Dienstag, 7. Juni 2011

Drei (2010)

Eine Geschichte aus Berlin Mitte.
Kulturmoderatorin Hanna (Sophie Rois) und ihr Lebensgefährte Simon (Sebastian Schipper) müssen zunächst den Krebstod von Sebastians Mutter (Angela Winkler) verkraften, da trifft auch schon die nächste Hiobsbotschaft ein: Sebastian erkrankt an Hodenkrebs und muss sich einen seiner Hoden entfernen lassen. Hanna hingegen begegnet dem Stammzellenforscher Adam (Devid Striesow) und verliebt sich in ihn. Als auch Sebastian zufällig auf Adam trifft und ebenfalls eine sexuelle Beziehung mit ihm beginnt, kommt das Beziehungkarussell richtig in Fahrt...

DREI hätte eine hübsche, kleine, skurrile Großstadt-Komödie mit melancholischen Untertönen werden können (man denkt unweigerlich an "Sommer vorm Balkon", 2004), doch unter der Regie von Tom Tykwer, der von "weniger ist mehr" nie viel hielt, werden die sympathischen Charaktere unter formaler und inhaltlicher Effekthascherei begraben, so dass am Ende ein reichlich schwerfälliger Film herauskommt, der weder Komödie noch Drama und schon gar keine Tragikomödie ist, aber unbedingt alles gleichzeitig sein möchte, intellektuelles Arthouse-Kino noch dazu.
Zum überflüssigen Beiwerk gehören formale Spielereien wie Splitscreen-Montagen und CGI-Effekte, ebenso die übetrieben stilisierten Wohnverhältnisse der Protagonisten, die vor lauter Design kein Leben mehr vermitteln, aber auch inhaltliche Diskussionen über Stammzellenforschung und Kopftuchverbot. Die Berlin-Anbindung in DREI ist ebenso lautmalerisch wie falsch in den Details (auch hier das bessere Beispiel: "Sommer vorm Balkon", der seinen Kiez kennt), und die fast schon hysterische Kulturbeflissenheit der Charaktere wird nicht ein einziges Mal ironisiert. Der thematische Überbau, der den Weg seiner Charaktere als Versuchsaufbau für zukünftige Geschlechter- und Beziehungskonstellationen sehen möchte (mit dem Stammzellenforscher "Adam" - Achtung, sprechender Name!), ist ebenso unnötig.

Im Grunde geht es hier um eine klassische Dreiecksgeschichte, wie man sie aus unzähligen Vorlagen und Boulevardkomödien kennt. Für diese muss man sich aber nicht schämen, wenn sie frisch erzählt wird. Das ständige Bemühen um Anspruch und Wichtigkeit lässt DREI - wie viele Tykwer-Werke - prätentiös und selbstverliebt wirken.
Angenehm fallen hingegen Einbindung und Umgang mit dem Thema Krebs auf, der zum Lebensweg seiner Figuren dazu gehört, ohne als Thema zu dominieren. Aber auch hier verschenkt Tykwer Möglichkeiten und nimmt z.B. dem Filmtod von Angela Winkler jede Tragik, indem er ihn durch Standfotos und alberne Zahlenmystik formalisiert.

DREI wurde in vielen Kritiken für seinen unverkrampften Umgang mit Homosexualität (bzw. Bisexualität) gelobt, auch dem kann ich nur bedingt zustimmen. Zwar bemüht sich Tykwer um Freizügigkeit, diese wirkt aber ebenso angestrengt wie vieles andere. Dazu gehört auch eine sehr merkwürdige 'Moral', bei der man für schwulen Sex Kondome braucht, für heterosexuellen aber offensichtlich nicht. Letztlich ist Tykwer von einem unbelasteten Umgang mit Sex weit entfernt.

Die Schwächen des Films werden glücklicherweise ausgeglichen durch die fantastischen Hauptdarsteller Rois, Striesow und Schipper, wobei die Männer durch natürliches Understatement glänzen und in die zweite Reihe zurücktreten, um der Leading Lady die Bühne zu überlassen, die Sophie Rois grandios für eine wundervolle Vorstellung nutzt. In Rois' Darstellung gibt es keinen falschen Ton, keine Behauptung, hier ist - im Gegensatz zum Rest des Films - alles echt und ungestellt. Hat sie keinen Dialog, sieht man, was sie denkt, und nur dank ihrer brillanten Leistung können Szenen, die man schon tausendfach gesehen hat (wie das erste Aufeinandertreffen der drei Protagonisten oder ein folgenreicher Schwangerschaftstest) noch so komisch, frisch und skurril wirken.

Die Schauspieler allein sind es, die DREI sehenswert machen. Tom Tykwer hingegen sollte lieber wieder zu den aufgeblasenen Großproduktionen zurückkehren und die kleinen Alltags-Geschichten denen überlassen, die sich wirklich für Menschen und nicht nur für Konzepte interessieren.

