Freitag, 29. Juli 2011

Die Fliege II (1989)

Chris Walas, der für seine scheußlich-schönen Maskentricks in David Cronenbergs "Die Fliege" (1985) einen Oscar erhalten hatte, durfte für die Fortsetzung auf dem Regiestuhl Platz nehmen und bewies, dass es für einen gelungenen Horrorfilm doch mehr braucht als Talent bei der Herstellung von Monster-Makeup. DIE FLIEGE II (The Fly II) ist zwar kein ganz schlechter Film, aber wirklich gut ist er auch nicht.

"Die Fliege" endete mit dem Tod des von Jeff Goldblum gespielten Wissenschaftlers Seth Brundle und der unbeantworteten Frage nach seinem ungeborenen Kind im Körper von Freundin Veronica (Geena Davis). Was liegt also näher, als die Geschichte des Heranwachsenden zu erzählen, dachte man sich. Wie der Vater, so der Sohn, lautete auch die entsprechende Werbezeile zum Film und versuchte damit gar nicht erst zu kaschieren, dass das Sequel im Grunde die gleiche Story noch einmal erzählt. Mann wird zu Monster, Romanze endet im Chaos.
Die verschiedenen Stadien der Körpermutationen muss nun Brundles Sohn Martin durchleiden, der die Mensch/Fliege Gen-Mixtur von Papa geerbt hat. Damit DIE FLIEGE II aber kein Kinderfilm wird, wurde flugs das "Brundle-Schnellwachssyndrom" erfunden, mit dem die Kindheitsstufen des Fliegensprosses einfach übersprungen werden können und der 5jährige Martin schon wie der ausgewachsene Eric Stoltz aussehen kann. Dieser soll für Konzernchef Bartok (Lee Richardson) die Teleportationsversuche seines Vaters fortsetzen und zum Erfolg bringen, was dem genialen Sohnemann nach einigen Anlaufschwierigkeiten gelingt. Dazu verliebt er sich noch in die Mitarbeiterin Beth (Daphne Zuniga). Doch Karriere, Liebe und Vertrauen gehen allesamt den Bach runter, als die väterlichen Gene sich durchsetzen und Martin beginnt, sich zu verwandeln - in ein Monster, das schreckliche Rache an seinen Feinden nimmt...

Man merkt schon, die Dramaturgie holpert gewaltig. Die Erzählung muss stellenweise Jahre überspringen, in denen sich außer Martin aber nichts verändert, damit der Zuschauer endlich die Monsterwerdung miterleben kann. Dabei finden sich oberflächlich betrachtet alle Elemente des erfolgreichen ersten Teils am richtigen Platz. Es gibt die zarte Liebesgeschichte, die Teleportationsversuche in den schicken Telefonzellen, die spektakuläre Verwandlung, etc. Dazu kann der Film mit exzellenten Production Values aufwarten. Christopher Youngs brachiale Musik, Kamera, Sets und Schauspieler bewegen sich alle auf höchstem Niveau. Was aber fehlt sind Spannung und Tiefgang.

Wenn man sich Cronenbergs Original vergegenwärtigt, fällt auf, dass es z.B. kein simples Gut/Böse-Schema gibt. Die tragischen Konflikte entstehen aus menschlichen Schwächen und Irrtümern, während es in der Fortsetzung geradezu von Verrätern, Betrügern, falschen Vaterfiguren und gemeingefährlichen Security-Leuten nur so wimmelt, an denen sich Martin als Monster abarbeiten kann. Monsterfilme funktionieren im allgemeinen am besten, wenn Unschuldige durch die Kreatur in Gefahr geraten. Hier aber geht Martin Brundle als Horror-Kreatur lediglich auf einen Rachefeldzug, bei dem die negativen Figuren ihr Fett wegkriegen. Es gibt also keinen Grund, um irgendjemanden Angst zu haben oder mitzufiebern. Diese Rechnung geht einfach nicht auf. Man fragt sich, ob keiner der vier (!) Autoren Zweifel an dieser Dramaturgie hatte. Es hilft wenig, dass sämtliche Nebenfiguren Abziehbilder sind. Der Konzernchef ist von Natur aus böse und herzlos, die Wachleute sind Schweine, und die angestellten Ärzte, die sich um Martin kümmern, humorlose Marionetten.

Bei Cronenberg waren Jeff Goldblums Mutationen darüber hinaus nicht nur die Folge des fehlgeschlagenen Experiments, sondern dienten als Metapher für körperlichen Verfall, Krankheit und den nahenden Tod. Der Verlust von Körperfunktionen und Menschlichkeit, insbesondere das Wissen darum erreichten philosophische Qualitäten, von denen DIE FLIEGE II höchstens träumen kann. Die Effekte in der Fortsetzung sind zweifellos hervorragend, aber sie haben keinerlei doppelte Bedeutungsebene.
War der erste Teil noch eine tragische Liebesgeschichte, muss die fehlende Emotionalität hier ersetzt werden durch einen unangenehmen Subplot, in dem der kindliche Martin(Harley Cross mit einer sehr guten Kinderdarstellung) sich mit einem Golden Retriever anfreundet, der durch ein weiteres missglücktes Experiment zur bemitleidenswerten Bestie mutiert und vom ausgewachsenen Martin eingeschläfert wird. Diese Szenen sind (besonders für Hundefreunde wie mich) schwer zu verdauen und hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack, ganz besonders, wenn der böse Konzernchef Richardson am Ende durch 'ausgleichende Gerechtigkeit' ein ähnliches Schicksal durchmachen muss wie das Tier - man fragt sich allerdings, ob er es wegen der Installation einiger versteckter Kameras und unsympathischer Methoden verdient hat, als Tierversuch zu enden.

Jeff Goldblum, der am Ende des Vorgängers als Matschklumpen auf dem Boden seines Labors starb, ist im Sequel noch einmal auf Videobändern zu bewundern. Geena Davis hatte klugerweise keine Lust, noch einmal mitzuspielen und wird gleich in der ersten Sequenz gedoubelt und fachgerecht 'entsorgt'. Goldblums damaliger Rivale John Getz hat einen Gastauftritt (mit angeklebtem Bart), auf den man auch hätte verzichten können, weil er inhaltlich zu nichts führt. Ein stets schlafender Wachmann im Konzern liest das Buch "The Shape of Rage", das Oliver Reed als Dr. Hal Raglan in Cronenbergs "Die Brut" (1979) verfasst hat (ebenso der Titel eines Filmbuchs über Cronenberg). Mehr Cronenberg steckt leider nicht drin in diesem teuren, unterhaltsamen, aber auch seelenlosen und uninspirierten Film, den man schnell wieder vergessen hat.

Nie vergessen werde ich allerdings meine Schulfreundin Christiane M., die ich weiland mit ins Kino schleppte, um DIE FLIEGE II zu sehen, obwohl sie - sagen wir mal, nicht viel Erfahrung mit Horrorfilmen hatte und nach zwei Minuten kurz davor war, sich zu übergeben. Genau das geschah dann zwar erst auf dem Nachhauseweg, aber ich glaube, DIE FLIEGE II war dann auch der letzte Horrorfilm, den sie sich ansah. Man muss schon dafür gemacht sein.

06/10 (5 + ein Sonderpunkt für die immer entzückende Daphne Zuniga)

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