Montag, 1. August 2011

eXistenZ (1999)

Mit EXISTENZ (eXistenZ) schuf David Cronenberg zum Ende des Millenniums einen gewohnt bizarren Film, der sich jeder Genrezuordnung entzieht, der mit den Lieblingsthemen des Regisseurs spielt und deutlich auf dessen Kultfilme verweist.
An den Kinokassen ging EXISTENZ leider unter, weil er gegen den ungleich publikumsfreundlicheren und spektakuläreren "Matrix" (1999) keine Chance hatte.

Die Handlung von EXISTENZ ist nicht ganz einfach wiederzugeben, ohne viele Überraschungen zu verderben, daher nur so viel: die populäre Spieledesignerin Allegra Geller (Jennifer Jason Leigh), die wie ein Superstar verehrt wird, auf deren Kopf aber ein Todesgeld ausgesetzt ist, stellt ihr neues Spiel 'eXistenZ' vor ausgewählten Zuschauern vor. Ein Attentäter verübt bei dieser Präsentation einen Anschlag, der Allegra fast das Leben kostet. Der PR-Mann Ted (Jude Law), der zu ihrem Schutz abgestellt wird, bringt sie zunächst in Sicherheit. Um festzustellen, ob ihre neuartige Spielekonsole bei dem Anschlag verletzt, bzw. beschädigt wurde, muss sie 'eXistenZ' gemeinsam mit einem Partner spielen. Der unerfahrene Ted lässt sich auf das Spiel ein, und nach einigen Anfangsschwierigkeiten finden sich beide in den Welten von 'eXistenZ' wieder. - Oder waren sie schon längst drin? ...

In EXISTENZ steckt praktisch alles, was den Regisseur seit jeher faszinierte. Er ist voller sexueller Metaphern, die allesamt analfixiert daherkommen (ähnlich wie in "Crash", 1996, dem kontroversen Vorgänger), er ist besessen von neuen Körperöffnungen und organischen Materialien - so besteht eine Pistole aus Knochen und verschießt Zähne, die Spielekonsole sieht aus wie ein lebendes Sex-Spielzeug, die Verbindung zwischen den 'eXistenZ'-Spielern besteht aus Nabelschnüren, etc., etc.
In vielerlei Hinsicht stellt EXISTENZ ein Remake von Cronenbergs Meisterwerk "Videodrome" (1983) dar. Hier wie dort tappen Charaktere und Zuschauer durch Halluzinationen und fremde Welten, die der Realität sehr ähnlich sehen und wissen bald nicht mehr, wo sie sich eigentlich befinden. Untergrundorganisationen kämpfen gegen die bestehende Ordnung und Neuordnung, und in beiden Fällen wird ein ähnlicher Schlachtruf ausgegeben:

"Death to Videodrome - Long Live the New Flesh!" (Videodrome)
"Death to the Demoness Allegra Geller" (eXistenZ)

Allein, der Ton ist ein anderer. Im Gegensatz zu Cronenbergs frühen, grimmigen und oft schwer verdaulichen Werken wirkt EXISTENZ ungewohnt verspielt und ironisch, beinahe heiter. Die ständige Angst des jungen Ted vor der "analen" Penetration ("Ich mache mir wirklich Sorgen um meinen Körper!") oder das Spiel mit den Game-Konventionen ("Ich verspüre den dringenden Wunsch, jemanden zu töten!") etwa sorgen für komödiantische Momente.

Auf den verschiedenen Bedeutungsebenen des Films wird neben der Spielewelt und der Realität auch das Filmemachen reflektiert, wenn z.B. Jennifer Jason Leigh und Jude Law sexuell aufgeladen übereinander herfallen und sie erklärt, dies würde das (Game-)Script vorgeben, um die emotionale Intensität der kommenden Ereignisse zu steigern. An anderer Stelle wundert sich Law über das Spiel 'eXistenZ, dessen Regeln (sinngemäß) "undurchschaubar und willkürlich seien, in dem man ziellos umherirre und ständiger Lebensgefahr ausgesetzt wäre", worauf Jennifer Jason Leigh erwidert, dass aber "jeder schon dieses Spiel spiele". Natürlich tun wir das, Tag für Tag.
Jude Laws Erkenntnis, dass dieses Spiel auf jeden Fall "schwer zu vermarkten" sei, fand in der Realität seine Entsprechung. EXISTENZ war ein finanzieller Flop mit Ansage, und zur Verdeutlichung, wie schwer der Film zu vermarkten war, muss man sich nur den hilflosen Trailer ansehen, der ihn als eine Art Techno-Cyberspace-Thriller verkauft, dabei geht Cronenberg einen völlig anderen Weg und setzt eben nicht auf atemberaubende Special Effects zur Entstehung seiner Parallelwelt, sondern im Gegenteil auf komplette Reduzierung. Die Übergänge von der (scheinbaren) Realität in die Spielwelt werden nicht durch Morphing-Effekte oder andere Spielereien erzielt, sondern lediglich über den Schnitt gelöst. Die Charaktere befinden sich nach einem Umschnitt schlicht in einem anderen Set, mit leicht verändertem Aussehen und nuanciert variierten Kostümen. Diese Reduzierung findet sich auf allen Ebenen - so tragen die Figuren keinerlei Schmuck, Uhren oder Muster auf der Kleidung, es existieren keine Fernsehgeräte, Computer oder Telefone (mit einer wichtigen Ausnahme) in der Welt des Spiels, und die Gebäude tragen allgemeingültige Label ("Motel", "Garage", "Chinese Restaurant").

Um die These "Spielewelt als neue Religion" zu unterstreichen, findet sich ein durchgängiges Kirchenmotiv, und die für Cronenberg typische Gewaltdarstellung im Film bewegt sich stets auf einer cartoonhaften Ebene. Begleitet wird der sehr ruhige Erzählfluss von einer ebenso hintergründigen Musik Howard Shores. Fans des Regisseurs werden sich besonders über die vielen schleimigen, glibberigen Tiermutationen freuen, die für wohligen Ekel sorgen.

Zum Gelingen des Films tragen auch die Darsteller bei, die ausnahmslos gut besetzt sind (in Nebenrollen tummeln sich Willem Dafoe, Ian Holm, Sarah Polley und Christopher Ecclestone) und allesamt schräge Darbietungen zeigen - so müssen einige von ihnen gelegentlich 'pausieren', bevor sie durch eine entsprechende Dialogzeile wieder 'aktiviert' werden, oder sie wiederholen ihre Sätze in einer Zeitschleife, weil die Handlung sonst nicht fortgesetzt werden kann.

Man sollte beim Zuschauen nicht auf eine 'Auflösung' warten, die alles erklärt, denn die interessiert Cronenberg weniger. Stattdessen gibt es im letzten Drittel mehrere überraschende Wendungen, und die finale Pointe wird brillant gesetzt. Sie entlässt den Zuschauer verwirrt aus den bunten Labyrinthen von 'eXistenZ', die bei jedem nochmaligen Sehen mehr Spaß machen. Mir zumindest. Für bizarre Unterhaltung irgendwo zwischen Horror, Science-Fiction, Arthouse, Satire und Thriller oder auch für einen Anfängerkurs in Existentialismus ist EXISTENZ jedenfalls perfekt geeignet - auch wenn er anfangs etwas braucht, um in die Gänge zu kommen. Dranbleiben lohnt sich!

9.5/10

Der "dringende Wunsch, jemanden zu töten" -
Jude Law und Jennifer Jason Leigh spielen 'eXistenZ'.

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