Freitag, 15. Juli 2011

Hellraiser - Das Tor zur Hölle (1987)

"What's Your Pleasure, Sir?"

Diese Frage stellt der arabische Verkäufer einer magischen Puzzlebox dem jungen Herumtreiber Frank (Sean Chapman). Dessen geheime Gelüste beschränken sich nicht nur auf feuchten Sex mit der Geliebten seines Bruders Larry (Andrew Robinson), sondern auch auf Erfahrungen jenseits der Schmerzgrenze.
Bald schon öffnen sich die Tore der Hölle, und er macht die Bekanntschaft mit bizarren Kreaturen, den so genannten 'Zenobiten', die ihn sogleich in Stücke reißen und in die ewige Verdammnis schicken. Doch Frank bekommt eine Chance zur Rückkehr in die Welt der Lebenden, als Larry mit seiner Frau Julia (Clare Higgins) das alte Haus bezieht, in dem Frank die letzten Stunden verbracht hat. Julia erinnert sich nur zu gut an die heißen Spielchen mit Frank, und als Larry ein paar Tropfen Blut verliert, erwacht Frank zu neuem Leben. Um sich aber vollständig zu regenerieren, braucht er mehr des köstlichen Lebenssaftes, und das muss Julia ihm besorgen. Die 'Zenobiten' aber haben noch eine Rechnung offen, denn so schnell entkommt niemand ihrer Hölle...

Der britische Kultautor Clive Barker gab mit HELLRAISER (Hellraiser) sein Debüt als Spielfilmregisseur, wahrscheinlich, weil er nicht noch einen misslungenen Versuch einer Adaption seiner Drehbücher mit ansehen wollte (wie "Underworld", 1985 oder "Rawhead Rex", 1986). Und so findet sich hier alles, was auch seine literarischen Werke ausmacht: Sex, Gewalt, fremde Wesen aus anderen Welten und Fetische aller Art. Stephen Kings Ausspruch "Ich habe die Zukunft des Horrors gesehen!" wurde flugs auf dem Plakat zitiert und ist seitdem untrennbar mit Barkers HELLRAISER verbunden.

HELLRAISER verbindet die grotesken Fantasien Barkers mit bekannten Motiven des Horrors - das alte Haus, Sünden der Vergangenheit und das zum Leben erweckte Monster sind Zutaten unzähliger Horror-Stoffe, aber die 'Zenobiten' und anderen Kreaturen der Nacht (inklusive eines Obdachlosen, der gern Insekten verspeist und sich in ein geflügeltes Fabelwesen verwandelt, das die Puzzlebox entführt) hat man so noch nicht zuvor auf der Leinwand gesehen. Barker spielt darüber hinaus mit Elementen des Frankenstein-Mythos' und verweist auf die 'Dracula'-Filme der Hammer-Studios, ebenso wie auf die Legende der Elizabeth Bathory. Literaten und Cineasten wird hier also einiges geboten.

Zu den Highlights von HELLRAISER gehören neben Christopher Youngs fantastischer Musik, die einem kleinen Film zu epischer Größe verhilft, natürlich die 'Zenobiten', die - angeführt von Doug Bradley als Ober-Folterknecht 'Pinhead' - in ihren Lack- und Leder-Outfits deutlich sadomasochistischen Fantasien entspringen (nicht umsonst wollte Barker seinen Film zunächst "Sadomasochists from Beyond the Grave" nennen), sowie Clare Higgins in einer ironisch/subversiven Darstellung der Femme Fatale Julia, die unschuldige Männer in ihr Haus lockt, wo sie mit dem Hammer auf sie einschlägt, damit ihr toter Lover Frank deren Blut trinken und sich vollständig regenerieren kann - und das alles nur, weil sie nie den multiplen Orgasmus vergessen konnte, den sie mit ihm hatte. "What's Your Pleasure?", in der Tat. Auch Andrew Robinson agiert gewohnt souverän in einer Rolle, in der er zunächst das naive Opfer geben muss, um nach Franks Wiederauferstehung (in Larrys Körper) gewohnt psychopathisch zu agieren.

Leider wird das fröhliche Spiel der Nebendarsteller immer wieder von Hauptdarstellerin Ashley Laurence unterbrochen, die in ihrer langweiligen Protagonistinnen-Rolle das Rätsel lösen und die ganze S/M-Sippschaft nebst verhasster Stiefmutter zur Hölle schicken darf, aber eigentlich wünscht man sich, sie selbst würde dorthin fahren. Laurence hat es aber auch nicht leicht. Sie ist das typische "Good Girl" mit Vaterkomplex, das selbst keine nennenswerte Charaktereigenschaft besitzt, während alle um sie herum vollkommen Over the Top agieren, welche Chancen hat sie da?

HELLRAISER erfindet das Genre zwar nicht neu (und war gewiss nicht die 'Zukunft des Horrors', wie die immer schwächer werdenden Sequels zeigen), ist aber ein eigenständiger, beeindruckender und sehr atmosphärischer Schocker. HELLRAISER ist nicht für jeden Geschmack - ich erinnere mich, wie wütende Kunden den Film in die Videothek zurückbrachten, in der ich seinerzeit arbeitete, und mich fragten, was zur Hölle der Quatsch mit diesen Zentauren oder Hugenotten sollte (gemeint waren selbstverständlich die Zenobiten) - aber im Vergleich mit stumpfsinnigen US-Slashern oder albernen Horror-Komödien, die damals gerade "in" waren, steckt er doch voller origineller Ideen und muss klar zu den Höhepunkten des britischen Horrorfilms gezählt werden, zumal er in einer Zeit entstand, als das Genre in Großbritannien praktisch nicht mehr existent war.

Trotz der Vielzahl an Absurditäten und einem nicht geringen Splattergehalt gelingt Barker eine wirklich fiese kleine Szene, in der sich Robinson beim Umzug ins alte Haus die Hand an einem rostigen Nagel aufreißt - das ist ein Schmerz, den jeder nachempfinden kann.

Jesus Wept!

9.5/10

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