Dienstag, 26. Juli 2011

Cabal - Die Brut der Nacht (1990)

Nachdem er mit seinem Regiedebüt "Hellraiser" (1987) einen Hit und Kultfilm gelandet hatte, adaptierte und inszenierte Clive Barker in den USA seinen Roman "Cabal" als CABAL - DIE BRUT DER NACHT (Nightbreed). Sein Film spaltet bis heute die Horrorgemeinde. Für die einen ist er ein unterschätztes Meisterwerk, für die anderen spannungsarmer Mummenschanz. Die Wahrheit liegt wie so oft dazwischen.

Der junge Aaaron Boone (Craig Sheffer) wird von unheimlichen Träumen geplagt, die ihn zu einer geheimnisvollen Stadt namens Midian locken, welche von Freaks und bizarren Kreaturen der Nacht bevölkert wird. Der Psychiater Decker (David Cronenberg) soll ihn von den Alpträumen befreien, sieht aber eine viel bessere Chance, Aaron für die eigenen, blutigen Taten verantwortlich zu machen, die er als maskierter Serienkiller vollbringt. Bald wird Aaron von der Polizei gejagt und entdeckt den Weg nach Midian, das sich unter einem alten Friedhof befindet. Dort spüren ihn seine Freundin (Anne Bobby) und Psychiater Decker auf, und es kommt zu einem ultimativen Showdown der 'Nightbreed' gegen die rabiaten Gesetzeshüter...

CABAL lebt von seiner eigenen, skurrilen Atmosphäre und den fantasievollen Masken der Midian-Bewohner, die von Barker stellvertretend für alle gesellschaftlichen Außenseiter und Geschöpfe der Nacht inszeniert werden. Sie sind Getriebene, Gejagte und Missverstandene (und empfinden wir Horror-Fans uns nicht auch als solche?). Ihr Aussehen reicht von abstoßend bis schön, sie sind mitfühlend, aber auch grausam in der Verteidigung ihres Reichs. Interessant an Barkers Vision ist die Verschiebung des klassischen Gut/Böse-Schemas, denn seine Sympathien liegen eindeutig bei den Friedhofsbewohnern, während die Polizei als Ordnungsmacht im Redneck/Nazi-Gewand aus reaktionären, mitleidlosen und gewaltbereiten Monstern besteht, die alles zerstören, was sie nicht verstehen und was nicht in ihr Weltbild passt.

Das ist für einen Horrorfilm natürlich keine neue Idee, war doch schon James Whales Frankenstein-Geschöpf bemitleidenswert in seiner Suche nach Liebe, ganz zu schweigen von Tod Brownings "Freaks" (1932). Und haben wir nicht alle mit King Kong und der weißen Frau geweint? Insofern führt Barker hier - wie schon in "Hellraiser" - alte Traditionen des Genres in bewundernswerter Weise und mit allen Mitteln des modernen Effektekinos fort. Die Besetzung mit Kultregisseur David Cronenberg als irrem Schlitzer, der sich hinter seiner harmlosen, distanzierten Oberfläche verbirgt und beinahe wie ein kafkaesker Buchhalter wirkt, ist dabei ein Geniestreich.

Der Rest der Besetzung kann leider nicht mithalten, und da liegt schon ein Hauptproblem von CABAL. Craig Sheffer und Anne Bobby sind ein leider uninteressantes Heldenpaar, dessen Schicksal nicht wirklich berührt. Sheffer ist zu unsympathisch und passiv, wird von allen Seiten manipuliert und begreift nicht, was geschieht. Dass ausgerechnet er ein "Auserwählter" ist, fällt schwer zu glauben. Jede der Midian-Kreaturen besitzt mehr Charisma und Stärke. Anne Bobby hingegen ist lediglich ein dummes Mädel, das mehr oder weniger ins Grauen hineinstolpert und versucht, sich dort zurecht zu finden. Die Nebenfiguren, insbesondere die Redneck-Ordnungshüter, sind allesamt Abziehbilder, an denen Barker seine Absichten verdeutlicht, sie besitzen aber kein Eigenleben.

Barker selbst sagte in einem Interview zu "Hellraiser", er gehe sehr vorsichtig mit dem Begriff 'Horror' um, da nur wenig, was das Genre oft anbietet, echter Horror sei. CABAL passt da genau ins Bild, denn auch hier gibt es weit mehr Fantasy als Horror zu sehen. Die Welt der Monstren und Mutationen von Midian ist bunt und schillernd, doch Ängste werden hier beim Publikum kaum geschürt, dafür ist der Film insgesamt zu laut und lautmalerisch (verstärkt noch durch die gute, aber ohrenbetäubende Musik Danny Elfmans, die zu oft an Tim Burton erinnert). Man wünscht sich doch mal einen subtilen Moment oder etwas Hintergründigkeit in all dem Zirkus-Spektakel. Jeder Gedanke in CABAL wird ins Extrem getrieben und auf die Leinwand gebracht. Vielleicht ist CABAL deshalb so umstritten und kann auch mich nur streckenweise begeistern. Mir ist die Horror-Muppet-Show mit all ihrem Getöse manchmal zu viel des Guten, ganz besonders in der zweiten Hälfte, wenn die Spannung rapide absackt. Der aufwändige Schlussfight interessiert mich bei jedem Sehen nur minimal.
Die wenigen Momente, die wirklich unter die Haut gehen, zeigen Serienkiller Decker bei der Arbeit. Wenn er zu Beginn eine typisch amerikanische Familie abschlachtet und sich nach den Eltern auch das Kind vornimmt, packt einen die Gänsehaut. Diese Momente sind aber leider zu selten zwischen den wild galoppierenden Karnevalsattraktionen.

Clive Barker inszenierte sein Epos mit relativ freier Hand, nach der Fertigstellung aber wurde CABAL gnadenlos von der produzierenden 20th Century Fox heruntergekürzt, 'publikumsfreundlicher' gestaltet und als Slasher vermarktet. Ein Hit wurde der Film so nicht, er erfreut sich aber großer Beliebtheit in Horror-Fankreisen, und man wartet nach wie vor gespannt auf den Director's Cut. CABAL ist kein Film, den man spontan gern haben kann, man muss sich schon auf ihn einlassen. Sehenswert ist er aber allemal.

07/10

Der Regisseur unter der Maske -
David Cronenberg als Killer in "Nightbreed"

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