Sonntag, 12. Juni 2011

Die drei Gesichter der Furcht (1963)

Hier haben wir einen der schönsten Filme des italienischen Horror-Maestros Mario Bava und einen der besten Episoden-Horrorfilme überhaupt, DIE DREI GESICHTER DER FURCHT (I tre volti della paura). Boris Karloff erzählt uns in diesem Klassiker des gepflegten Grusels drei Geschichten von Terror, Angst und Grauen und tritt auch selbst in einer davon auf.

In der ersten Episode ("Das Telefon") wird die schöne Michele Mercier als Callgirl Rosy in ihrem modernen Apartment vom ehemaligen Zuhälter per Telefon belästigt. Er wurde soeben aus dem Gefängnis entlassen und droht, sie zu ermorden. Bald gerät sie in Panik und ruft ihre Freundin Maria (Lidia Alfonsi) zu Hilfe, nicht ahnend, dass die hinter den Anrufen steckt und Rosy gern tot sehen möchte...

Die zweite Geschichte ("Wurdelak") erzählt von einem Vampir, der eine mittelalterliche Dorfgemeinde terrorisiert. Der Bauer Gorca (Karloff) zieht gegen den Willen seiner Töchter aus, um den Vampir zu töten, endet aber selbst als kopflose Leiche. Während sich ein Reisender (Mark Damon) in Gorcas schöne Tochter Sdenka (Susy Andersen) verliebt, kehrt der Vater, nun selbst zum Vampir geworden, heim, um seine eigene Familie auszurotten...

Das Beste kommt wie immer zum Schluss. In "Der Wassertropfen" wird eine arme Krankenschwester (Jacqueline Pierreux) mitten in der Nacht gerufen, um eine verstorbene alte Frau für die Beerdigung zurechtzumachen. Dabei stiehlt sie aus Verzweiflung einen kostbaren Ring der Toten. Als sie wieder nach Hause zurückkehrt, geschehen merkwürdige Dinge. Das Geräusch eines Wassertropfens verfolgt sie ebenso wie das schreckliche Antlitz der Toten, die aus dem Jenseits Rache an der Diebin zu nehmen scheint. Bald schon ist unsere Heldin dem Wahnsinn nahe...

"Der Wassertropfen" ist in jeder Beziehung der Höhepunkt des Films und das vielleicht packendste Stück Horror, das Mario Bava je auf Zelluloid gebannt hat. In typisch barocker Atmosphäre, mit jeder Menge künstlichem Licht und unheimlichen Schattenspielen, erzeugt Bava eine intensive Atmosphäre von Bedrohung und Angst, die von dem wirklich grauenerregenden Makeup der Verstorbenen auf die Spitze getrieben wird. Das Gesicht der Toten jagt mir heute noch wohlige Gruselschauer über den Körper und gehört mit dem aus dem Nichts springenden Kinderball aus "Die toten Augen des Dr. Dracula" (1966) zu Bavas eindringlichsten Bildern.
Gleichzeitig ist "Der Wassertropfen" mehr als nur eine formale Fingerübung, sondern auch ein stark vom Katholizismus geprägtes Moralstück über Schuld und Sühne, Versuchung und Verdammnis. Wenn sich am Ende ironisch der Kreis schließt (mehr soll hier nicht verraten werden), hat man eine der Sternstunden des Horrorkinos erlebt.

Die beiden ersten Episoden können ebenfalls mit starker Atmosphäre punkten, wobei "Das Telefon" eher in die (spätere) Giallo-Richtung weist, da nichts Übersinnliches passiert, sondern sexuelles Verlangen und Habgier zu Mord und Totschlag führen, keine Geister oder Vampire. Die lesbische Liebesgeschichte und der psychologische Hintergrund für den Telefon-Terror wurden übrigens in der US-Fassung schlicht entfernt, so dass dort tatsächlich eine Stimme aus dem Totenreich für die Anrufe verantwortlich zu sein scheint. Zusätzlich wurde die Reihenfolge der Episoden vertauscht, Karloffs Moderationen inklusive eines genialen Schlussgags weggelassen und die Musik ausgewechselt, so dass diese Version kaum noch etwas mit Bavas Intentionen zu tun hat.

Viele Elemente von DIE DREI GESICHTER FURCHT fanden sich in späteren Filmen wieder. Die anonyme Telefonbedrohung, die zuvor schon im US-Thriller "Mitternachtsspitzen" (1960) eingesetzt wurde, entwickelte sich zum Standard-Repertoire von Psycho-Thrillern und Slashern und wurde oft als zentrales Motiv verwendet ("Das Grauen kommt um 10", 1979). Die schon angesprochene Motivation der Killerin in "Das Telefon" lieferte die Blaupause für zahllose Gialli, und nicht zuletzt erklärte Quentin Tarantino den Film als Inspirationsquelle für "Pulp Fiction" (1994). Mario Bava selbst zählte den Film immer zu seinen liebsten, und so gehört er auch neben "Die Stunde, wenn Dracula kommt" (1960) zu den Favoriten seiner Anhänger.

09/10

Eine Krankenschwester dreht durch -
"Der Wassertropfen" aus "Die drei Gesichter der Furcht"

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