Montag, 15. August 2011

Lies - Lügen (1985)

Der Psycho-Thriller LIES (Lies) ist so unbekannt, dass es nicht einmal einen englischsprachigen Wikipedia-Eintrag über ihn gibt, und das will wirklich was heißen.
Mit seinem passenden, aber unspektakulären Titel ist er aber auch unmöglich zu finden. Kein Wunder, dass er in Deutschland gleich mehrere Titel erhalten hat, je nachdem, wo er gezeigt wurde. Die deutsche Verleih-VHS hieß "Lies - Lügen" (in 8 von 10 Fällen falsch verstanden als Befehl, 'Lügen zu lesen'), im Fernsehen nannte man ihn entweder "Horror in der Nervenklinik" oder "Kaltblütiges Spiel".
So oder so sollte jeder Thriller-Fan versuchen, ihn aufzustöbern, hier handelt es sich nämlich um einen klasse Genrebeitrag mit leichten Horror-Anleihen und viel makaberem Humor.

Geschrieben und inszeniert wurde LIES von Jim & Ken Wheat, die gemeinsam an vielen Horrorfilmen gearbeitet haben ("Die Fliege 2", 1989, "Nightmare 4", 1988, "Pitch Black - Planet der Finsternis", 1999). LIES erzählt von der jungen, ambitionierten Schauspielerin Robyn (Ann Dusenberry), die es satt hat, in billigen Horrorfilmen mitzuspielen. Gerade wurde sie vom Set eines Horrorfilms gefeuert, weil sie sich weigerte, ihre Brüste vor der Kamera zu zeigen. "Die Leute kommen wegen deiner Titten ins Kino!" meint der Regisseur, aber Robyn will spielen und sich nicht nackig machen. Bald schon meldet sich eine attraktive Dame (Gail Strickland), die der arbeitslosen Robyn eine Rolle anbietet. Das Schicksal einer psychisch gestörten Millionenerbin soll verfilmt werden, und Robyn sei genau die passende Besetzung. Außerhalb der Stadt macht Robyn Probeaufnahmen, in denen sie die labile, neurotische Heldin verkörpert, die in einer Psychiatrie einsitzt. Was Robyn bald darauf erfährt: sie ist Teil eines gemeinen Mordkomplotts geworden, dem die echte Erbin zum Opfer fallen soll, mit den Videos von Robyn als Beweis für deren Unzurechnungsfähigkeit! Als Robyn das schmutzige Spiel durchschaut, landet sie selbst in der Irrenanstalt und muss um ihr Leben bangen...

Okay, der Plot ist nicht neu. Der vermeintliche Auftrag, der sich als Intrige entpuppt, um jemanden loszuwerden, stammt natürlich aus Hitchcocks "Vertigo" (1985), auf den die Wheat-Brüder anspielen. Dass hier eine Schauspielerin einbezogen wird, die im wahren Leben eine Rolle verkörpern soll, wurde sowohl in Brian De Palmas "Vertigo"-Hommage "Der Tod kommt zweimal" (1984) als auch später in Arthur Penns "Dead of Winter" (1987) benutzt. Robyns Fluchtversuche aus der Nervenheilanstalt erinnern stark an Geneviève Bujolds Aktionen in "Coma" (1977).

Nichtsdestotrotz kann LIES mit vielen guten Einfällen aufwarten. Das fängt bei der Film-im-Film-Sequenz an, die gleich zu Beginn den Horrorfilm auf die Schippe nimmt, wenn ein maskierter Zombie mit Messer in der Brust hinter Ann Dusenberry herjagt und ihr die Bluse vom Leib reißt, woraufhin sie dem Monster kräftig zwischen die Beine tritt und ihn ganz un-drehbuchmäßig kalt stellt, bevor sich die Szene als Teil von Dreharbeiten entlarvt. Der Streit um die nackten Brüste, die Robyn nicht zeigen will, wird ironisch kommentiert, wenn Hauptdarstellerin Dusenberry gleich darauf nackt unter der Dusche steht und mit ihrem Ex-Freund knutscht (der leider so langweilig besetzt ist, dass es weht tut - die Synchronisation verpasst ihm dazu noch die Tom Selleck-'Magnum'-Stimme... ach ja, die 80er...).

Die Passage des vermeintlichen Vorsprechens und der Probeaufnahmen braucht eine Weile, ist aber notwendig für die späteren Wendungen und Verwicklungen. Der Moment, in dem Dusenberry erkennt, dass sie missbraucht wurde und sich neben der Leiche der Millionenerbin wiederfindet, sorgt dann für echte Gänsehaut. Nachdem sie in der Psychiatrie landet, kommt LIES so richtig in Fahrt. Hier spielen die Wheat-Brüder nicht nur mit Urängsten (alle halten Dusenberry für verrückt, wenn sie erklärt, dass sie für ein Mordkomplott benutzt wurde - und würden wir das nicht auch?), sie bauen auch bösen Humor ins Geschehen ein. So endet z.B. ein Psychiater, der das hinterhältige Spiel durchschaut und umgehend Schweigegeld verlangt, als strangulierte Leiche im Fahrstuhlschacht, die bei jeder Fahrt des Lifts unabsichtlich hoch- und runtertransportiert wird.

Als Zuschauer ist man immer auf der Seite Dusenberrys, die eine moderne und hlaubwürdige Heldin verkörpert. An ihrer Seite agieren Genre-erfahrene Charakterdarsteller wie Bruce Davison ("China Blue - Bei Tag und Nacht", 1984) als vermeintlicher Love-Interest, Clu Gulager ("The Hidden", 1987) und Corman-Veteran Dick Miller.

Logik ist übrigens nicht die Stärke des Films (der Plan der Mörder ist absurd), und Fragen sollte man lieber nicht stellen (Warum Dusenberry einsperren, anstatt sie gleich zu ermorden? So lange man sie in der Psychiatrie 'aufbewahrt' besteht immer die Gefahr einer Flucht oder Entdeckung), aber das trifft im Großen und Ganzen auch auf die oben genannten Vorbilder und Geschwister von LIES zu - und seien wir ehrlich, konnte der mörderische Tom Helmore wirklich davon ausgehen, dass James Stewart es nicht schafft, die Treppen des Kirchturms zu erklimmen?

Wirklich?


08/10

Die Schauspielerin als Opfer der Intrige -
Ann Dusenberry in "Lies"

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