Sonntag, 28. August 2011

Tanz der Teufel (1981)

Im Jahr 1981 kratzte der junge, unbekannte Filmfan Sam Raimi 500.000 Dollar von Bekannten und privaten Geldgebern zusammen, um gemeinsam mit seinen Freunden den ultimativen Horrorfilm zu drehen.

Der Rest ist Geschichte.

In TANZ DER TEUFEL (The Evil Dead) wollen vier Teenager ein Wochenende in einer alten Waldhütte verbringen. Schon bei ihrer Ankunft deuten merkwürdige Klopfgeräusche darauf hin, dass hier etwas nicht stimmt. Als sie ein geheimnisvolles Buch finden und ein Tonband mit Beschwörungsformeln abspielen, bricht das Böse über die Jugendlichen herein. Unser Held Ash (Bruce Campbell) muss hilflos zusehen, wie seine Freunde sich in blutrünstige Höllenwesen verwandeln...

Was für eine Achterbahnfahrt ist Sam Raimi mit seinem Erstling gelungen! TANZ DER TEUFEL startet auf Hochtouren mit einer durch die Wälder rasenden Kamera als Subjektive des 'Bösen' (eigentlich Raimi mit der Handkamera auf einem Brett, das von Bruce Campbell gezogen wird) und lässt dann nicht mehr locker. Die Intensität des Films steigert und steigert sich in zuvor unbekannte Dimensionen, und dem Publikum stehen sämtliche Haare zu Berge beim Anblick von Raimis ungezügelter Fantasie und schierer Lust am Grauen.
Raimis Kamera steht niemals still, sorgt für immer neue, bizarre Perspektiven, sein Film strotz nur so vor Einfällen. Und das alles wurde realisiert mit einem geradezu lächerlichen Budget, das man zwar an jeder Stelle merkt, das aber von Raimi so kreativ genutzt wird, das einem Hören und Sehen vergeht. Als Zuschauer ist man schnell auf alles gefasst und wird ständig überrascht. Dabei wirkt TANZ DER TEUFEL nie grimmig, sondern bleibt durch sein hohes Maß an groteskem Humor stets Popcorn-Kino allerhöchster Güte.

Raimi gelingt hier vor allem etwas, das nur wenige Genrebeiträge überhaupt versuchen: den Horror in wirklich jede einzelne Szene zu holen und ununterbrochen mit Sehgewohnheiten zu experimentieren (so wie es Romeros "Night of the Living Dead", 1968 und Argentos "Suspiria", 1977, ebenfalls schaffen). Wenn der Wagen der Protagonisten zu Beginn auf die Hütte zufährt, verstummen plötzlich sämtliche Geräusche (Motor, Natur) mit Ausnahme der Reifen auf dem Walduntergrund, das seltsame Klopfgeräusch stellt sich als Verandaschaukel heraus, die gegen die Hütte geschlagen wird, aber just in jenem Moment stillsteht, wenn die Teenager die Tür aufschließen, der Keller der kleinen Behausung entpuppt sich als Labyrinth, und während draußen die Sonne scheint, wabert im Inneren der Hütte Nebel. Sogar eine kitschig-romantische Szene, in der Bruce Campbell seiner Liebsten eine Kette schenkt, wird durch Raimis Inszenierung zum Kabinettstück, indem er sich auf Großaufnahmen beider Augenpaare konzentriert, die ein Katz-und Mausspiel vollführen, welches sich später wiederholt, wenn Campbell die mittlerweile tote (oder doch untote) Geliebte begraben will.

Zu den fantasievollen Spezialeffekten gehören die unbeschreiblichen Verwandlungen der Charaktere, das Monster-Makeup und die Auflösung der Besessenen. Von altmodischen Stop-Motion-Tricks bis zu farbigem Kartoffelbrei mit Küchenschaben fährt Raimi alles auf, was Technik und Vorratskammer hergeben. Meine absolute Lieblingseinstellung zeigt den Vollmond über der Hütte, in dem sich das Böse wie schwarze Tinte ausbreitet. Es gibt so viel Details in TANZ DER TEUFEL zu sehen, dass es unmöglich ist, alle aufzuzählen.

Nicht unerwähnt bleiben soll die berüchtigte Baum-Sequenz, in der die furchtsame Cheryl (Ellen Sandweiss) panisch durch den nächtlichen Wald rennt, um dann von den bizarren Bäumen überfallen und vergewaltigt zu werden, was als ultimative Frauenfeindlichkeit ausgelegt wurde und im Zentrum der jahrzehntelangen Kontroverse um den Film stand (siehe unten). Ohne diese Szene zu verteidigen muss man sagen, dass alle Charaktere sich in TANZ DER TEUFEL ihren schlimmsten Alpträumen stellen müssen und die surreale Inszenierung diesen Vorgang unwirklich und mythisch erscheinen lässt und ihm damit jeden Realitätsbezug nimmt, der dem Betrachter unangenehm aufstoßen könnte. Das soll aber jeder für sich beurteilen (Frauen sehen das mit Sicherheit anders, und die Aufregung ist - auch wenn man anderer Ansicht ist - nachvollziehbar).

Bruce Campbell wurde durch TANZ DER TEUFEL zum Star und zur Kultfigur des Genres. Anders als in den Fortsetzungen ist seine Darstellung hier aber noch nicht auf Komik angelegt, obwohl er eine Menge abbekommt. Er wird mehrfach unter Regalen und anderen Möbeln begraben, muss seine Geliebte zerstückeln und begraben und wird mit allerlei ekelhaften Flüssigkeiten aller Farben des Spektrums besudelt, bevor die rasende Kamera ihn aus dem Film reißt. Vor allem aber ist er ein sympathischer, leicht trotteliger und liebenswerter Held. Die Oneliner kamen später.

Viele haben mit wenig Geld versucht, Horrorfilme zu drehen, aber keinem ist es dermaßen beeindruckend geglückt. Bestseller-Autor Stephen King ließ sich prompt zu einem Jubelsatz hinreißen, der aufs Plakat gedruckt wurde. Mit dem 'Gütesiegel' des Horror-Spezialisten wurde TANZ DER TEUFEL ein weltweiter Hit, musste aber kurz darauf eine Tortur durch Zensurbehörden erleiden. Die ganze Geschichte der unzähligen Kürzungen, Indizierungen, Beschlagnahmungen und Freigaben kann an anderer Stelle nachgelesen werden, sie würde hier den Rahmen sprengen. Kurz gesagt gehört TANZ DER TEUFEL zu den am meisten gebeutelten und missverstandenen Horrorfilmen aller Zeiten, und das unverdientermaßen, denn der Film hat keinen Realitätsanspruch uns spielt in einer völlig fremden, eigenen Welt. Obwohl das Blut meterweit spritzt (mal rot, mal schwarz), bewegt sich TANZ DER TEUFEL immer im Bereich des Fantastischen, des Cartoons, des Surrealen.

TANZ DER TEUFEL ist der Film eines Horrorfans für alle Horrorfans. Die unglaubliche Energie des Films reißt heute noch mit. Während aktuelle Retro-Regisseure exakt die Art von Brutalität und Zynismus bieten, die ihr Zielpublikum sehen will und ihre Filme speziell darauf zuschneiden, stecken in TANZ DER TEUFEL viel Naivität und jugendliche Begeisterung. Sam Raimi wollte einen Film machen, den er selbst lieben würde, und den genau deswegen alle lieben. Das ist unterm Strich der ganz große Unterschied zwischen dem heutigen, rückwärtsgewandten Genrekino und einem innovativen Geniestreich wie diesem.

10/10

Publicity-Still für "Tanz der Teufel"

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