Donnerstag, 18. August 2011

Der vierte Mann (1983)

Bevor Paul Verhoeven vom niederländischen Arthouse-Film zum Hollywood-Blockbuster wechselte, inszenierte er mit seiner Hitchcock-Hommage DER VIERTE MANN (De Vierde Man) einen erotischen Horror-Thriller, der als eine Art Trockenübung für seinen späteren Mega-Hit "Basic Instinct" (1992) gesehen werden kann - nur dass er sehr viel drastischer und düsterer angelegt ist als sein Mainstream-Nachfolger.

Der bisexuelle Schriftsteller und Teilzeitalkoholiker Gérard (Jeroen Krabbé) wird zu einer Lesung ans Meer eingeladen. Auf dem Weg dorthin fasziniert ihn ein attraktiver junger Mann (Thom Hoffman) am Bahnhofskiosk, der ihn aber abblitzen lässt. Auf der Fahrt wird Gérard von unheimlichen Visionen geplagt. Am Zielort angekommen kreuzt ein Trauerzug seinen Weg, der Tod ist überall um ihn herum. - Die schöne Christine (Renée Soutendijk), Kassenwart der Autorenlesung, findet Gefallen an Gérard und lädt ihn in ihr Strandhaus ein. Gérard kann der Blondine nicht widerstehen, nimmt das Angebot an und stellt dort zu seiner Überraschung fest, dass es sich bei dem scharfen Typ vom Bahnhof um Christines Lover Herman handelt, den sie in Kürze erwartet. Die Vorfreude auf sexuelle Gelage wird allerdings erheblich geschmälert, als Gérard herausfindet, dass die drei Ehemänner der verwitweten Christine allesamt bei bizarren Unfällen ums Leben kamen und er womöglich der vierte in der Runde ist. Oder ist Herman der vierte Mann? Schon zappeln beide Männer im Netz der schönen Spinne...

Diese Spinne, die bereits während des Vorspanns über ein Kruzifix krabbelt und ihre Beute verspeist, findet sich als Leitmotiv überall im Film, dessen Symbolismus ohnehin wie wild galoppiert, und der ganz oben auf Freuds Top 10-Filmliste auftauchen würde. Religion, Erotik und Todessehnsucht vermischen sich im VIERTEN MANN zu einem abgründigen Gemälde des Schreckens, mit der alles kontrollierenden Femme Fatale Christine im Zentrum. Ist sie eine schwarze Witwe, die nach der Begattung das Männchen tötet? Eine Hexe, die Männer ins Verderben führt, oder eine unschuldige Frau, die einfach jedem Pech bringt, der sie begehrt?

Paul Verhoeven, der nie einem Tabubruch begegnete, den er nicht mochte, trampelt mit böser Freude über alle Geschmacksgrenzen. In einem seiner Alpträume landet Gérard in einem Schlachthaus voll blutiger Tierkadaver, in einem weiteren schneidet Christine ihm mit einer Friseurschere den Penis ab, dann wieder sieht er in einer Kirche Christines jungen Lover Herman nackt ans Kreuz genagelt. Katholische Schuldgefühle wegen unkontrollierter Sexfantasien? Man weiß es nicht, aber man ahnt, wie Zensoren und Selbstkontrolleure das Handtuch werfen.

Dass Gérard als Bisexueller kein sympathischer, sondern ein ziemlich unausstehlicher Protagonist ist, der zu viel trinkt, flucht und sich wie ein Dirty Old Man aufführt, ist Verhoeven vorgeworfen worden, aber der hat sich noch nie um politische Korrektheiten gekümmert. Subtil ist DER VIERTE MANN ebenso wenig wie sein Hollywood-Einstand "RoboCop" (1987), aber mindestens so subversiv. Gleich zu Beginn sehen wir, wie Gérard seinen - Freund, Sexpartner, Lebensgefährten? - beim Violinenspiel erwürgt - bis sich herausstellt, dass es nur Wunschdenken unseres Hauptdarstellers war. Später masturbiert er, während er Christine und Herman durchs Schlüsselloch beim Sex beobachtet, was Hitchcocks "Psycho" (1960) eine gänzlich neue Note verleiht.

Doch DER VIERTE MANN ist mehr als nur Sensationshurerei, er erzählt tatsächlich eine spannende Geschichte ganz im Stil des Film Noir, nur eben auf eigenwillige Art und Weise. Dass der Film nie deprimiert liegt an dem schwarzen Humor, der sich in absurdesten Momenten findet. Das Ableben der drei Ehemänner etwa wurde live auf Schmalfilmen von Christine festgehalten, die sich Gérard sturzbesoffen ansieht und lange nicht kapiert, was sich da vor seinen Augen abspielt. Die Urnen der Verstorbenen in der Familiengruft bemerkt Gérard nur, weil er sich mit Herman vor dem Regen dort unterstellen und eine schnelle Nummer schieben möchte.

Obwohl DER VIERTE MANN aus der Sicht Gérards erzählt wird, ist Renée Soutendijk als todbringende schwarze Witwe der Star des Films, so wie es später Sharon Stone in "Basic Instinct" war (hier Christine, da Catherine. Zufall?). Christine ist zugleich Täterin und Opfer (quasi eine Mischung der beiden von Joan Bennett dargestellten Figuren aus Fritz Langs "Women in the Window" und "Scarlet Street", 1944/45). Auch wenn sie nicht aktiv am Tod ihrer Gatten beteiligt war, so bringt sie doch ein unausweichliches Schicksal über alle Männer, die mit ihr zu tun haben.

DER VIERTE MANN gehört in vieler Hinsicht zu Verhoevens besten Filmen. Er ist frei von den Beschränkungen, mit denen er in Hollywood zurecht kommen musste (Michael Douglas war zwar vieles in "Basic Instinct", aber ein lüsterner Bisexueller, der Stones männlichen Sexpartnern hinterhersabberte, weißgott nicht!), er ist intelligent, sexy, blutig und komisch. Für jeden Geschmack ist er garantiert nichts. Die deutsche DVD ist übrigens an einer entscheidenden Stelle - ironischerweise in der Kastrations-Szene! - gekürzt.

08/10



Das obskure Objekt der Begierde -
Thom Hoffman in "Der vierte Mann"

Kommentare:

  1. ach ja, Der Vierte Mann - ewig her, dass ich den gesehen habe. Endet es nicht für unseren Protagonisten auch ein wenig unglücklich? Na, verrate lieber nichts, falls ich den Film doch bald mal wieder gucke. Danke fürs Erinnern... lieben Gruß. Karsten

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  2. Besonders Thom Hoffman kriegt eins aufs Auge gegen Ende... aua, sage ich nur! Liebe Grüße zurück!

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