Donnerstag, 4. August 2011

Matador (1986)

Der alternde Stierkämpfer Diego (Nacho Martinez) ist ein heimlicher Frauenmörder und besessen von der schönen Anwältin Maria (Assumpta Serna), die - einem Torero gleich - Männer beim Sex mit einer Haarnadel tötet. Diegos junger Schüler Angel (Antonio Banderas) möchte gerne Stierkämpfer werden, kann aber kein Blut sehen und wird von seiner religiös-fanatischen Mutter dominiert. Nachdem er versucht hat, die Verlobte von Diego zu vergewaltigen, bezichtigt er sich selbst gegenüber der Polizei der Vergewaltigung und der Frauenmorde, die sein Lehrer begangen hat. Seine Verteidigerin wird Maria.
Während der ermittelnde Kommissar del Valle (Eusebio Poncela) nach Beweisen für Angels Unschuld sucht, zu dem er sich hingezogen fühlt, geraten Maria und Diego in einen Strudel aus sexueller Leidenschaft und Todessehnsucht...

MATADOR (Matador), der fünfte Spielfilm von Pedro Almodóvar, ist ein Film des Übergangs. Almodóvar selbst sagte, dass er versucht habe, einen Film über den Tod zu machen, doch habe er gemerkt, dass er dem Thema nicht gewachsen sei. Später sollte ihm mit "Alles über meine Mutter" (1999) ein grandioses Werk über Tod und Verlust gelingen.
MATADOR hat einige Preise auf internationalen Filmfestivals gewonnen und nimmt eine Sonderstellung im Oeuvre des Regisseurs ein.
Zum einen verzichtet er auf die gewohnt schrillen Dekors und Kostüme, zum anderen bietet er keine Identifikationsfiguren oder Sympathieträger. Auch bleibt sein Thriller-Melodram seltsam ironiefrei und kühl, obwohl es gelegentliche Anflüge von Humor gibt. MATADOR ist düster, ernsthaft und besessen vom Tod, bleibt aber auch abstrakt und distanziert. Das Schicksal der Hauptprotagonisten Maria und Diego interessiert weit weniger als nötig wäre, um MATADOR emotional zu folgen. Ihr gemeinsamer Tod, der bereits früh angekündigt wird, wenn beide eine Vorstellung von King Vidors "Duell in der Sonne" (1946) besuchen, lässt kalt, weil man diese beiden ohnehin nicht versteht. Zu kryptisch sind sie angelegt. Das Konzept von Todessehnsucht und dem Stierkampf als sexuell aufgeladene Zeremonie des Todes, der sich auch die Hauptfiguren unterwerfen, scheint hier wichtiger zu sein als die Menschen selbst.

Das soll nicht heißen, dass MATADOR nicht unterhaltsam ist, zumindest über weite Strecken, auch gibt es viele der für den Regisseur typischen Absurditäten und Fetische. So besteht wie so oft bei Almodóvar zwischen sämtlichen Figuren ein Verwandtschafts- oder Beziehungsgeflecht. Alle leiden unter ungestillten (und unstillbaren) Sehnsüchten. Antonio Banderas ist als schöner Angel wieder einmal das Ziel vieler Obsessionen. Als er sich bei der Polizei selbst der Vergewaltigung anzeigt, erwidert die Polizistin am Empfang trocken: "Manche Frauen haben ein Glück". Polizist del Valle ist zwar mit der Psychologin Julia (Carmen Maura) verheiratet, die den jungen Angel betreut, tatsächlich aber ist er fasziniert von Angel und kann seinen Blick nicht von den Hosen der Stierkämpfer abwenden, als die Torero-Schule besucht. Was er von Diego zuerst wissen will, ist, ob Angel vielleicht homosexuell sei. Julia hingegen entdeckt ihre Mutterinstinkte für Angel, da ihre Ehe mit dem offensichtlich schwulen del Valle kinderlos geblieben ist.
Dieses Dreiecksgeflecht ist wesentlich interessanter als die Geschichte der Hauptfiguren, wird aber von Almodóvar leider weniger wichtig genommen. In seinem folgenden Welterfolg "Das Gesetz der Begierde" (1997) sollte er es mit den gleichen Darstellern Maura, Banderas und Poncela zur Hauptattraktion machen.

Für diverse Lacher sorgt Darstellerin Chus Lampreave als Mutter des Vergewaltigungsopfers Eva (Eva Cobo), die besorgter über den Gang zur Polizei ist als über die Tat selbst (hier finden sich subtil satirische Hinweise auf das Franco-Regime) und den Vergewaltiger Angel anschnauzt, er solle sich beim nächsten Mal 'gefälligst zusammenreißen'. Auch ihre Tochter reagiert heftiger auf die Meldung der Vergewaltigung im Fernsehen als auf den Überfall. Diese Szene wird sich in "Kika" (1992) wiederholen und drückt Almodóvars Verachtung des Fernsehens aus, das Menschen grundsätzlich zu Opfern macht, selbst wenn sie diese Rolle in der Realität ablehnen.

"Du fragst nie nach dem 'Warum'", sagt Carmen Maura zu ihrem Ehemann/Kommissar, und auch Almodóvar ist wie gewohnt nicht an psychologischer Deutung oder Ursachenforschung interessiert, auch kümmert er sich nicht um die Ermittlungsarbeit der Polizei, ihn interessieren nur die dramatischen Konflikte, die sich aus den Morden für die Figuren ergeben, und das Schicksal, das sie teilen. Damit ist er so weit wie möglich vom Hollywood-Kino entfernt, auch wenn er immer wieder Hollywood-Zitate wie "Duell in der Sonne" oder "Psycho" (1960) einbaut.

In einer Sequenz hinter den Kulissen einer Modenschau ist übrigens der Meister Almodóvar selbst als Stardesigner zu sehen, der von 'Kika' Verónica Forqué interviewt wird. Tabugrenzen werden von Almodóvar in MATADOR erneut schon in der Eingangssequenz überschritten, wenn Diego zu Szenen aus Horrorfilmen masturbiert, darunter Trash wie Jess Francos "Bloody Moon" (1981), als auch Mario Bavas Meisterwerk "Blutige Seide" (1963).

MATADOR ist für Almodóvar-Fans unverzichtbar, ich würde ihn aber aufgrund seiner Humorlosigkeit und der abstrakten Inszenierung keinesfalls Einsteigern ins Schaffen des Regisseurs empfehlen.

06/10

Der Lehrer und sein Schüler -
Nacho Martinez und Antonio Banderas in "Matador"

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