Samstag, 6. August 2011

Manhunter (1986)

Manche Filme kommen einfach zu früh.

Der finanzielle Misserfolg von Michael Manns MANHUNTER (Manhunter), auch bekannt unter seinem deutschen Kino-Titel "Blutmond", lässt sich darauf zurückführen, dass 1986 das Publikum noch nicht an Serienkiller und Profiler im Kino gewöhnt war. Der belanglose Titel suggeriert zudem einen hirnlosen Action-Knaller und nicht einen in jeder Beziehung hochklassigen Thriller.
Der Name Thomas Harris, auf dessen Roman "Roter Drache" MANHUNTER basiert, war ebenfalls noch kein Zugpferd, von dessen Schöpfung 'Hannibal Lecter' ganz zu schweigen. Fünf Jahre nach MANHUNTER sollte Jonathan Demmes "Das Schweigen der Lämmer" (1997) alle Lorbeeren einheimsen, für die Michael Mann den Weg bereitet hat. Und während Demmes Film (durchaus zu Recht) bis heute gepriesen wird, kam MANHUNTER nie über seinen Kultstaus hinaus. Glücklicherweise hat er mittlerweile zumindest eine Fangemeinde, die seine Qualität zu würdigen weiß.

Der Inhalt: Profiler Will Graham (William Petersen), der nach einer Begegnung mit dem Psychiater und Serienmörder Hannibal Lecktor (Brian Cox) aus dem Dienst ausgeschieden ist, wird von seinem ehemaligen Vorgesetzten Crawford (Dennis Farina) gebeten, bei der Aufklärung einer neuen Mordserie zu helfen, die von einem Killer verübt wird, der als 'Zahnfee' bekannt wurde. Hinter der 'Zahnfee' verbirgt sich der schüchterne Francis Dollarhyde (Tom Nonnan), und je näher Graham ihm bei seinen Ermittlungen kommt, desto größer wird die Gefahr - für ihn selbst, seine immer noch labile Psyche und seine Familie...

MANHUNTER besticht durch die fantastische Kameraarbeit Dante Spinottis, der stets die volle Breite des Cinemascope-Formats ausnutzt und zusammen mit Licht und Ausstattung unvergessliche Bilder schafft. Regisseur Michael Mann, der auf kleinste Details größten Wert legt, erzählt die mühsame Polizeiarbeit und Grahams Versuche, dem Killer näherzukommen, in aller Ausführlichkeit und erreicht ein hohes Maß an Authentizität, trotz der stilisierten Fotografie.
Die Darsteller bewegen sich ebenfalls auf höchstem Niveau. William Petersen, der gerade zuvor in William Friedkins "Leben und Sterben in L.A." (1985) einen ultra-coolen, draufgängerischen Cop gespielt hat, geht hier den entgegengesetzten Weg und legt seinen Graham introvertiert und brütend an. Seine Leistung in MANHUNTER ist wahrscheinlich die beste seiner Karriere und hat ihm die tragende Rolle in der späteren Erfolgsserie "CSI" verschafft.

Die Figur des Hannibal Lecktor (hier noch 'Lecktor' geschrieben, später dann 'Lecter') wird in MANHUNTER von Brian Cox übernommen, dem Michael Mann vorgab, die Rolle wie einen 15-jährigen Schuljungen zu spielen. Das macht Cox äußerst effektiv. Der Vergleich zwischen ihm und Anthony Hopkins, der in allen späteren Adaptionen den Hannibal spielte (darunter das Remake von MANHUNTER, "Roter Drache", 2002), ist müßig, da beide ihre Rolle vollkommen unterschiedlich anlegen, beide sind auf ihre Art meisterhaft. Wenn Lecktor Graham fragt, ob er dessen Privatnummer bekommen könne, läuft einem ein kalter Schauer über den Rücken. Er bekommt überhaupt nur zwei Szenen in MANHUNTER, aber die hinterlassen einen bleibenden Eindruck.
Joan Allen, Tom Noonan und Stephen Lang als schmieriger Reporter zeigen ebenfalls hervorragende Darstellungen. Zu den Highlights des Films (und davon gibt es viele) gehören eine lange Sequenz, in der das FBI unter Hochdruck eine Nachricht des Killers entschlüsseln muss, bevor er zuschlägt, die Entführung und Ermordung von Journalist Lang (eine klasse Darbietung echter Todesangst), Joan Allens erotisch-sinnliche Begegnung mit einem narkotisierten Tiger, sowie das aufregende, finale Shoot-Out zwischen Petersen und Noonan, in welchem Michael Mann ohne Vorwarnung den kunstvollen Kamerastil zugunsten von Jump Cuts und Handkamera aufgibt, was zu einem verstörenden Ergebnis führt.

Die einzige Schwachstelle des Films ist Kim Greist als Grahams Ehefrau. Nicht nur spielt sie ihre Rolle vollkommen emotionsfrei, die Szenen des Paares sind auch weder gut geschrieben noch inszeniert. Glücklicherweise stören sie den Ablauf des ansonsten makellosen Thrillers nicht, weil sie ohnehin eine untergeordnete Rolle spielen.

Ansonsten stellt MANHUNTER perfekte, hochspannende Unterhaltung mit Anspruch dar, die stellenweise wirklich unter die Haut geht. Vieles von dem, was wir aus unzähligen Serienkiller-Filmen kennen, wurde hier zum ersten Mal gemacht. Filme wie "Copykill" (1995) bedienen sich geradezu ausgiebig bei Michael Mann. Das Remake "Roter Drache", das nichts weiter tut als Anthony Hopkins' süffisanten Zynismus zu Tode zu reiten, kann MANHUNTER trotz Starbesetzung nicht das Wasser reichen, war aber aufgrund von Hopkins' Popularität als Hannibal ein Kassenhit.
Pech für Mann.
MANHUNTER
ist und bleibt einer der besten Thriller der 80er.

09/10

Tom Noonan als 'Zahnfee' Dollarhyde - "Manhunter"

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