Dienstag, 9. August 2011

Das Verhör (1981)

Regen in der Silvesternacht.
Im Büro von Inspektor Gallien (Lino Ventura) findet ein Verhör statt. Nebenan wird gefeiert. Der Notar Martinaud (Michel Serrault) wird verdächtigt, zwei minderjährige Mädchen vergewaltigt und ermordet zu haben. Der unbeherrschte junge Inspektor Belmont (Guy Marchand) führt Protokoll. Martinaud ist schwer zu durchschauen, arrogant, sarkastisch, aufbrausend. Aber ist er auch ein Mörder? Dann erscheint Madame Martinaud (Romy Schneider), die entfremdete Ehefrau des Verdächtigen, mit einem Beweisstück. Will sie ihren Mann ans Messer liefern? Zumindest scheint sie von seiner Schuld überzeugt. Wir auch.
Der Tag naht, und die Wahrheit auch...

DAS VERHÖR (Garde à vue) von Claude Miller beweist wieder einmal, dass es keinen Aufwand braucht, um einen extrem spannenden, psychologisch ausgefeilten Thriller zu drehen, der mit minimalem Set und praktisch nur vier Schauspielern von Anfang bis Ende hochspannend und intelligent bleibt. Natürlich braucht man Schauspieler vom Kaliber eines Serrault und Ventura, und es steht zu befürchten, dass es diese nicht mehr gibt. Was für eine Wohltat, diesen Künstlern bei der Arbeit zuzusehen. Romy Schneider - in ihrem vorletzten Film - hat praktisch nur eine Dialogszene, aber die ist so wunderbar, dass man auf die Knie fallen und den Fernseher küssen möchte. Sie ist die Femme Fatale in diesem Neo-Noir.

Der Thriller als Kammerspiel ist ein faszinierendes Experiment, das scheinbar auf die reine Whodunit-Formel reduziert wird - War er's, oder war er es nicht? Und selbst, wenn man die Wahrheit ahnt, gibt es am Ende mindestens eine Überraschung. Vorhersehbar ist DAS VERHÖR zu keinem Zeitpunkt. Und er ist mehr als ein brillanter Whodunit. Es geht um Schuld. Martinaud mag Gefallen an sehr jungen Mädchen finden, aber das allein ist noch keine Straftat nach dem Gesetzbuch. Moralisch mag er verkommen sein, vielleicht sogar krank, aber deswegen ist er noch kein Mörder. Nicht nur Lino Venura hat Probleme, zu differenzieren, die hat auch der Zuschauer. Oder spielt Martinaud nur mit unseren Vorurteilen? Hält er uns einen Spiegel vor? Auch er kämpft mit der Schuld. Für ihn ist das Verhör eine Beichte, und Gallien der Beichtvater. Bevor er Fragen zu den toten Mädchen beantwortet, erzählt er von der gefühlskalten Ehefrau und dem langen Flur, der das Ehepaar seit Jahren trennt.

Um Klassenunterschiede geht es auch. Martinaud hat Geld, ist aber ein 'Niemand', wie er selbst sagt. Mit einem Geständnis wäre er jemand. "Vielleicht wird man morgen von Ihnen sprechen", sagt Gallien. Martinauds Frau kommt aus gutem Haus und will vor allem den Status. Der junge Inspektor Belmont hält den überheblichen Notar für den Mörder, auch und vor allem, weil er die Reichen verachtet. Sobald Gallien den Raum verlässt, stürzt er sich auf Martinaud und will die Wahrheit aus ihm rausprügeln. Oder will er ihn nur verprügeln? Ein Schuldgefühl hat er deswegen nicht, und er merkt es nicht einmal.

Woody Allen hat einmal Filme mit Menüs verglichen. In diesem Sinne ist DAS VERHÖR ein komplettes Sechs-Gänge-Menü, ohne jeden Firlefanz, mit Weihnachtsbeleuchtung als Deko. Claude Millers Film gewann viele internationale Preise und war ein Kassenhit. Genau wie ein guter Hitchcock altert er nicht, wird stattdessen immer besser.
Wer das Hollywood-Remake "Under Suspicion" (2000) gesehen hat, das mit Morgan Freeman und Gene Hackman durchaus hervorragende Schauspieler aufbietet, die eigentliche Qualität seiner Geschichte aber unter Explosionen, Geballere, Massenszenen und Feuerwerkskörpern begräbt, der weiß, was er am Original hat.
Viel braucht es nicht, um einen packenden Thriller zu drehen, scheint DAS VERHÖR zu sagen. Vier Schauspieler, ein Set und gute Dialoge. Aber das muss man erstmal hinkriegen. Hier stimmt jeder Satz, jede Geste, jede Reaktion, jedes Bild.
Vielleicht gibt es den perfekten Film nicht, aber DAS VERHÖR kommt ihm sehr, sehr nah.
Was für ein Genuss!

10/10

Kommentare:

  1. Hallo Matze, ach, schön, dass Du diesen Film rezensierst. Was für ein Meisterwerk! Die Akteure muss man alle lieben, sie spielen einfach wunderbar - und im übrigen ohne immer noch mitzuspielen (wie etwa olle Götz George im "Totmacher"): Seht her, ich bin ein Groß-Schauspieler! - Auch die anderen leisten bewundernswerte und zugleich unaufdringliche Arbeit. Allein, dass die Kamera es ohne größere Sperenzchen schafft, dass es in dem Verhör-Büro nie langweilig wird... - ein super Film! :-)

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  2. Lieber Karsten, der gehört wirklich zu den besten französischen Filmen aller Zeiten, ich sehe das auch weniger als Rezension (klingt so streng), sondern als berechtigte Lobhudelei und Würdigung dieses Meisterwerks, das ich schon dutzendfach gesehen habe und immer wieder liebe. Liebe Grüße!

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