Sonntag, 3. Juli 2011

Der Fänger (1965)

DER FÄNGER (The Collector) war der letzte Film des Regie-Veteranen William Wyler, der - so heißt es - dafür die Regie von "The Sound of Music" (1965) ablehnte, was künstlerisch mit Sicherheit die richtige Entscheidung war. Statt des aufgeblasenen Schmalz-Musicals mit einer fröhlich durch die Berge wirbelnden Julie Andrews haben wir nun ein nachtschwarzes Psycho-Kammerspiel. Leider ist DER FÄNGER nie über einen Geheimtipp-Status hinausgekommen. Umso erfreulicher ist das Wiedersehen mit diesem vorzüglichen Thriller.

Der Inhalt in aller Kürze: Der psychisch labile Bankangestellte und Schmetterlingssammler Freddie (Terence Stamp) kauft nach einem Lottogewinn ein altes, abgelegenes Haus, für dessen Keller er sich besonders interessiert. Hierhin verschleppt er kurz darauf die Kunststudentin Miranda (Samantha Eggar) und kerkert sie ein, damit sie sich in ihn verliebt...

DER FÄNGER basiert auf dem gleichnamigen Roman von John Fowles und schildert eine Situation, die in der Filmgeschichte häufig bespielt wurde, am spektakulärsten wohl in Rob Reiners "Misery" (1991), aber auch in Filmen wie "Das düstere Haus" (interessanterweise auch 1965) oder in B-Trash wie "The Keeper" (2003). Eine der schönsten Varianten stellt Pedro Almodovars "Fessle mich" (1990) dar. Die Grundkonstellation bietet für Schauspieler ideale Entfaltungsmöglichkeiten und steckt voller Suspense.
William Wyler gelingt aber in DER FÄNGER noch mehr. Sein Psycho-Duell wird auch zu einem Kampf der Klassenunterschiede. Miranda ist die gebildete, kunstinteressierte Tochter aus gutem Hause. Sie spielt "in einer anderen Liga" als Freddie, der ihr zwar mit dem überraschend erworbenen Geld Kunstbücher und Romane kauft, mit denen sie sich die Zeit im Keller vertreiben soll, aber als er mit ihr ernsthaft über Kunst und Literatur diskutieren will, schlägt seine Unwissenheit (bzw. das Wissen um die eigene Unzulänglichkeit) in Aggression um. So beschimpft er den "Fänger im Roggen", weil sein Horizont für eine solche Lektüre nicht ausreicht. Mirandas Verteidigung des Buches wird von ihm als Arroganz missinterpretiert, und die "zarte" (kranke) Liebe, die er für sie empfindet, weicht einer Verachtung der Unterschicht gegenüber der moralisch und intellektuell gehobenen Klasse.

Kurzer Einschub: Diese Haltung findet man übrigens im Internet bei vielen Diskussionen wieder, etwa wenn sich bei DVD-Rezensionen über eine mangelhafte Synchronfassung beschwert wird, was sofort Menschen auf den Plan ruft, die einer solchen Kritik mit wütenden Überheblichkeits-Unterstellungen begegnen. Das Halbwissen ist der gerade noch akzeptierte Standard, während differenzierte Meinungen schnell als Wichtigtuerei verschrien werden. Aber ich schweife ab.

In den Hauptrollen von DER FÄNGER begeistern ein intensiver Terence Stamp, der nie eine bessere Darstellung gezeigt hat. Er ist ein beängstigender und gleichzeitig bemitleidenswerter Psychopath, dessen Traurigkeit und Einsamkeit jederzeit sicht- und fühlbar sind. Auch ahnt man die Wurzeln seiner gestörten Sicht der Dinge. Ebenso wie die Schmetterlinge, die er aufspießt, um deren Schönheit festzuhalten, kann er Miranda nur mit Gewalt besitzen. Zur Liebe zwingen kann er sie hingegen nicht. Samantha Eggar entgeht dabei geschickt der Gefahr, die reine Opferrolle einzunehmen, sie ist eine ebenso verletzliche wie starke und störrische Gegenspielerin für Stamps Wahnsinn.
Neben der psychologischen Spannung, die aus dem Aufeinandertreffen der grundverschiedenen Persönlichkeiten entsteht, bedient sich Wyler natürlich auch der physischen Spannung. So bieten sich mehrere Fluchtmöglichkeiten für Miranda, in denen der Zuschauer mitfiebert, gleichwohl aber weiß, dass der Film sie an Ort und Stelle halten muss, um das böse Spiel fortzusetzen.

Vielleicht war es der düstere und hoffnungslose Ton des Films, der das Publikum davon abhielt, mit ihm warm zu werden. (Achtung, SPOILER!) Möglicherweise war auch das bedrückende Ende ausschlaggebend für den Misserfolg. Die bittere Note, mit der Wyler das Publikum nach Hause schickt, sorgt nicht gerade für einen fröhlichen Filmabend. Auch ich habe mit dem Finale so meine Probleme, weil es zwar konsequent, aber auch unfair und für meinen Geschmack nicht angemessen ist, aber das soll jeder für sich entscheiden.

Es ändert nichts an der Tatsache, dass DER FÄNGER ein hervorragend gespielter, nuancierter und beklemmender Thriller ist, der ein größeres Publikum verdient hätte. Er ist vor kurzem endlich hierzulande auf DVD erschienen.

09/10

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