Mittwoch, 17. August 2011

Ambulance (1990)

"Der erste große Thriller einer neuen Generation!"

Das zumindest versprach das Kinoplakat. Tatsächlich kam Larry Cohens AMBULANCE (The Ambulance) genau zur Jahrzehntwende in die Kinos, innovativ oder wegweisend war er deswegen aber noch lange nicht. AMBULANCE ist womöglich der publikumsfreundlichste Film Cohens, der für einige unvergesslich schräge B-Filme der 70er und 80er verantwortlich war.

AMBULANCE 'borgt' seine Grundidee von Rainer Erlers "Fleisch" (1979), der auch außerhalb Deutschlands populär war und als "Spare Parts" in den USA aufgeführt wurde. Hier wie dort fährt ein altmodischer Krankenwagen durchs Land und sammelt Menschen ein, zu höchst dubiosen Zwecken. Bei Erler geht es um Organhandel, in AMBULANCE benötigt ein durchgeknallter Arzt freiwilllige Versuchspatienten für bahnbrechende, aber sehr eigenwillige Transplantationen, die bei der Behandlung von Diabetes helfen sollen. So ganz freiwillig will aber niemand mitmachen, also werden Diabetiker gleich von der Straße weg gekidnappt. Dumm, dass ausgerechnet das aktuelle Opfer (Janine Turner) eine hübsche junge Dame ist, die der Comic-Zeichner Josh (Eric Roberts) gerade auf offener Straße anbaggerte, bevor sie einen Zuckerschock bekam und abtransportiert wurde. Nun versucht er, sie zu finden und gerät dabei immer näher an den verbrecherischen Doktor, was zu mehreren Morden, Prügeleien und einer wahnwitzigen Fahrt im Krankenwagen führt...

Wenn man Larry Cohens Klassiker "Die Wiege des Bösen" (1974) oder "God Told Me To" (1976) kennt und schätzt (und wer tut das nicht?), ist man zuallererst überrascht, wie gelackt und aufwändig AMBULANCE daherkommt. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein typischer Hollywood-Actionthriller. Doch dann kommt auch schon Eric Roberts, Julias kleiner (und ungleich talentierterer) Bruder ins Bild, und der entspricht so gar nicht dem Klischee des strahlenden Actionhelden, zumal man ihm den letzten Entzug anmerkt und er ziemlich ausgemergelt wirkt. Roberts wird in Mainstream-Filmen fast ausschließlich als Fiesling besetzt ("The Specialist", 1994), hier darf er überraschend den zwar großmäuligen, aber irgendwie liebenswerten Helden spielen, der allerhand auf die Mütze bekommt und immer wieder aufsteht.

Auf der Suche nach der Frau seiner Träume, die vom Krankenwagen entführt wurde, gerät Roberts an einen alternden 'rasenden Reporter', der von einer letzten großen Story träumt (er scheint direkt einem Film der 30er zu entspringen) und von Hollywood-Veteran Red Buttons ("Poseidon Inferno", 1972) mehr als ein bisschen skurril dargestellt wird (er leidet u.a. an altersbedingten Blähungen). Megan Gallagher spielt die toughe Polizistin, die auf Roberts' Frage, ob sie schon mal jemanden erschossen hätte, antwortet: "Nein, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf." Dazu gesellt sich neben Cohen-Stammschauspielern wie James Dixon und Laurene Landon noch James Earl Jones als ermittelnder Lt. Spencer, der ununterbrochen Kaugummi kaut - bis zum letzten Atemzug.

Es sind die kleinen Unkorrektheiten und kantigen Dialoge, die AMBULANCE dann doch als B-Film auszeichnen, der nur so tut, als sei er ein Blockbuster. Die Handlung bleibt relativ unvorhersehbar, und die von Rainer Erler in "Fleisch" geäußerte Kritik an moderner Medizin, die den Patienten als Ersatzteillager betrachtet, bleibt bei Cohen nur augenzwinkernder Spaß. AMBULANCE nimmt sich, seine Geschichte oder das Genre in keiner Minute sonderlich ernst. Das macht ihn - genau wie seinen Antihelden - letztlich sehr sympathisch und unterhaltsam.

07/10

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