05/10 (10/10 für das Ensemble)

Kommentare:

  1. Hallo Matze! eine super Rezension. trifft genau! - und weil Du Kohlhaases "Sommer vorm Balkon" noch mal erwähnst: Der ist ein Autor, bei dem man eben das Gefühl hat, er schreibt, wovon er Ahnung hat, vor allem, was die Stadt Berlin betrifft, das hat er seit "Berlin - Ecke Schönhauser" so gemacht. Bei Tykwer bleibt es der angeschaffte Blick des Zugereisten. Nicht, dass ein Zugereister nicht auch was zeigen und erzählen darf, aber vor allem, wenn er sich genau an der Ecke Schönhause rumtreibt und mit den Berlinern "gemein" macht, (Konopke, Schusterjunge...) wird's echt peinlich! Ich glaube, sogar der Berlin-Nichtkenner spürt das Unechte an diesen Stellen.
    lieben Gruß, Karsten

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  2. Der peinliche "Schusterjunge"-Schlachtruf ist wirklich der schlimmste Moment, da heißt es fremdschämen. Nichtsdestotrotz hat er aber auch tolle Szenen, vergessen wir nicht Sophie Rois' Schwangerschaftstest und Angela Winkler als Rauschgoldengel. Alles Liebe!

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  3. Ja, der Rauschgoldengel, stimmt! herrlich! :-))

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  4. Hallo Mathias,
    ich fand Tom Tykwer gut, vom Debüt 'Die tödliche Maria' bis zu 'Heaven'. Dann der Absturz in Hollywood: 'Das Parfüm' - und nach 'The International' hatte ich genug gesehen. Deine Rezension bestätigt, TT hat sein Talent verloren und findet es nicht wieder; vielleicht sucht er es gar nicht mehr. 'Drei' will ich gar nicht sehen, auch wenn mir Sophie Rois gut gefallen hat in Kluges Filmprojekt 'Nachrichten aus der ideologischen Antike' (dort hat sie TT wahrscheinlich kennengelernt, er brachte auch einen kleinen Beitrag).
    Gruß Felix
    P.S.: Was wurde eigentlich aus deiner Freundin - wie hieß sie gleich wieder: Thalia?

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  5. Hallo Felix,

    Sophie Rois muss man ja einfach lieben! Sie ist für mich der einzige Grund, noch ins Theater zu gehen. Von TT mochte ich eigentlich "Winterschläfer" ganz gern, und natürlich "Lola rennt", alles was danach kam, hat mich nicht mehr angesprochen, "Das Parfüm" am allerwenigsten - halt nein, "Der Krieger und die Kaiserin" fand ich am schlimmsten.

    Liebe Grüße,
    Mathias

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  6. Hallo Mathias,
    mein Lieblingsfilm von TT bleibt sein Debüt 'Die tödliche Maria'; das Paradebeispiel für jenen Stil, den TT selbst als "abstrakten Realismus" bezeichnete. Bei 'Der Krieger und die Kaiserin' hat mir nur eins mißfallen: die Verdoppelung bzw. Wiedergeburt des Helden (aus dem Klo heraus) plus Abtransport des andern mit einem 'Jenseits'-Bus aus dem Feldweg (Sensenmann-Wiese-Feld-Feldweg?). Diese Verwandlung gab es auch in der 'tödlichen Maria', aber da war es kein bißchen disharmonisch. Doch beim 'Krieger' wirkte es einfach nur furchtbar grob und 'billig' (also nicht angemessen). Ansonsten hat mir aber der Film sehr gut gefallen. Ein hübscher Wechsel von der schnellen 'Lola' zur langsamen 'Kaiserin' (und beide Rollen hat Franka Potente großartig gespielt!). Die Idee, eine 'eingeborene' Psychiatrie-Krankenpflegerin als heimliche Kaiserin der Klinik agieren zu lassen, fand ich ich wirklich 'toll'! Auch TT scheint das so gut gefunden zu haben, daß er es für seinen nächsten Film 'Heaven' noch einmal direkt abkupferte. Ich lese gerade, was ich 2002 ins Programm einer Filmvorführung schrieb:
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    Tom Tykwer benannte selbst einmal seinen Filmstil als „abstrakten Realismus“. Tatsächlich werden seine Helden und die Handlung, obwohl an sich real erscheinend, durch eine eigenartige Überbetonung abstrakt, ja geradezu märchenhaft. Das gilt von der „tödlichen Maria“ bis zu „Heaven“. Wenigstens
    jeweils eine Hauptperson ist immer, obwohl in einem an sich vollkommen gewöhnlichen Lebens- und Arbeitsverhältnis, mit einer ungewöhnlichen (sozusagen königlichen oder kaiserlichen) Machtbefugnis ausgestattet. In der Regel bezieht sich diese überbetont dargestellte Machtfunktion auf ein Haus.
    In „Heaven“ ist es ein Polizeigebäude, in dem der Hauptheld herrschaftliche Entscheidungen treffen kann, also über eine Macht verfügt, die eigentlich im Widerspruch steht zu seiner normalen (realen) Funktion in diesem Gebäude. Ebenso wie bei „Der Krieger und die Kaiserin“ legitimiert Tykwer diese
    außerordentliche Machtbefugnis durch eine Anwesenheit von Kind auf - dort war die Krankenpflegerin Sissy in der Nervenklinik geboren und aufgewachsen und allein damit schon heimliche Herrscherin (Kaiserin) im Haus, hier hat der Polizist Filippo schon als Kind alle Winkel des Gebäudes erforscht (in kindlicher Weise in Besitz genommen) und ist nun damit heimlicher Hausherr mit Bestimmungsrecht über die „Gäste“.
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    Fast schon 10 Jahre her, aber das kann ich immer noch 'unterschreiben'.
    Gruß
    Felix

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