Samstag, 27. August 2011

Muttertag (1980)

Charles Kaufmans MUTTERTAG (Mother's Day) gehörte neben Fulcis "Ein Zombie hing am Glockenseil" (1980) und Raimis "Tanz der Teufel" (1981) zu DEN sagenhaften Horrorfilmen, die in den 80ern aufgrund der landesweiten Beschlagnahmung nur unter der Hand (und unterm Tresen) zu bekommen und angeblich so hart waren, dass das Drücken der 'Play'-Taste am Videorekorder schon als Mutprobe anerkannt wurde.
Gemeinhin als brutaler Billig-Trash abgetan, entwickelte der Film aber in den folgenden Jahren den Ruf eines übersehenen, missverstandenen Klassikers, der eher als Satire angelegt ist. So wie MUTTERTAG ursprünglich unterschätzt wurde, wird er mittlerweile überschätzt.

Worum geht es? Drei Großstadt-Frauen treffen sich zum alljährlichen Campingtrip in den Wäldern und geraten dabei an zwei durchgeknallte Einsiedler, die sie entführen, zu sich nach Hause schleppen, dort vergewaltigen und quälen. Das alles tun sie vor den Augen ihrer lieben alten Mama (Rose Ross), die einen Heidenspaß an den Foltermethoden ihrer Knaben hat, aber sauer wird, wenn die Burschen sich nicht die Schuhe an der Tür abputzen. Am nächsten Morgen gelingt zwei Mädels die Flucht. Doch statt zur Polizei zu gehen, legen sie sich lieber Stirnbänder an und nehmen grausame Rache an ihren Peinigern. Herzlichen Muttertag, alle zusammen!

Das klingt auf den ersten Blick nicht wie eine Satire, sondern wie geschmackloser Schund, der einmal zu oft "Deliverance" (1972) gesehen und lediglich die Geschlechter der Protagonisten ausgetauscht hat. Das Vorbild ist deutlich erkennbar, und MUTTERTAG ist tatsächlich so etwas wie die missratene, irre Schwester von Boormans Film (Wes Cravens "Last House on the Left", 1972, gehört ebenfalls zu den engeren Verwandten). Nun sind Satiren grundsätzlich erst mal Thesenfilme, die einzig erkennbare These in MUTTERTAG aber würde wohl "Fernsehen macht dumm und gemeingefährlich" lauten. Das könnte man unterschreiben, ist aber alles in allem etwas dürftig, um den Film gleich als subversiv zu bezeichnen.

Aber: an vielen Stellen ist MUTTERTAG in der Tat gar nicht so dumm. Das Drehbuch bemüht sich um schnelle, aber kantige Charakterisierungen und spielt mit Motiven, die sich im Laufe der Filmhandlung ironisch umkehren. So betrachten die Frauen anfangs Dias aus Schultagen (komplett mit unerträglichem Synchro-Geplapper und Gekicher, obwohl es nichts Lustiges zu sehen gibt), auf denen sie z.B. scherzhaft in Schlafsäcken stecken. Später werden sie von den degenerierten Mördern in eben jenen Schlafsäcken vom Lagerfeuer zu Mamas Häuschen weggeschleift. In einer Rückblende sehen wir, wie die Mädels in der Schulzeit einem Aufreißer einen hinterlistigen Pubertätsstreich spielen, in der Gegenwart werden sie selbst Opfer grausamer 'Streiche'. Eine der Frauen spielt mit ihrem Lover Vergewaltigung und erlebt diese später real. Die andere leidet unter einer pflegebedürftigen Mutter, die sie drangsaliert, und 'rächt' sich später an der Mutter der Killer in einem brutalen Akt der Verzweiflung, in dem sie nicht mehr zwischen ihrer eigenen und der fremden Mama unterscheiden kann.

Die Kritik an übermäßigem TV-Konsum beschränkt sich darauf, dass die bösen Jungs nur die Gewaltorgien nachspielen, die sie aus dem Fernsehen kennen, weil sie weder Kontakt zur Außenwelt noch zu anderen kulturellen Einrichtungen haben. Eine Vergewaltigung ist für sie keine schlimme Sache, weil sie diese ständig im Fernsehen zu Unterhaltungszwecken sehen. Da ihre Mutter begeistert zusieht und die Sprösslinge 'anfeuert', können sie auch nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden, denn wer widerspricht schon der alten Mama, die es doch am besten weiß? Im Finale endet einer der Jungs dann mit dem Kopf voran im Fernseher, ist also endlich in der Welt angekommen, die er liebt. Oder wie Freddy Krueger ("Nightmare 3", 1987) sagt: "Welcome to Prime Time, Bitch!"

