Dienstag, 14. Juni 2011

Unter dem Vulkan (1984)

Mexiko.
Der Tag der Toten.
Der britische Ex-Konsul Geoffrey (Albert Finney) hat mit seinem Leben abgeschlossen. Vom Beruf desillusioniert und von der Frau (Jacqueline Bisset) verlassen, gibt er sich hemmungslos dem Suff hin. Der Film begleitet ihn 24 Stunden lang, wie er sich durch die Fiesta säuft und ins Hurenhaus torkelt, während um ihn herum das Totenfest gefeiert wird. Als seine Frau überraschend auftaucht, um ihm vorzuschlagen, es noch einmal miteinander zu versuchen, hat er die Wahl - sich zu Tode trinken oder den Neuanfang wagen...

Die Entscheidung, die Geoffrey trifft und treffen muss, steht von Anfang an fest, denn der Ton von UNTER DEM VULKAN (Under the Volcano) weist klar in Richtung Tod und Tragödie. Bereits der originelle Vorspann, in welchem die mexikanischen Geister- und Skelettpuppen einen makaberen Totentanz aufführen, lässt keinen Zweifel daran, wohin die Reise führt, und eine frühe Einstellung im Film, in der sich ein Totenkopf in Albert Finneys Sonnenbrille spiegelt, besiegelt sein Schicksal.

Regie-Veteran John Huston ("Misfits", "Die Spur des Falken") verfilmte 1984 den autobiografischen Roman von Malcolm Lowry, der mit nur 49 Jahren an den Folgen seiner Alkoholsucht starb. Der Film erhielt zahlreiche Nominierungen auf Filmfestivals, inklusive Oscar-Nominierung für Albert Finney, konnte aber wegen seiner niederdrückenden Geschichte und Handlungsarmut kein Publikum finden. Alkoholikerdramen haben es trotz guter Kritiken nie leicht, das zeigen ambitionierte, aber erfolglose Flops wie "Barfly" (1987), der sehr viel Ähnlichkeit mit UNTER DEM VULKAN aufweist. Lediglich Billy Wilder gelang das Kunststück, mit "Das verlorene Wochenende" (1945) auch die Masse anzusprechen, während ein "Leaving Las Vegas" (1995) ebenfalls hinter den Erwartungen zurückblieb.

Nichtsdestotrotz handelt es sich bei Hustons Adaption um einen der anspruchsvollsten und besten Filme des Jahres 1984. Er ist schauspielerisch brillant, exzellent ausgestattet und orchestriert, und er ist vor allem kompromisslos in jeder Beziehung. Nein, dem Zuschauer wird es hier nicht leicht gemacht. Er muss zusehen, wie Albert Finney grölend und brabbelnd durch Mexiko zieht, die Pulle stets am Hals, die Verachtung für alles Menschliche auf den Lippen, selbstgefällig, selbstverliebt und heruntergekommen. Die Handlung besteht lediglich aus Schauplatzwechseln und Dialogszenen zwischen den drei Protagonisten Finney, Bisset und dem jungen Anthony Andrews, der eine Art Kindermädchen für Finneys verlotterten Ex-Konsul spielt.
Jacqueline Bisset, die aufgrund ihrer Schönheit oft als schwache Schauspielerin abgestempelt wurde, zeigt dabei eine ebenso ansprechende, wenngleich zurückgenommene Darstellung als Finney, der hier eine große Show abliefert. Er säuft, flucht, brabbelt, gestikuliert und beleidigt alles und jeden, ist dabei gleichzeitig jämmerliche Gestalt als auch faszinierende Persönlichkeit. Finney Spiel rutscht nie ins Overacting ab, seine Darstellung steckt voll subtilen Humors und Spielfreude. Dennoch ist UNTER DEM VULKAN sehr schwierig zu genießen, weil sein Unterhaltungswert gegen Null geht und keine der Figuren auch nur annähernd als Identifikationsfläche dient. Huston verzichtet auch bewusst auf einen dramatischen Bogen. Er lässt alle Charaktere zielgerichtet ihrem Abgrund entgegentaumeln, ist immer nah dabei und bleibt doch auf Distanz.

Man muss John Huston für den Mut bewundern, den Film in einer Zeit zu inszenieren, als das Publikum in Massen Spielbergs Fantasy-Märchen sehen wollte und Spezialeffekte einen immer größeren Raum im Kino einnahmen. Hustons Glaube an das anspruchsvolle Schauspielerkino war ungebrochen. Der beinahe 80-jährige Regisseur drehte im Anschluss den populären "Die Ehre der Prizzis" (1985) und seinen letzten Film mit dem bezeichnenden Titel "The Dead" (1987).

08/10

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