Mittwoch, 6. Juli 2011

Von Augenblick zu Augenblick (1978)

Das starbesetzte Taschentuch-Melodram VON AUGENBLICK ZU AUGENBLICK (Moment By Moment) gehört zu den "All Time Bad Movies", seit die wenigen Zuschauer, die sich in eine Vorstellung verirrten, den Film in Grund und Boden lachten. Heute würde John Travolta den Film wahrscheinlich gern von seiner Filmografie streichen - neben ein paar Dutzend anderer Flops.

VON AUGENBLICK ZU AUGENBLICK erzählt die herzerwärmende Geschichte der reifen, wohlhabenden Trisha (Lily Tomlin), die sich gerade von ihrem fremdgehenden Ehemann getrennt hat und nun einsam in ihrem luxuriösen Strandhaus vor sich hinstarrt und den Hund bürstet, als ihr der junge Herumtreiber Strip (John Travolta - und ja, er heißt wirklich 'Strip') begegnet, der ein Auge auf sie geworfen hat und ihr mit dem unwiderstehlichen Charme eines Serienkillers nachsteigt (tatsächlich belästigt er sie derart aufdringlich, dass man es verstehen würde, wenn sie die Polizei zu Hilfe riefe). Trisha weist den knackigen Strandboy zunächst ab, fühlt sich aber dennoch immer mehr zu ihm hingezogen. Das verwundert, denn sein Liebeswerben besteht hauptsächlich darin, dass er ihr ein Ohr nach dem anderen abkaut und sie mit langweiligen Geschichten zudröhnt - was wiederum Lily Tomlins gelangweilten Gesichtsausdruck erklärt. Bald schon kommt es zu heftigen Fummeleien im dampfenden Whirlpool, aber - oje - darf sich denn eine ältere Frau mit einem jungen Lover einlassen? Und hat diese Liebe überhaupt eine Chance in dieser grausamen, ungerechten Welt? Ja, da bleibt kein Auge (und keine Hose) trocken...

Es hätte so schön werden können, dachten sich zumindest die Produzenten und Regisseurin/Autorin Jane Wagner. Eine leidenschaftliche Romanze zweier ungleicher Menschen, gespielt von zwei Top-Stars an herrlichen Strand-Locations, mit "Wind im Haar und Stahl in der Hose", wie es in "Zeit der Zärtlichkeit" (1983) von Jack Nicholson so passend in die Brandung schallt. Leider aber zieht sich VON AUGENBLICK ZU AUGENBLICK wie Kaugummi, und bevor es endlich zum heißen Whirlpool-Sex zwischen Tomlin und Travolta kommt, ist auch der hartnäckigste Filmfreund sanft entschlummert.
Es hilft auch nicht, dass beide Darsteller eine so ähnliche Physiognomie besitzen, dass man sie für Zwillinge halten könnte. Um dies zu toppen, tragen beide auch noch exakt die gleiche Frisur, so dass sich bei den Liebesszenen ein irgendwie ungutes Inzest-Gefühl einstellt. Ein weiterer ungeschickter Missgriff ist Travoltas Filmname 'Strip', der (zumindest in der englischen Sprachfassung) oft für unfreiwillige Komik sorgt, wenn er in rührseligen Momenten gehaucht wird und jedesmal wie eine Aufforderung an Travolta wirkt, sich nackig zu machen.

Das tut Travolta übrigens öfter als das Auge verkraftet, wobei sich die Kamera stets krampfhaft bemüht, nichts Unanständiges zu zeigen und entweder direkt über seinem Bauchnabel oder unter seinen Knien klebt, um die gefährlichen Passagen auszublenden. Ansonsten spielt Travolta mit zwei Gesichtsausdrücken, während Tomlin mit nur einem über die Runden kommt. Ihr gewählter Look für den Film heißt "Morgenübelkeit", sie ist aber nicht schwanger, sondern nur durchweg mies gelaunt, was das hartnäckige Werben von Travolta umso unglaubwürdiger macht. Vielleicht hatte Tomlin auch nur keine Lust auf den Film. Passieren tut so gut wie gar nichts, es wird nur unentwegt geredet, Wein getrunken, am Strand gesessen und über Gefühle gesprochen. Ein echter Männerfilm eben.

Wenn das konservativ-verkrampfte Hollywood Liebesgeschichten zwischen reifen Frauen und jungen Männern erzählt, geht das oft in die Hose (für gute Filme zum Thema sollte man sich in Frankreich umsehen). Teile von VON AUGENBLICK ZU AUGENBLICK finden sich in dem grauenvollen Tom Cruise-Vehikel "Cocktail" (1988) wieder, und der unterhaltsame, aber ebenso unbedeutende "Er ist zu jung für dich" (2008) kann durchaus als Remake bezeichnet werden. Natürlich spiegeln sie alle eine alberne gesellschaftliche Doppelmoral, in der akzeptiert wird, dass reiche alte Säcke sich junge Häschen zu Dutzenden halten können, reifen Frauen aber kaum dasselbe zugestanden wird. Keiner von ihnen geht aber in wirklich intelligenter Art und Weise mit dieser Doppelmoral um und zeigt eine solche Liebe einfach mal als selbstverständlich, sondern es wird weiter problematisiert und für den Zuschauer der Eindruck verstärkt, es gehöre sich tatsächlich nicht für eine Frau, sich einen jüngeren Liebhaber zuzulegen oder - oh Schreck! - sich gar zu verlieben.

VON AUGENBLICK ZU AUGENBLICK war ein finanzieller Reinfall sondergleichen. Die Karriere von Travolta, der sich kurz zuvor noch als Sex-Symbol und Superstar bezeichnen durfte, schmierte nach weiteren Flops (darunter leider auch Brian de Palmas "Blow Out", 1981) gewaltig ab, und er wäre wahrscheinlich für immer in der Versenkung verschwunden, hätte Quentin Tarantino ihn nicht für seinen "Pulp Fiction" (1994) wieder entdeckt. Die wunderbare Lily Tomlin kam relativ unbeschadet aus dem Fiasko und landete mit "Warum eigentlich bringen wir den Chef nicht um?" (1980) an der Seite von Jane Fonda und Dolly Parton einen Hit, den sie mit "Solo für Zwei" (1984) noch toppen konnte. Regisseurin und Autorin Jane Wagner ist übrigens Tomlins Lebenspartnerin seit den späten 60ern und mitverantwortlich für Tomlins frühe und aktuelle Riesenerfolge als Standup-Comedienne.

VON AUGENBLICK ZU AUGENBLICK kann ich nur Trash-Liebhabern empfehlen, die sich einen lustigen Filmabend machen wollen, oder Hardcore-Fans von John Travolta - falls es die noch gibt.

02/10

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