Sonntag, 19. Juni 2011

Pi (1997)

Der "Eraserhead" der 90er.

Das Mathematikgenie Max Coen (Sean Gullette) lebt zurückgezogen, umgeben von Computern und Ameisen in seinem kleinen New Yorker Apartment. Max versucht verzweifelt, anhand von Berechnungen den Kursverlauf des Aktienmarkts zu entschlüsseln, weswegen dubiose Menschen seine Fähigkeiten gern für sich nutzen würden. Eigentlich sucht Max aber nach einer Zahlenordnung, mit welcher er die Welt versteht. Als er diese zu finden glaubt, steigert er sich immer mehr in seinen Wahn und kann bald nicht mehr Realität von Illusion unterscheiden...

Darren Aronofskys Erstling PI (Pi) entstand für nur 60.000 Dollar, die er zumeist von Freunden und Bekannten lieh, welche dafür Rollen im Film und Anleihen erhielten, für den Fall, dass der Film irgendwann Geld einspielt. Nicht nur hat PI über drei Millionen Dollar Kasse gemacht, er brachte Aronofsky auch den Regiepreis beim Sundance-Festival ein.

PI ist eine bizarre Mischung aus Science Fiction-Thriller, Psychogramm und Paranoia-Studie. In grobkörnigem, kontrastreichem Schwarzweiß gehalten und stets dicht an seiner Hauptfigur, erzählt Aronofsky eine Geschichte, die immer mehr an Intensität gewinnt und den Zuschauer förmlich mitreißt, auch wenn man keinen blassen Schimmer von mathematischen Berechnungen hat, um die es nur scheinbar hauptsächlich geht. Worum es tatsächlich geht ist die Schönheit der Natur und das Fehlen einer Ordnung. Bis Max Coen das erkennen und den Anblick eines Baumes im Wind genießen kann, ohne darin ein universelles Muster zu suchen, muss er einiges durchleiden, von Panikattacken, körperlichen Veränderungen und Verfolgungsjagden mit imaginären Finsterlingen, bis hin zu kompletter Isolation und Todesangst.

Max Coen, der von Sean Gullette (der mit Aronofsky das Drehbuch schrieb) brillant gespielt wird, ist ein Besessener, dessen Leben sich nur um eine Frage dreht. Das Schicksal teilt er mit vielen Aronofsky-Figuren. Sie alle sind Getriebene, die sich vom Leben und der Umwelt abgeschottet haben und nur noch für einen Traum leben, der nicht greifbar sein wird. Dazu gehören Hugh Jackmans Suche nach dem ewigen Leben in "The Fountain" (2006), Mickey Rourkes Überlebenskampf in "The Wrestler" (2008) ebenso wie Natalie Portmans Perfektions-Sucht in "Black Swan" (2010) und natürlich die Flucht in die Drogenwelt sämtlicher Charaktere in Aronofskys Meisterwerk "Requiem for a Dream" (2000).

Darren Aronofsky hat mit PI eine beeindruckende Visitenkarte hinterlassen. Formal und inhaltlich ist sein Film eine Tour de Force, die bei wiederholtem Sehen immer mehr Subtexte und Tiefen offenbart. Unterstützt wird PI von einem intensiven Industrial-Techno-Score Clint Mansells, der für alle folgenden Aronofskys die unverwechselbare Musik komponieren sollte (einige Teile seines Scores tauchen in "Requiem for a Dream", 200, wieder auf), von einem artifiziellen Sounddesign und vielen experimentellen Kameratricks, darunter eine vibrierende Kamera, die Max' Migräneanfälle verbildlicht. Je mehr Max in Wahnsinn und Paranoia abgleitet, desto undurchschaubarer und grobkörniger werden auch die Bilder. Die Vorbilder von PI finden sich in Terry Gilliams "Brazil" (1985) wie auch bei David Cronenberg, in dessen "Videodrome" (1983) ebenfalls ein Protagonist namens Max (James Woods) nicht mehr zwischen Realität und Halluzination unterscheiden kann. Man wünscht sich fast, Aronofsky würde "Naked Lunch" neu verfilmen - der Vergleich zwischen seiner und Cronenbergs Version wäre so unglaublich reizvoll.

PI ist innovatives, packendes und intelligentes Arthouse-Kino, das auf viele gängige Filmregeln verzichtet (wenngleich nicht auf alle, so folgt er z.B. klar einer klassischen Dreiakter-Struktur), um ein völlig neuartiges audio-visuelles Erlebnis zu schaffen. Der Erfolg von PI ist ebenso erstaunlich wie berechtigt und ein fantastisches Debüt des vielleicht interessantesten Filmemachers im aktuellen Hollywood.

09/10


Der besessene Mathematiker und die Spirale - "Pi"

1 Kommentar:

  1. PI hat mir besonders wegen seiner eigenwilligen Machart (s/w, körnig) und den schrägen Einstellungen gefallen, aber auch wegen der Idee und Story dahinter. Alles wirkte auf mich sehr surrealistisch und ich musste öfters mal an Luis Bunuels andalusischen Hund denken.

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