Montag, 27. Juni 2011

Der nackte Kuss (1964)

Hollywood-Outsider Samuel Fuller ("Shock Corridor", 1963) inszenierte mit DER NACKTE KUSS (The Naked Kiss) eines seiner besten Werke. Die Geschichte einer Prostituierten, die in einer Kleinstadt ehrbar werden möchte und nur wieder an den Abschaum der Menschheit gerät, fasziniert durch eigenwillige Stilmittel und einen Mix aus verschiedenen Genres, die von Fuller zu einem schillernden Panoptikum menschlicher Schwächen aufbereitet werden.

Fuller beginnt seinen Film mit einer wilden Sequenz, in der die Prostituierte Kelly (eine überragende Constance Towers) sich mit Gewalt gegen ihren brutalen Zuhälter zur Wehr setzt und unter der schönen blonden Perücke eine groteske Glatze enthüllt. Nach diesem furiosen Auftakt landet sie in Grantville, einer verschlafenen Kleinstadt, in der sie zunächst den Sheriff umgarnt, der sie nur zu gern benutzt und dann zum Teufel jagt. Statt weiterzuziehen, lässt sie sich aber in Grantville nieder und nimmt eine Stellung in einem Krankenhaus für behinderte Kinder an. Diese neue Aufgabe meistert sie mit Menschlichkeit und Einfühlungsvermögen. Bald schon verliebt sich einer der mächtigsten jungen Männer der Stadt (Michael Dante) in sie, und die beiden heiraten. Zu spät merkt Kelly, dass ihr Gatte ein Kindesverführer ist, der Kelly lediglich als Alibi benutzt, um seine Perversion zu verstecken...

DER NACKTE KUSS ist - wie wohl sämtliche Filme Fullers - schwer einzuordnen. Der Plot ist lupenreines Melodram, und eine rührige Musical-Nummer der behinderten Kinder reinster Kitsch. Gleichzeitig schafft Fuller durch seine rohe Inszenierung ein Klima der Beunruhigung und des Wahnsinns. Als er dann überraschend ein Tabu bricht und den netten jungen Ehemann als Pädophilen demaskiert, befinden wir uns plötzlich in einem nachtschwarzen Drama.

Nun muss man einen Film wie DER NACKTE KUSS auch nicht kategorisieren, man sollte ihn lieber als das genießen, was er ist - ein weiterer Geniestreich eines der meistübersehenen Künstlers des amerikanischen Films. Fuller nimmt seine Themen und Charaktere immer todernst, macht sich nie über sie lustig, schenkt ihnen aber auch nichts und lässt sie die Hölle durchleben. Er hegt viel Sympathie für seine Anti-Heldin, die vom Weg abgekommen ist, und ebenso viel Verachtung für die Männer, die sie zu manipulieren versuchen.
Dass die armen kranken Kinder zur Läuterung des "bösen Mädchens" beitragen, ist weit weniger lachhaft als es sich anhört und folgt nicht einem Hollywood-Prinzip, sondern trifft den Zuschauer mitten ins Herz. Fullers Gefühle sind immer echt. Was ich kürzlich zu Darren Aronofskys "Black Swan" (2010) schrieb, trifft auch auf DER NACKTE KUSS zu. Subtil sind Fullers Filme nicht, aber sie sind ehrlich und von hoher künstlerischer Integrität. Unter dem Deckmantel des Schnulzen-Melodrams serviert er dem Zuschauer eine böse, verstörende und bizarre Geschichte, die man nicht so schnell vergessen wird.

DER NACKTE KUSS ist jüngst hierzulande auf DVD erschienen - eine willkommene und überfällige Veröffentlichung.

09/10

Eine Hure mit sichtbaren Spuren der Vergangenheit -
"Der nackte Kuss"

Kommentare:

  1. danke für den Tipp! muss ich doch glatt mal wieder gucken... :-) Karsten

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  2. Im Fernsehen kam der so gut wie nie - gut, dass es jetzt die DVD gibt. LG, Mathias

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  3. http://www3.berliner-kurier.de/tv-programm-bk/index.php?aktion=archiv&mid=1964_der_nackte_kuss

    ist quasi schon einprogrammiert...

    Lieber Deepred, jetzt habe ich mich endlich hier angemeldet um mal ein Kommentar abzugeben:

    Vielen, vielen Dank für deine grandiosen Rezensionen hier! Jeden Abend wird erstmal dein Blog gesichtet, ob es was Neues zu lesen gibt!
    Es ist ein reines Vergnügen, mir unbekannte Perlen zu entdecken, bzw meine Lieblingsfilme von dir rezensiert zu sehen :-)

    Es gibt noch einige (!!!) Filme, die ich gerne von dir renzensiert sehen würde...

    Liebe Grüße

    BillyShines

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  4. Lieber BillyShines,

    danke für den netten Kommentar - schön, dass Dir mein Blog gefällt! Ich hoffe, bei den zukünftigen Rezensionen sind ein paar von Deiner Liste dabei... :-)

    Liebe Grüße von Mathias

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