Freitag, 19. August 2011

God Told Me To (1976)

In New York findet eine Reihe merkwürdiger Verbrechen statt. Ein Sniper schießt von einem Wasserturm aus wahllos auf Passanten, ein Familienvater ermordet Frau und Kind, ein Scharfschütze schießt sich durch eine Polizeiparade. Was diese Verbrechen gemeinsam haben ist die Zeile, die von den Attentätern auf dem Sterbebett gestammelt wird: "Gott hat es mir befohlen!"
Der ermittelnde Detective Nicholas (Tony Lo Bianco), der diesen Satz von allen Mördern gehört hat, entdeckt die Spur zu einem seltsamen Menschen namens Bernard Philips (Richard Lynch), der womöglich Gottes Stellvertreter auf Erden ist und von einer Jungfrau geboren wurde, die von Außerirdischen entführt wurde. Je näher Nicholas der Wahrheit kommt, desto mehr muss er sich auch mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzen...

Das klingt alles reichlich abstrus und albern, doch Regisseur Larry Cohen gelingt das unglaubliche Kunststück, dass man seinen Film ernst nimmt. Und nicht nur das, GOD TOLD ME TO (God Told Me To / Demon) ist vielleicht sogar sein bester Film. Genau wie Cohens Kult-Vorgänger "Die Wiege des Bösen" (1974) besitzt GOD TOLD ME TO eine extrem realistische, dokumentarische Qualität, die ihn klar als Produkt der 70er kennzeichnet. Nur sehr wenig Geld stand Cohen zur Verwirklichung seiner Idee zur Verfügung. Trotzdem schafft er es, eine komplette St. Patricks Day-Parade zu filmen, in der ein Attentäter herumballert. Das gelang nur, weil sich das Filmteam in die tatsächlich stattfindende Parade einschmuggelte und jede Menge Dokumaterial aufnahm, das später mit Nachstellungen im kleineren Maßstab montiert wurde. GOD TOLD ME TO spielt fast ausschließlich an Originalschauplätzen New Yorks und vermittelt ein authentisches Straßengefühl, das sich nicht hinter teuren Produktionen zu verstecken braucht.

Das Problem des Films ist, dass Larry Cohen hier zu viel will. Er beginnt wie ein Thriller, wechselt dann schnell in den Horror-Bereich und schwenkt dann überraschend ins Science Fiction-Genre um. Das Drehbuch weist einige Holperer auf, in denen man als Zuschauer zu wenig Informationen erhält, was gerade vor sich geht, wie Hauptdarsteller Lo Bianco von A nach B kommt, und wovon zur Hölle der Film eigentlich handelt. Man muss von Anfang an sehr genau zuhören, hinsehen, mitdenken, selbst die Lücken füllen und sich auf dieses bizarre Experiment einlassen, das alles in einen Topf wirft und nichts davon vollständig auslotet, dafür aber unglaublich viele Ideen und Denkanstöße liefert. Auch technisch vermischt Cohen mehrere Stilrichtungen. Während der Hauptteil des Films den schon erwähnten dokumentarischen Look pflegt, inszeniert er die Rückblende, in der die Mutter des Gott-Dämons ins All entführt wird und verstört zurück auf der Erde landet, wie einen 50er Jahre-Schwarzweiß-Schocker, mit verzerrten Optiken und Kameraperspektiven.

Nicht unerwähnt bleiben soll die vielschichtige Hauptfigur, die von Tony Li Banco intensiv gespielt wird. Dieser Detective Nicholas leidet gleich unter mehreren Schuldkomplexen. Als streng gläubiger Katholik will er sich nicht von seiner ungeliebten Ehefrau (Sandy Dennis) scheiden lassen, gleichzeitig ist ihm sein Glaube so unangenehm, dass er ihn seiner Geliebten (Deborah Raffin, "Hexensabbat", 1977) verschweigt. Am Ende wird sein gesamtes Weltbild über den Haufen geworfen, muss er alles aufgeben, woran er geglaubt hat, sogar seine eigene Identität.

Neben den exzellenten Hauptdarstellern hat Hollywood-Legende Sylvia Sydney ("Sabotage", 1936) einen beeindruckenden Auftritt. Der Film wurde Komponist Bernard Herrmann gewidmet, der schon die Musik zur "Wiege des Bösen" komponierte und auch für GOD TOLD ME TO engagiert war, dann aber unerwartet verstarb.

GOD TOLD ME TO ist ein Film für Fortgeschrittene in Sachen Horror. Auf den ersten Blick fehlen ihm ein stringenter Plot, Spannung und Identifikationsfiguren. Für Popcorn-Kino ist er zu grimmig und ernst. Für den aufmerksamen Zuschauer aber, der offen ist und bereit, sich auf etwas Bizarres einzulassen, das er in dieser Form wahrscheinlich nie gesehen hat, bietet er anspruchsvolle, hervorragende Unterhaltung mit mehreren Momenten, die unter die Haut gehen (ganz besonders ein Mordanschlag auf Nicholas in einem Treppenhaus, der völlig überraschend kommt und mit "Psychos" Duschmord konkurrieren kann).
Larry Cohen selbst sagt, dass GOD TOLD ME TO von all seinen Filmen am häufigsten für Festivals angefragt wird, weil die Fangemeinde des Streifens stetig wächst. Verdientermaßen.

09/10

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