Montag, 13. Juni 2011

Im Blutrausch des Satans (1971)

Mit IM BLUTRAUSCH DES SATANS (A Bay of Blood / Ecologia del Delitto) verabschiedete sich Mario Bava von den barocken Alpträumen und inszenierte eine ultra-moderne Gewaltorgie, die als direktes Vorbild für zahlreiche Slasher- und Splatterfilme, insbesondere die "Freitag der 13."-Reihe gewertet werden kann. Der Film ist dazu eine nüchterne Bestands-aufnahme seiner Zeit.

Der Mord an einer an den Rollstuhl gefesselten Gräfin bildet den Auftakt für besagten Blutrausch. Der alten Dame gehörte eine paradiesische Bucht, die noch weitgehend unerschlossen ist und einen idealen Standort für Tourismus und andere Projekte darstellt. Daher reisen von weither die Verwandten der Verstorbenen an, um sich das Erbe zu sichern. Zwischen ihnen und den skurrilen Bewohnern der Bucht kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, und einer nach dem anderen muss ins idyllische Gras beißen...

Bereits mit seinem Thriller "Blutige Seide" (1963) drehte Bava kräftig an der Gewaltschraube, verpackte sie aber in ein ebenso künstliches wie künstlerisches Ambiente, in eine Fantasiewelt der Farben, Kostüme und Schönheit. In IM BLUTRAUSCH DES SATANS ist nichts mehr schön - außer vielleicht Ex-Bond-Girl Claudine Auger, aber auch die sieht nur schön aus und ist innerlich genauso verkommen wie ihr skrupelloserer Filmgatte. Die Morde sind drastisch und herb, Köpfe werden vom Rumpf getrennt, Hälse durchschnitten, Hackebeile in überraschten Gesichtern versenkt. ein Pärchen wird beim Sex mit einem Speer durchbohrt. Von Ästhetisierung kann keine Rede sein, auch sorgt die Blutorgie nie für Heiterkeit, sondern für blankes Entsetzen. Bereits der Filmbeginn, wenn die behinderte Gräfin stranguliert wird, lässt Bava keinen Zweifel aufkommen, dass er diesmal kaum Spaß versteht.

IM BLUTRAUSCH DES SATANS folgt dabei oberflächlich der klassischen "Ten Little Indians"-Geschichte von Agatha Christie, indem er einen scheinbar schlichten Bodycount ins Zentrum der Erzählung rückt. Anders als bei Christie geht hier aber nicht nur ein unbekannter Killer um, sondern zeigen sämtliche Beteiligte spontane Lust am Gemetzel, sobald sie unter Druck geraten. Gewalt ist das einzige Mittel der Kommunikation, es wird nicht einmal versucht, die Konflikte im Gespräch oder in irgendeiner Form des Miteinanders zu klären, egal ob es sich um Besitzansprüche, Eifersucht (was nichts anderes ist als Besitzanspruch) oder Rachegedanken handelt. Als Zuschauer verliert man vollkommen den Überblick, wer für welche Morde verantwortlich ist, und genau das will Bava erreichen. Um die Täterfrage geht es hier nicht, sondern um die Zeichnung einer Welt, die nur aus Hab- und Machtgier besteht, in der Liebesgefühle immer nur sexuell motiviert sind, in der jeder jeden kränkt, beleidigt, demütigt, tötet.

IM BLUTRAUSCH DES SATANS ist der Film eines Desillusionierten, das zeigen auch Bavas spätere Werke wie "Rabid Dogs" (1974). Selbst in den lieblichen Kinderaugen, die uns im Mainstream gern als hoffnungsvolle Zukunft verkauft werden sollen, sieht Bava den eingepflanzten Wahnsinn. Wenn sie (Achtung, SPOILER) in der genialen Schlusseinstellung ihre Eltern erschießen ("Die spielen aber richtig gut tot!") und jubilierend über das Eiland tollen, wissen wir, dass die nächste Generation nur schlimmer werden kann als die vorige. Und wenn man es ernst nehmen will, liefert Bava hier einen Beitrag zur (späteren) Jugendschutz-Debatte. Weder sind es Videospiele, Horrorfilme oder Drogen, die Kinder in gefühllose Monster ohne Realitätssinn oder Unrechtsbewusstsein verwandeln, sondern die Kleinen agieren nur aus, was ihnen die Eltern und die Gesellschaft vorgelebt haben.
Somit haben wir hier einen Film vorliegen, der ein politisches Bewusstsein, einen scharfen Blick auf die Realität und eine pädagogische Botschaft bereit hält, und der trotzdem hierzulande wegen Gewaltverherrlichung beschlagnahmt ist. Der Zyniker war noch nie beliebt.

Wer jetzt aber glaubt, der Film sei schwer genießbar, irrt, denn IM BLUTRAUSCH DES SATANS ist herrlich unterhaltsam, spannend und roh. Die poppige Ohrwurm-Musik von Stelvio Cipriani sorgt mit ihren starken Percussion-Anteilen für temporeiche Begleitung, und Bavas Kamera - wenn auch weit entfernt von der künstlerischen Raffinesse früherer Werke - steht nie still, fängt die unerschütterliche Natur im Kontrast zum grausamen Menschenvieh immer hautnah ein.

IM BLUTRAUSCH DES SATANS erwies sich als enorm einflussreich. Sowohl Handlung als auch konkrete Einfälle wurden direkt von anderen Regisseuren benutzt, am deutlichsten von Steve Miner in dessen "Freitag der 13. Teil 2" (1981), wo der oben erwähnte Speer-Mord und weitere Einstellungen (wie ein Zweikampf in totaler Dunkelheit) 1:1 übernommen wurden. Das Weiß-in-Weiß-Outfit von Anna Maria Mosati hingegen findet sich in Brian de Palmas "Dressed to Kill" (1980) an Angie Dickinson wieder, und der Tod von Claudio Camaso taucht im Finale von Argentos "Tenebrae" (1982) wieder auf.
Die Idee, einen Film lediglich um die blutrünstigen Mordsequenzen einer von der Außenwelt abgeschnittenen Gruppe herum zu inszenieren, wurde von unzähligen Slashern imitiert, wenngleich ohne die bereits erwähnte thematische Substanz. Wieder einmal legte Mario Bava den Grundstein für eine Weiterentwicklung des Genres, ohne dass es ihm zu Lebzeiten gedankt wurde.

10/10

Nur nicht den Kopf verlieren - Brigitte Skay in "A Bay of Blood"

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