Mittwoch, 1. Juni 2011

Die Zeitmaschine (1960)

George Pals Verfilmung von H.G.Wells' DIE ZEITMASCHINE (The Time Machine) gehört zu den großen Science Fiction-Klassikern Hollywoods. Seine Detailgenauigkeit, die tricktechnischen Leistungen und die berührende Erzählung sorgen dafür, dass der Film heute noch genau so fesseln kann wie seinerzeit, auch wenn einige Elemente mittlerweile naiv-komisch wirken.

In der Silvesternacht des Jahres 1899 reist der Wissenschaftler George (Rod Taylor, "Die Vögel", 1962) mit seiner selbst gebauten Zeitmaschine in die Zukunft, nachdem er mit seinen Theorien bei Freunden und Geldgebern auf Unverständnis stieß. Der überzeugte Pazifist, der von einer Welt ohne Krieg und Gewalt träumt, landet zunächst im ersten, dann im zweiten Weltkrieg, bei seinem nächsten Halt im Jahr 1966 steht die Menschheit am Rande der Auslöschung durch einen Atomkrieg. In letzter Sekunde kann George diese Zeit wieder verlassen und reist viele tausend Jahre in die Zukunft. Hier findet er ein vermeintliches Paradies vor. Die Natur hat sich offenbar den Planeten zurückerobert, und die jungen Menschen, die er dort antrifft, und die sich selbst die "Eloi" nennen, leben friedlich nebeneinander in einfachsten Verhältnissen.
Doch der Schein trügt - die Eloi interessieren sich weder für die Vergangenheit noch für die Zukunft, nicht einmal füreinander bringen sie Liebe oder Mitgefühl auf. Bücher existieren nur noch als Museumsstücke. Unter der Erde aber leben die Morlocks - schreckenerregende Wesen, die die Maschinen kontrollieren und sich die Eloi zu Sklaven gemacht haben. Sie sind außerdem Kannibalen und holen sich regelmäßig Eloi in ihr Reich, um sie zu verspeisen. Als die Morlocks Georges Zeitmaschine verstecken, muss der Wissenschaftler befürchten, für immer in dieser Welt gefangen zu sein...

Das tricktechnisch perfektere, aber vollkommen seelenlose Remake von 2002 zeigt deutlich, wo die Stärken der 1960er Version liegen. Nicht nur handelt es sich hier um intelligente Science Fiction mit gesellschaftskritischer Botschaft und philosophischen Fragen, sondern unter der Leitung von George Pal wurde auch in jedem Bereich von der Ausstattung bis zur Musik sorgfältig gearbeitet. Schon allein das Design der Zeitmaschine mit dem viktorianischen Plüschsessel vor der rotierenden Scheibe ist eine Meisterleistung, die man nie vergisst, wenn man den Film einmal gesehen hat. Nicht umsonst taucht sie in der Filmgeschichte immer wieder auf, etwa in Joe Dantes "Gremlins" (1984).

Die Stop-Motion-Tricks und Time-Lapse-Aufnahmen befanden sich auf der Höhe der Zeit und bescherten dem Film einen verdienten Oscar für die visuellen Effekte. Der Einfall, die dahinfliegenden Jahrzehnte anhand einer Schaufensterpuppe zu verdeutlichen, die blitzschnell die Mode wechselt, ist genial einfach, und das Drehbuch ist so logisch aufgebaut, dass der Film auch beim zweiten Sehen Sinn ergibt und nicht in die typischen Fallen von Zeitreise-Geschichten tappt.

Doch DIE ZEITMASCHINE will mehr sein als bunte Popcorn-Unterhaltung mit beeindruckenden Spezialeffekten. Zunächst bietet die Reise in die Zukunft für den Wissenschaftler George nur deprimierende Erfahrungen. Die Menschheit wird nicht klüger und sorgt für die eigene Vernichtung, das vertraute Heim wird baufällig und verlassen, geliebte Freunde sterben, alles vergeht. Gegen Tod und Vergänglichkeit kann die Wissenschaft nichts ausrichten, und so kann George (und mit ihm der Zuschauer) nur zusehen, wie sich seine Ängste bestätigen und die Zeitreise weniger aufregend als beängstigend und ernüchternd ausfällt.
In den Eloi findet George Menschen vor, die in einer Art Paradies leben, dies aber nicht genießen können, weil sie sich in einer Art gefühllosen Trance bewegen. Sie interessieren sich nicht für Fortschritt und Bildung, Empathie existiert ebenfalls nicht. Hauptdarstellerin Yvette Mimieux als Weena ertrinkt fast, aber niemanden außer George schert sich darum. Ab und zu holen sich die Morlocks "Menschenfutter" in ihre Höhlen, aber die Eloi haben das akzeptiert, so ist das Leben für diese Wesen, von denen keiner älter als 20 wird. Wie sollen diese Lebewesen ihren eigenen Fortbestand sichern oder nach höherem streben? Schreibt man dieses Verhalten nicht allgemein einer abgestumpften Jugend zu? In diesem Zusammenhang ist DIE ZEITMASCHINE geradezu erstaunlich aktuell.

Lediglich die Masken der Morlocks und die Liebesgeschichte zwischen Taylor und Mimieux wollen heute nicht mehr so recht überzeugen, was daran liegt, dass Mimieux' Weena als fleischgewordener Männertraum (dumm, blond, hübsch) übertrieben naiv bleibt (als sie sich endlich für Taylors Geschichten interessiert, lautet ihre erste Frage, wie die Frauen zu seiner Zeit die Haare getragen haben!) und nicht mehr als ein kreischendes Morlock-Opfer sein darf, das von Taylor gerettet werden muss. DIE ZEITMASCHINE reflektiert übrigens nicht, dass der Pazifist George zwar die Eloi von den Morlocks befreit, dafür aber genau die Gewalt und Zerstörung anwendet, die er vorher so verachtet hat. Da möchte Hollywood mehr den Helden-Mythos pflegen als in letzter Konsequenz das Thema bespielen.

Nichtsdestotrotz ist DIE ZEITMASCHINE ein 'Film für jede Sammlung', wie es so schön heißt. Selten war Science Fiction auf der Leinwand so gut durchdacht und liebevoll umgesetzt wie in dieser klassischen Verfilmung. Spannung, Grusel, Abenteuer, Komik und Nachdenklichkeit - DIE ZEITMASCHINE bietet von allem reichlich.

08/10

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