Dienstag, 30. August 2011

Das Schmuckstück (2010)

Oder auch: "Ich brauche dringend einen Hit!"

Im Frankreich der späten 70er erleidet der Regenschirmfabrikant Pujol (Fabrice Luchini) einen Herzinfarkt, weswegen seine Gattin Suzanne (Catherine Deneuve) einspringen muss, die bislang nur den Haushalt führte und als "Schmuckstück" fungierte, das man vorzeigen kann, das aber keine eigenen Entscheidungen treffen darf. Mit Herz und Verstand gelingt es der schönen Suzanne, die streikenden Fabrikarbeiter auf ihre Seite zu ziehen, den kommunistischen Bürgermeister (Gérard Depardieu) zu umgarnen, mit dem sie vor langer Zeit eine Affäre hatte, und sie steigt - beflügelt vom Erfolg - in die Politik ein. Doch ihr Mann erholt sich wieder und verlangt seine Position zurück...

Mit seinen letzten Filmen hatte Francois Ozon es nicht leicht beim Publikum. Das einstige Enfant Terrible und Liebling des französischen Kinos konnte weder Zuschauer für sein Ausstattungs-Melodram "Angel" (2007) noch für das Fantasy-Märchen "Ricky" (2009) oder die Schwangerschaftsverklärung "Rückkehr ans Meer" (2009) begeistern. Was lag da näher, als erneut eine Boulevardkomödie aufzugreifen, diese in schrill-bunte Bilder zu kleiden und zwei der größten Stars des französischen Kinos zu besetzen? Das Rezept ging doch mit "8 Frauen" (2002) schon einmal wunderbar auf.
Tatsächlich wurde DAS SCHMUCKSTÜCK (Potiche) in Frankreich ein großer Hit. In anderen Ländern, in denen Deneuve und Depardieu keine Institutionen sind, denen man schon aus Gründen des Nationalstolzes die Stange hält, erhielt die Komödie zwar überwiegend gute Kritiken, lief aber nur mittelprächtig. Wahrscheinlich, weil Ozons Feelgood-Movie doch im Grunde eine ziemlich belanglose Angelegenheit ist.

Betrachtet man DAS SCHMUCKSTÜCK als Geschenk an die große Deneuve, trifft er voll ins Schwarze. Unter Ozons Regie zeigt die große Dame des französischen Kinos mit knappen 70 eine leichtfüßige, warmherzige und quirlige Darstellung, bei der sie die Sympathien vollständig auf ihrer Seite hat. Seit dem Klassiker "Die Regenschirme von Cherbourg" (1964), auf den Ozon mehrfach bewusst anspielt, scheint kaum Zeit vergangen, wenn man Deneuve in ihren ausgefallenen Kostümen durch den Film wandeln, tanzen und sogar singen sieht. Ozon legt ihr den Film zu Füßen, und sie trägt ihn mühelos. Der Erfolg ist ihr zu verdanken, sie hat ihn verdient.

Aber wie gelungen ist der Film jenseits von Deneuve? Formal ist dem SCHMUCKSTÜCK wenig vorzuwerfen. Die schrägen 70er-Dekorationen, Tapeten, Accessoires und Föhnfrisuren sind perfekt überdreht, der Soundtrack macht auf Anhieb gute Laune (es laufen ununterbrochen Kulthits von 'Baccara' bis zu den 'Bee Gees'), und die Darsteller sind allesamt extrem spielfreudig (ganz besonders Jérémie Renier als schwuler Sohn Catherine Deneuves, der durch Mutters Erfolg ebenfalls aufblüht, und der schon in "Criminal Lovers", 1999, unter Ozon agierte). Ozon verleugnet nicht die Wurzeln der Boulevardkomödie, sondern inszenierte diese bewusst, indem er z.B. die Charaktere immer wieder zur Tür hereinkommen lässt und ihnen somit klassische 'Auftritte' verschafft.

Diese hübschen Details können aber nie die Tatsache verhüllen, dass das Boulevardstück mehr als nur ein bisschen angestaubt ist. Die Emanzipationsgeschichte von Catherine Deneuve ist ein poppig-bunter, aber ganz schön alter Hut, und auch die Subplots (wie des Töchterchens Entscheidung, wegen einer Schwangerschaft womöglich die Karriere aufzugeben) bleiben fade. Gerade in der ersten halben Stunde kommt DAS SCHMUCKSTÜCK nur schwer von der Stelle. Die große Tanzszene von Deneuve und Depardieu in der Disco ist ein schöner Einfall, wirkt aber leider mehr verkrampft als locker (Deneuve erzählte hierzu, dass Depardieu nur mit viel Mühe und noch mehr Wein zum Tanzen zu bewegen war).
In der zweiten Hälfte kommt der Film dann mehr in Schwung, statt herzhafter Lacher gibt es aber zumeist nur Anlass zum Schmunzeln und durchaus auch gepflegte Langeweile. Ozon will ausnahmsweise niemandem auf die Füße treten und ist insgesamt zu brav, zu nett, zu bieder. Eine spritzige Komödie ist DAS SCHMUCKSTÜCK nicht geworden, und die einzigen Überraschungen im Film sind die Einsichten, dass Mama Deneuve in ihrer Jugend ein ganz schönes Flittchen war, und dass Inzest in den besten Familien vorkommt. Et Voilà.

Eine Bemerkung am Rande: die deutsche Synchronfassung rühmt sich zwar im Vorspann damit, dass Senta Berger Catherine Deneuve spricht, aber der Film ist im französischen Original zehnmal besser. Frau Berger ist eine hervorragende Schauspielerin, aber weder kann sie Deneuves Tempo noch deren Sprachmelodie adäquat wiedergeben und wirkt zu oft behäbig.

07/10

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