Das Abbruchhaus, in dem die geisteskranke Sippe wohnt, ist dazu mit Kitsch und Ramsch vollgestopft (ganz entzückend sind die aufblasbaren Brüste, mit denen Mutter am Ende niedergestreckt wird) - soll heißen, diese Leute haben weder Geschmack noch Intellekt oder Kultur. Die mordlustigen Hinterwäldler gehörten 1980 natürlich schon zum Standard des Genres (spätestens seit "The Texas Chainsaw Massacre", 1974). Schlechte Zähne und Inzest sind obligatorische Versatzstücke und werden heute noch gern bespielt, selten hinterfragt.
Dass der Film die drei Freundinnen als biestig und rücksichtslos beschreibt (sie werfen Müll in die Natur und verwüsten einen Lebensmittelladen), bleibt zwiespältig, denn so scheint er zu suggerieren, sie würden nur 'bekommen, was sie verdienen' (dazu gehört auch das Aufgreifen der gespielten Vergewaltigung), womit MUTTERTAG sich der konservativen Slasher-Moral unterwirft, nach der Kiffen, Fummeln und Herumblödeln grundsätzlich mit dem Tod bestraft wird. Aus der brutalen Racheaktion der Mädels Zivilisationskritik abzuleiten (nach dem Motto: in uns allen schlummert das blutrünstige Tier), scheint etwas zu bemüht, zumal so ein Stoff diese Lesart immer vorgibt.

Aber weg von der Bedeutungsebene und hin zum Horrorschocker, der leider nur stellenweise gut funktioniert. Echte Überraschungen gibt es nicht, echte Spannung genau so wenig. Der Aufbau dauert zu lange, der Film plätschert lange nur dahin. Die Schauspieler sind uninteressant (die Frauen) oder agieren völlig überzogen (die Sippe). Der Schluss-Schock ist lediglich dämlich. Was Spaß macht, sind die grotesk überzeichneten Splatter- und Gewaltmomente (bis auf die Vergewaltigung, zu der Kaufman keine Haltung zeigt, und die durch den eingebauten 'Humor' noch unangenehmer wirkt). Für den Gorehound gibt es reichlich Futter, wenn die Rächerinnen zu Hammer, Elektromesser und Abflussreiniger greifen. Die Effekte sind billig, aber sehenswert, und Regisseur Charles Kaufman filmt alles mit reichlich Wucht und Spaß an der Zerstörung. Das zu Beginn von einem Selbsthilfe-Guru ausgesprochene Mantra "Liebet euch alle!" wird hier endgültig auf die Schippe genommen.

Wie man sieht, gibt es doch etwas zu sagen über einen Film, der schnell als Schund und Trash abgetan werden kann, der sich aber zumindest Mühe gibt, ein wenig ironische Brechung in seine Metzelei zu schmuggeln. Ein bisschen John Waters steckt sogar in MUTTERTAG, nicht nur wegen der rosa Plastikflamingos, die Mutters 'Vorgarten' zieren. Das macht aber bei weitem noch keinen guten Horrorfilm.
Die Beschlagnahmung des Films (die auch in Großbritannien im Zug der 'Video Nasties' vollzogen wurde) ist natürlich der grundsätzlichen Geschmacklosigkeit geschuldet, sowie der Tatsache, dass die Familie als Hort des Glücks und der Geborgenheit nicht beschmutzt werden darf. Ich kenne zumindest keinen beschlagnahmten Disney-Film. Dabei hat "Bambi" (1942) mich weit mehr verstört als ein letztlich alberner Popcorn-Schocker wie MUTTERTAG.

Letzter Gedanke: äußerst irritierend ist für mich immer die Szene, in der die zwei überlebenden Mädels ihre tote Freundin im Wald begraben. Ist ja nett gemeint, aber ob die Kameradin sich wirklich gewünscht hat, am Ort ihrer Vergewaltigung und Ermordung die letzte Ruhe zu finden? Ich weiß ja nicht...

05/10

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