Sonntag, 24. Juli 2011

Rattennest (1955)

Robert Aldrichs RATTENNEST (Kiss Me Deadly) gehört neben Orson Welles' "Im Zeichen des Bösen" (1958) zu den innovativsten, schwärzesten und wegweisendsten Beiträgen des späten Film Noir. Er ist längst Kultfilm und Klassiker des Kriminalfilms, auch wenn es einige Zeit brauchte, bis Cineasten seine wahren Werte zu schätzen wussten. Heute ist er aus der Filmgeschichte nicht mehr wegzudenken.

Nach dem gleichnamigen Roman von Mickey Spillane (deutscher Titel: "Rhapsodie in Blei") begleiten wir in Aldrichs loser Adaption Privatdetektiv Mike Hammer (Ralph Meeker), der nachts eine barfüßige junge Frau (Cloris Leachman) an der Landstraße aufgabelt. Sie ist angeblich aus einer Irrenanstalt geflohen, wo man sie gefangen hielt. Kurz darauf steckt Hammer schon bis zum Hals in Schwierigkeiten. Die mysteriöse Unbekannte wurde zu Tode gefoltert, Hammer entgeht knapp einem Mordanschlag, wird danach von einem Messerstecher überfallen und entdeckt eine Bombe an seinem Wagen. So ziemlich jeder, den er auf seinem Weg zur Lösung des Rätsels befragt, stirbt auf scheußliche Weise. Dazwischen wird er immer wieder von Handlangern der Bösen belästigt, denen er die eine oder andere Abreibung verpasst. Sehr spät erst entdeckt Mike Hammer, worum es wirklich geht - um einen Koffer mit geheimnisvollem, leuchtendem Inhalt...

Schon wenn zu Beginn der Vorspann in verkehrter Reihenfolge (von unten nach oben) abläuft, weiß man, dass hier etwas Neues stattfindet, was mit dem plüschigen Charme des 50er-Kinos nicht viel zu tun hat. Aldrich erzählt seine schmutzige Geschichte ohne jeden Anflug von Glamour und ohne Stars, dafür mit beißendem Sarkasmus, in rohen Schwarzweißbildern, mit ungewöhnlichen Kameraperspektiven und einer vielschichtigen Raumaufteilung. Die Sets sind trist und hässlich, die Bauten schlicht, und diese Adjektive treffen auch auf Ralph Meekers Mike Hammer zu, der gern brutal zuschlägt, säuft, raucht, und dem die Frauen stets zu Füßen liegen - zumindest die, die etwas von ihm wollen, sei es Hilfe, Schutz oder die schnelle Nummer zwischendurch.
Ralph Meeker spielt seinen Part mit gleichzeitig anziehender wie abstoßender Überzeugungskraft. Schön ist er nicht, aber er hat ein Charisma, dem man sich schwer entziehen kann, und ein Cary Grant wäre nie dabei ertappt worden, wie er stinkbesoffen mit dem Kopf auf dem Bartresen liegt. Bei Aldrich gehört das dazu. Seine Figuren sind schmierig, unansehnlich, billig zu haben und schlecht erzogen, seine anonyme Großstadt ohne Sehenswürdigkeiten ist in der Tat ein Rattennest (wer ist nur auf diesen wirklich guten deutschen Titel gekommen?). Die Lösung des Rätsels interessiert gar nicht so sehr wie die verschiedenen Stationen, die Hammer zwecks Aufklärung aufsucht.

Aufgrund seiner Erzählung und der zynischen Weltsicht wurde RATTENNEST häufig zensiert, die deutsche DVD ist z.B. immer noch ab 18 Jahren freigegeben. Robert Aldrich hat es dem Publikum selten leicht gemacht. Das Drehbuch zum RATTENNEST schrieb A.I.Bezzerides, der lange auf der Schwarzen Liste Senator McCarthys stand. Er und Aldrich etablieren den Koffer mit dem leuchtenden Inhalt, hinter dem alle her sind, als eindeutigen MacGuffin, aber sie zeichnen mit ihm auch ein Bild der Atomangst während des Kalten Krieges. Das apokalyptische Finale setzt dem Ganzen dann die Krone auf.
Die vollständige Fassung vom RATTENNEST wurde übrigens erst Ende der 90er veröffentlicht, seinerzeit endete der Film mit dem explodierenden Strandhaus und dem (verdienten?) Tod seines Antihelden und dessen Sekretärin. Ihr jetziges Entkommen aber mindert die Wucht des Finales nicht. Von mir aus kann die ganze Welt zum Teufel gehen, scheint der Film zu sagen. Ein ultra-moderner Film Noir, der seiner Zeit um Jahre voraus ist. kein Wunder, dass die deutsche Synchronisation sich rührend hilflos zeigt. So sehr sich die Sprecher auch bemühen, rotzig und cool zu wirken, sie gehören noch in eine andere, biedere Zeit. So als würde plötzlich Doris Day im RATTENNEST um die Ecke kommen. Tut sie aber nicht.

Der Einfluss von RATTENNEST ist bekannt und zeigt sich immer wieder aufs Neue. Quentin Tarantino verewigte seine Liebe zum Film im leuchtenden Koffer von "Pulp Fiction" (1994), und tatsächlich könnte man Aldrich als Tarantino der 50er bezeichnen. Seine Spezialität waren Kriegsfilme und Western, seine Filme waren immer auch Abrechnungen. Mit Hollywood rechnete er brillant in "Was geschah wirklich mit Baby Jane" (1961) ab. Als Regisseur hat er heute noch nicht den Status, der ihm eigentlich gebührt.
RATTENNEST gehört zu seinen besten Filmen.

10/10


Der Koffer und sein mysteriöser Inhalt - Kiss Me Deadly

1 Kommentar:

  1. Da hast du leider nicht ganz unrecht, Robert Aldrich war ein Könner auf seinem Gebiet. Genauso wie H. Hathaway war er meiner Meinung nach mehr als nur ein Routinier und hätte weitaus mehr Anerkennung verdient als man ihm zukommen lies. Aldrich drehte z. Bsp. vor "Kiss Me Deadly" einen meiner ewigen Lieblingswestern (Vera Cruz). Zu "Kiss Me Deadly" brauch ich nicht viel zu schreiben, alles Relevante hast Du ja schon im Review geschrieben. Schlicht ein Meisterwerk, Meeker als Hammer passt wie die Faust aufs Auge und mit Sicherheit neben "Touch of Evil" und "Night of the Hunter" ein essentieller Vertreter des späten 50er Noir.

    LG Micha

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