Samstag, 23. Juli 2011

Das Versteck (1969)

Der Spanier Narciso Ibáñez Serrador inszenierte 1969 diesen hierzulande fast unbekannten kleinen Horrorfilm, der gekonnt Elemente des Gothic Horrors, des Giallos und des Exploitation-Kinos verbindet. DAS VERSTECK (La Residencia/The House that Screamed) gilt unter Kennern als Perle des europäischen Genrefilms und wartet schon lange auf eine Wiederentdeckung und eine adäquate Veröffentlichung.

Die große Lilli Palmer spielt in DAS VERSTECK die Internatsleiterin Madame Forneau, die mit strenger Hand ein abgelegenes Mädchenheim in Frankreich führt, welches einem Spukhaus gleicht. Die 18jährige Theresa (Christine Galbó, später bekannt aus Genre-Kultfilmen wie dem Wallace-Giallo "Das Geheimnis der grünen Stecknadel", 1972) ist der neue Schützling und fühlt sich gleich bei ihrer Ankunft unwohl, und das nicht nur, weil ihr ein Käfer übers Essen krabbelt, sondern weil sie sich ständig beobachtet fühlt. Kein Wunder, denn Madame Forneau zwingt ihre Schülerinnen zu eiserner Disziplin und schreckt selbst vor Gewaltanwendung nicht zurück. Und dazu schleicht noch ein unheimlicher Killer durchs Anwesen, der die Mädchengruppe dezimiert...

Da steckt viel drin in dieser spanischen Überraschungstüte. Zuallererst darf man konstatieren, dass Atmosphäre, Musik, Sets und die Kameraarbeit von höchster Güteklasse sind. Hier darf angemerkt werden, dass man den Film unbedingt im Cinemascope-Format sehen und nicht auf die schlimme deutsche VHS-Veröffentlichung zurückgreifen sollte.
Regisseur Serrador lässt den Zuschauer mühelos in eine vergangene Epoche eintauchen. Die titelgebende Residenz ist ein Labyrinth aus endlosen Korridoren, plüschigen Salons, knarrenden Türen und dunklen Geheimnissen. Worum es ihm geht, ist aber weniger der Thriller als eine kaum verhüllte Faschismus-Kritik. Sein Film entstand unter der Franco-Diktatur und spielt nicht umsonst Ende des 19. Jahrhunderts. Die bigotte Madame Forneau predigt Gottesfürchtigkeit und nötigt ihre Schützlinge zu nächtlichen Gebeten, während im Hinterzimmer die ungehorsamen Schülerinnen ausgepeitscht werden (die Parallelmontage macht dies überdeutlich). Ihrem pubertierenden Sohn (der hübsche John Moulder-Brown) verbietet sie jeden Umgang mit den Mädchen, weil diese "verdorben" und "unrein" sind, sie selbst ist das einzige Ideal, nach dem sich der Sohnemann richten soll. Der Schatten von "Psycho" (1960) ist allgegenwärtig. Die dargestellte sexuelle Repression erinnert an Peter Weirs später entstandenen "Picknick am Valentinstag" (1975) und führt direkt ins Verderben.

Die Auflösung des Whodunits ist dann auch an makaberem Sarkasmus nicht zu überbieten und wird auch hartgesottene Zuschauer überraschen, selbst wenn man ahnt, wer da metzelnd durch die Gänge huscht. Die Mordsequenzen sind kurz, aber deftig. Bis es dazu kommt, lässt sich Serrador viel Zeit, seine Charaktere zu etablieren und den täglichen Ablauf im Internat zu schildern. Dabei bleibt er stets erstaunlich geschmackvoll. In einer ausgiebigen Duschszene der Mädchen verzichtet er z.B. auf jede Nacktheit, und die Peitschenhiebe seiner Internatsleiterin und deren Schergen sind weniger schundig als bedeutsam für die Aussage, die Ablehnung jedes autoritären Machtmissbrauchs.

DAS VERSTECK ist trotz einiger weniger Längen ein glänzend ausgestatteter, düsterer Genrebeitrag, der viele der Themen vorwegnimmt, die zum festen Bestandteil des 70er-Kinos zählen. Er ist mit Lilli Palmer grandios besetzt und kann heute noch überzeugen. Er steht in der Tradition so großer Werke wie "Schloss des Schreckens" (1961), und moderne Beiträge des spanischen Kinos wie "Das Waisenhaus" (2007) verweisen auf ihn. Umso bedauerlicher, dass sich kein DVD-Anbieter findet, der dieses Kleinod endlich einer breiteren Öffentlichkeit vorstellt, während jeder Mainstream-Schrott neuen Datums zuhauf auf den Wühltischen landet. Sehr traurig.

08/10

Kommentare:

  1. klingt klasse. danke für den Tipp. würde ich gern mal sehen. - weil Du auf viele Traditionen verweist: der Film scheint mir auch eine Horror-Variante von Federico García Lorcas "Bernarda Albas Haus" zu sein. Aber dazu müsste ich ihn natürlich erst mal angucken... ;-)

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  2. Lieber Karsten, das Lorca-Stück kenne ich wiederum nicht, vielleicht sollten wir mal tauschen. :-)
    Zu den Fassungen: Ich habe "Das Versteck" auf einer australischen DVD gesichtet, in englischer Sprache und Widescreen. Es gibt auch eine US-DVD, auf der die olle Horror-Queen 'Elvira' den Film und eine andere Trash-Perle moderiert, aber die Qualität ist furchtbar. Ich empfehle die australische Variante, oder für Fans, die des Spanischen mächtig sind, die spanische DVD.

    Liebe Grüße!

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