweise ist DEEP END danach in Vergessenheit geraten und war so gut wie nie im Fernsehen zu sehen. Umso schöner, dass man ihn jetzt in all seiner Pracht neu entdecken und genießen kann.

Es ist schwer, das Erlebnis DEEP END in passende Worte zu fassen. DEEP END ist der Vertreter eines Kinos, das nicht mehr existiert, das frei ist von Zielgruppen-Zwängen, Marktanalysen und Einspielergebnissen. Ein Kino, auf das sich der Zuschauer einlassen muss. In dem experimentiert werden kann. In dem es Einfälle gibt, die nur aus dem Leben stammen können. In dem das Leben auf die Leinwand und in den Kinosaal geholt wird. Ein Kino, in dem man sich selbst erkennt und wiederfindet.

10/10

Traum oder Wirklichkeit? Ein surrealer Moment in "Deep End".

Kommentare:

  1. Hi Mathias,
    das ist auch bei mir ein klarer 10/10 Punkte Kandidat, habe mich auch sehr auf die DVD Veröffentlichung gefreut.
    LG Ray

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  2. Lieber Ray, ich war auch ganz überrascht, dass ausgerechnet dieses unbekannte Juwel so hervorragend veröffentlicht wird (tolles Making Of!). Ein wirklich wundervoller Film, den ich jetzt noch besser fand als damals, wobei ich mich seinerzeit natürlich noch mehr mit den Problemen identifizieren konnte. Heute habe ich ihn mehr wegen seiner künstlerischen Klasse bewundert. Liebe Grüße!

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