Freitag, 12. August 2011

Das Haus der Schatten (1971)

Wenn eine Inhaltsangabe mit den Worten "In einem abgelegenen Landhaus..." beginnt, überfällt mich grundsätzlich das wohlige Gruseln, das ich im zarten Alter bei Filmen wie "Schloss des Schreckens" (1961) oder "Wiegenlied für eine Leiche" (1964) empfand. Nur wenige Filme können einen ähnlichen Effekt erzielen.
DAS HAUS DER SCHATTEN (The Night Digger) ist streng genommen kein Horrorfilm, aber ein makaberer Psycho-Thriller mit schleichender Spannung und morbider Atmosphäre, den ich jedem Fan der oben genannten Filme ans Herz legen kann.

Also dann: In einem abgelegenen Landhaus lebt die altjüngferliche Maura (Patricia Neal) zusammen mit ihrer blinden Adoptivmutter (Pamela Brown). Maura wird von der alten Frau drangsaliert und herumgeschubst, kann sich aber nicht dazu durchringen, sie zu verlassen. Als der junge Herumtreiber Billy (Nicholas Clay) auf seinem Motorrad Zuflucht in dem Haus sucht, stellt Mauras Mutter ihn spontan als Gärtner ein - auch, weil sie merkt, dass er ihrer Tochter unheimlich ist. Anfangs ist Maura die Anwesenheit des jungen Mannes gar nicht recht, aber bald darauf verliebt sie sich in ihn. Sein grausiges Geheimnis bleibt ihr allerdings (zunächst) verborgen. Nachts, wenn Billy sexuelles Verlangen überfällt, zieht er los und tötet junge Frauen...

Das Drehbuch zu diesem hervorragenden Psycho-Thriller stammt von Roald Dahl, der seinerzeit mit Hauptdarstellerin Patricia Neal verheiratet war, und zeichnet sich durch den Hang zu makaberen Einfällen und schwarzem Humor aus, der sich in den meisten Werken Dahls findet. Patricia Neal zeigt eine erstklassige Darstellung als unterdrücktes Mauerblümchen, das sich vielleicht sogar aus einer Selbstbestrafung heraus um die herrische Mutter kümmert, zumindest trägt ihre Beziehung sadomasochistische Züge. Diese werden dann auf sexueller Ebene fortgesetzt, wenn Nicholas Clay auftaucht, der hier sein Leinwanddebüt gab und darauf oft für hübsche, raue Burschen besetzt wurde, die reife Damen zur Ekstase treiben ("Lady Chatterleys Liebhaber", 1981 und "Das Böse unter der Sonne", 1982). Er spielt den neurotischen Mörder absolut überzeugend, mit mehr als nur einem Hauch von Anthony Perkins' Norman Bates, wenngleich deutlich animalischer.

Die britische Produktion wird von Alastair Reid stimmungsvoll in Szene gesetzt, Tod und Verwesung beherrschen überall die Szenerie. Die Geschichte nimmt im letzten Drittel einige unvorhersehbare Haken, die auf den ersten Blick unglaubwürdig scheinen, bei mehrfachem Sehen aber stimmen sie für die komplexe Psychologie der Hauptfiguren. Inhaltlich ähnelt er dem ebenfalls britischen Thriller "Griff aus dem Dunkel" (Night Must Fall, 1964), in welchem Albert Finney die Rolle des mysteriösen Hausgastes spielte, und der ebenfalls dringend wieder entdeckt werden müsste.

Veredelt wird DAS HAUS DER SCHATTEN von einem großartigen Score Bernard Herrmanns, der in den 70ern sein Talent oft für kleine, abseitige Filme zur Verfügung stellte. Ihm gelingt hier eine von Streichern und Mundharmonika dominierte, ebenso romantische wie beunruhigende Musik, die wirklich unter die Haut geht, ganz besonders in den Mordsequenzen. Diese bestechen übrigens dadurch, dass Regisseur Reid alles der Fantasie des Zuschauers überlässt.

DAS HAUS DER SCHATTEN ist hierzulande nicht auf DVD erhältlich, weil der Film kaum bekannt ist, man kann ihn aber relativ oft im Nachtprogramm der Dritten erwischen. Für mich gehört er zu den besten Psychothrillern der 70er und ist ein persönlicher Liebling.
Abgelegene Landhäuser eben...

09/10

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