Donnerstag, 28. Juli 2011

Candymans Fluch (1992)

Mit der Clive Barker-Adaption CANDYMANS FLUCH (Candyman) schuf Regisseur Bernard Rose einen Horrorfilm, der sich mit einer erwachsenen Geschichte an ein erwachsenes Publikum richtet.
CANDYMANS FLUCH zählt zum Besten, was das Horrorkino in den 90ern hervorgebracht hat, als das Genre am Boden lag und nach unzähligen, immer gleichen Slashern und der Überflutung durch Stephen King-Verfilmungen schon abgeschrieben war. Für mich gehört er neben Polanskis "Die neun Pforten" (1999) zu den Höhepunkten der Dekade.

Zum Inhalt: Die Doktorandin Helen (Virgina Madsen) schreibt an einer Arbeit über urbane Mythen. Dabei stolpert sie über die Legende vom Candyman. Sagt man seinen Namen fünfmal, während man in einen Spiegel blickt, soll er angeblich erscheinen und furchtbare Blutbäder anrichten. Je mehr sich Helen mit dem Mythos beschäftigt, umso mehr muss sie erkennen, dass der Candyman weniger Fiktion als Realität ist, und bald schon wird ihr Leben komplett erschüttert...

Viel mehr soll nicht verraten werden, denn CANDYMANS FLUCH lebt von den überraschenden Wendungen seiner Geschichte. Nach der Kurzgeschichte "The Forbidden" von Clive Barker, der auch als Executive Producer fungiert (oft ein geschenkter Credit, den ein Autor dafür erhält, dass er die Rechte abtritt), beschäftigt sich Bernard Roses Film mit der Entstehung von städtischer Folklore - und zwar nicht oberflächlich wie der alberne Slasher "Düstere Legenden" (1998), sondern auf ernsthafte Art und Weise. Wie die besten Filme George A. Romeros und Wes Cravens besitzt CANDYMANS FLUCH sowohl ein politisches wie soziales Bewusstsein. Die Legende vom Candyman nährt sich aus den Ängsten der sozialen Außenseiter, die in einem Ghetto am Rand der Stadt in Armut leben (im berüchtigten Cabrini Green, das lange in den amerikanischen Schlagzeilen war) und sich mit Kriminalität über Wasser halten. Das Ghetto liegt nur einen Katzensprung von Helens noblem Apartmenthaus entfernt, das ebenfalls ursprünglich zum sozialen Wohnungsbau gehörte, bevor die Stadt beschloss, es in Eigentumswohnungen umzuwandeln.
CANDYMANS FLUCH spiegelt diese beiden unterschiedlichen Lebensräume. Der Mythos Candyman kann nur überleben, wenn weiterhin an ihn geglaubt wird. In einer bedeutsamen Einstellung sehen wir, wie ein entführtes Baby am Finger des Candyman nuckelt. So nährt sich die Legende von Generation zu Generation.

Mit Virgina Madsen kann CANDYMANS FLUCH eine schöne, starke und verletzliche Heldin vorweisen, die wesentlich vielschichtiger entworfen ist als die von Barker selbst inszenierten Protagonistinnen in "Hellraiser" (1987) oder "Cabal" (1990). Wenn sich Helens geordnetes Leben in einen Trümmerhaufen verwandelt, fühlt man mit ihr mit, und sie muss mehr durchmachen als jede Scream Queen in anderen Filmen des Genres. Nicht nur wird sie misshandelt und des Mordes bezichtigt, sie landet in der Psychiatrie, wird unter Drogen gesetzt und findet sich am Ende in einem brennenden Scheiterhaufen wieder. Dazu geht ihr Gatte (Xander Berkeley) mit einer jüngeren Studentin fremd, während Helen im Gefängnis schmort. Gute Frauenrollen sind selten im Horrorfilm, diese gehört zu den besten und liegt auf einer Linie mit "Rosemary's Baby" (1968) oder "Schloss des Schreckens" (1961).
In einer der besten Szenen muss die blutverschmierte Madsen, die unter Mordverdacht steht, sich vor einer Polizistin ausziehen (warum sind filzende Polizistinnen im Film immer übergewichtig und gefühlskalt?) und wird nicht nur körperlich, sondern auch noch seelisch gedemütigt. Den Candyman spielt Tony Todd mit einer effektiven Mischung aus Attraktivität und Bedrohlichkeit. In Barkers Kurzgeschichte war der Candyman übrigens ein blasser Weißer.

Bernard Rose, der auch das Drehbuch schrieb, inszeniert seinen Film mit Ruhe und Bedacht, lässt sich in der ersten Hälfte viel Zeit, bevor das Grauen auf Helen niederprasselt. Heute wäre eine solche Vorgehensweise im Kino nicht mehr möglich. Die zweite Hälfte protzt dann mit geradezu bluttriefenden Set Pieces und Schockeffekten, behält aber das Schicksal unserer Protagonistin immer im Auge. Die größten Spannungsmomente gelingen ihm aber in den Anfangspassagen, wenn Helen das Ghetto besucht und tiefer in die Höhle des Löwen vordringt.
In der ersten Sequenz des Films wird übrigens Sam Raimis Bruder Ted (mal wieder) ermordet. Wie oft musste der arme Teufel das schon über sich ergehen lassen (siehe "Bloodnight", 1989, oder "Darkman", 1990)? Und geht das nur mir so, oder sieht Virgina Madsen Sharon Stone hier zum Verwechseln ähnlich (welche interessanterweise kurz darauf alle Rollen erhielt, für die Madsen zuvor prädestiniert war)?

Erwähnt werden muss noch die geniale, minimalistische Musik von Philip Glass, die dem Film eine ganz eigene Atmosphäre verleiht. Der Brite Bernard Rose, der zuvor den sehenswerten "Paperhouse" (1988) inszenierte, hat erstaunlicherweise nach CANDYMANS FLUCH keinen Film von Belang mehr gemacht. CANDYMANS FLUCH war ein Hit an den Kinokassen und erhielt zwei zu vernachlässigende Fortsetzungen, in denen Tony Todd jeweils wieder die Titelfigur gab.

09/10

In the Mouth of Madness -
Virginia Madsen in der Höhle des Löwen

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