Montag, 19. September 2011

Das Biest (1993)

Anfang der 90er überschwemmten Filmpsychopathen die Kino-Leinwände, die amerikanischen Singles und Familien das Leben schwer machten. Ob sie sich als Mitbewohner ("Weiblich, ledig, jung sucht..., 1992), Kindermädchen ("Die Hand an der Wiege", 1992) oder als Untermieter ("Fremde Schatten", 1990) einschlichen, im Finale entpuppten sie sich alle als blutgierige Monster, die von den vormals zivilisierten Mittelklasse-Opfern zur Hölle geschickt werden mussten. Das Eindringen von gestörten Mitmenschen in die heile Welt der braven Bürger wurde stets mit dem Tod bestraft, die Ordnung wieder hergestellt.
Viele dieser Psychos waren weiblich, so wie die junge Alicia Silverstone in DAS BIEST (The Crush), ihrem Filmdebüt, über das sie heute wohl lieber den Mantel des Schweigens hüllen würde. Oder auch nicht, denn Silverstones Filmkarriere ist ohnehin weit von ihren Höhepunkten der 90er entfernt.

DAS BIEST erzählt vom sympathischen Journalisten Nick (Cary Elwes), der neu in der Stadt ist und bei einem renommierten Magazin arbeiten soll. Da er wenig Geld hat, mietet er sich im Gästehaus eines wohlhabenden Paares ein. Deren 15-jährige Tochter Adrian (Silverstone) hat es gleich auf Nick abgesehen, beobachtet ihn unter der Dusche und entwickelt eine Teenager-Liebe, die nach einem harmlosen Kuss bald alle Grenzen überschreitet. Als Nick sie aus ethischen Gründen zurückweist, dreht Adrian durch. Sie zerkratzt sein Auto, löscht seine Festplatte mit wichtigen Unterlagen, dann inszeniert sie Mordanschläge auf eine Mitwisserin und Nicks Freundin (Jennifer Rubin). Doch damit nicht genug - schließlich behauptet sie sogar, Nick habe sie vergewaltigt...

DAS BIEST gehört zu den Filmen, die sehr viel Spaß machen, wenn man a) sein Gehirn abschaltet, b) keinerlei Erwartungen hat, c) alle guten Thriller vergisst, die man je gesehen hat, und d) Trash mag, denn um nichts anderes handelt es sich hier.
Die Handlung von DAS BIEST funktioniert überhaupt nur, weil Cary Elwes als Nick sich von Anfang an so dämlich verhalten muss, dass man es kaum aushält. Nicht nur lässt er sich auf eine Knutscherei mit der Minderjährigen ein, er versteckt sich auch noch heimlich in ihrem Kleiderschrank, als sie ihn beim Durchstöbern ihrer Sachen erwischt. Seine Versuche, sich des lästigen Luders zu erwehren, sind allesamt jämmerlich, so dass er auf den Zuschauer schnell wie eine komplette Flasche wirkt.
Während das Publikum schon nach 20 Minuten denkt, Junge, zieh' so schnell wie möglich aus, braucht unser Nick eine gute Stunde, um auf die gleiche Idee zu kommen. Damit der Plot trotzdem weitergeht, schaut er sich nur eine einzige andere Wohnung an, die erst "in ein paar Tagen" frei wird. Scheinbar gibt es in dieser Stadt keine Hotels. Ich würde im Büro schlafen, aber das erfordert wahrscheinlich für einen preisverdächtigen Journalisten (warum hat er eigentlich kein Geld?) zu viel Fantasie.
Ein weiterer Brüller: als Adrians Teenager-Freundin ihm etwas Wichtiges mitteilen will, tut sie dies natürlich nicht an Ort und Stelle, sondern verabredet sich mit ihm für später - soll heißen, sie ist ab sofort Kanonfutter und wird von Adrian auch flugs ins Krankenhaus befördert. Leider fällt es Nick nie ein, die Freundin dort mal zu besuchen, um zu fragen, was sie ihm denn Brandheißes erzählen wollte. Warum nicht? Weil er ein Idiot sein muss, damit der Film weitergeht.

Die tollste Wendung aber kommt gegen Ende, wenn das Biest Nick der Vergewaltigung bezichtigt und sogar Sperma vorweisen kann, das sie aus einem gebrauchten Kondom gesammelt hat. Dieser appetitliche Einfall ist auch eine Warnung an alle Jungs vor weiblichem Samenraub.

Moralische Skrupel hat der Film keine, eine 15-jährige zur Drahtzieherin mehrerer Todes-Szenarios zu machen, und nicht nur deswegen schwingt stets ein irgendwie unangenehmer Beigeschmack mit. Adrians Vater (Kurtwood Smith) spricht mit Nick über seine Ängste, irgendein Teenager würde ihm eines Tages seine Tochter wegnehmen (wörtlich: "vor der Tür stehen mit einem Ständer in der Hose!" Urgh), im Finale bekommt das Mädel ordentlich was auf die Mütze (sprich, die Faust ins Gesicht), und auch Regisseur Alan Shapiro sexualisiert mit seiner Kamera die junge Silverstone, wo er nur kann. Er scheint überhaupt großes Verständnis für Männer zu haben, die über 15-jährige herfallen - nach dem Motto, die will das doch, so wie sie angezogen ist! Sehr pädagogisch.

Schauspielerisch bietet DAS BIEST ein Wiedersehen mit sogenannten Has-Beens. Cary Elwes war seinerzeit der Schwarm vieler Mädchen und Jungs (mich eingeschlossen) und verschwand Mitte der 90er in der Versenkung (bzw. in kleinen Rollen), aus der er mit "Saw" (2004) wieder auftauchte. Ebenso heiß war für kurze Zeit Jennifer Rubin ("Vision der Dunkelheit", 1988), die hier mit einer Wegwerf-Rolle gestraft ist, aus der auch Meryl Streep nicht mehr machen könnte. Der Star des Films ist Alicia Silverstone, die kurz darauf mit "Clueless" (1995) einen Mega-Hit landen sollte und als BIEST genau die richtige Mischung aus Lolita und Norman Bates ist. Für ihre Leistung bekam sie zwei MTV-Movie-Awards, als beste Neuentdeckung und bester Filmbösewicht.

Alles in allem spielt DAS BIEST nicht in der Klasse der oben genannten Filme, sondern bewegt sich eher auf dem Niveau von Tom Hollands "Die Aushilfe" (1993) mit Lara Flynn Boyle als psychopathischer Sekretärin. Soll heißen, beide Filme sind extrem blöde, aber auch ziemlich spaßig, wenn man den nötigen Humor dafür hat. Und in beiden werden Insekten als Mordwaffen benutzt.

07/10

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