Samstag, 18. Juni 2011

Black Swan (2010)

Viel wurde über Darren Aronofksys BLACK SWAN (Black Swan) geschrieben und geredet. Zuerst wurde allerorts gejubelt, dann kamen wie aufs Stichwort die Kritiker und Nörgler, BLACK SWAN sei doch wohl zu unsubtil, zu effekthascherisch, zu blablabla.
Für mich ist BLACK SWAN definitiv der Film des Jahres 2010. Lange, viel zu lange habe ich auf einen Film gewartet, der endlich wieder an große Vorbilder anknüpft, an Namen wie Polanski, Cronenberg und De Palma, auf einen Film, der das Psychodrama mit dem Horrorfilm verbindet, der in einer Mainstream-Verpackung reinstes Arthouse- und Genrekino abliefert, und der den unvorbereiteten Zuschauer durch drastische Bilder und alptraumhafte Szenarien verunsichert, schockiert und verstört.

BLACK SWAN erzählt von der Ballerina Nina Sayer (Natalie Portman in einer Oscar-gekrönten Darstellung), die in einer Neuinszenierung von "Schwanensee" sowohl die moralisch reine, unschuldig weiße Schwanenkönigin verkörpern soll, als auch deren lasziv-böses schwarzes Ebenbild. Mit erstgenannter Rolle hat sie keine Schwierigkeiten, ist Nina doch ein sehr introvertierter, von der dominanten Mutter (Barbara Hershey) unterdrückter und zartbesaiteter Mensch. Um den "bösen Schwan" in sich rauszulassen, muss sie allerdings tiefer gehen und in die eigenen Abgründe blicken. Je mehr Nina sich mit der Rolle identifiziert, desto schwerer wird es für sie, Realität und Illusion auseinander zuhalten, und als ihre dunkle Seite endlich zum Vorschein kommt, steuert sie mitten auf eine Katastrophe zu...

Darren Aronofsky bezeichnet BLACK SWAN als Companion Piece zum vorigen "The Wrestler" (2008), und das zu recht. In beiden Filmen geht es um eine Hauptfigur, deren beruflicher Erfolg von körperlicher Unversehrtheit und eiserner Disziplin abhängt. Physischer Schmerz und Versagensängste sind ihre ständigen Begleiter. Während Mickey Rourke aber Alternativen sucht und Unterstützung in freundlichen Mitmenschen findet, gibt es für Natalie Portman kein Entkommen, ist sie doch nur von egoistischen, manipulativen menschlichen Monstern umgeben, die sie zu kontrollieren versuchen. Die bitterste Erkenntnis des Films ist die Tatsache, dass Ninas Befreiung von der Mutter nicht etwa ein neues Selbstbewusstsein schafft, sondern dass ausgerechnet diese kranke Beziehung Nina offenbar stabil gehalten hat. Ohne Mutters Kontrolle rutscht sie komplett in den Wahnsinn ab.

Umso brutaler sind auch die Bilder, die Aronofsky für ihre Qualen bereit hält, von abgezogener Haut über zusammengewachsene, blutige Zehen bis hin zu Selbstverstümmelung muss Portman eine ganze Palette von Leid durchleben, bis sie endlich zu ihrem großen Triumph kommt, der gleichzeitig ihr Ende bedeutet.
Aronofsky bleibt dabei seinem Stil von "The Wrestler" treu und filmt den Leidensweg seiner Protagonistin durchweg mit der Handkamera, schaut ihr immer wieder über die Schulter, bleibt an ihr dran, inszeniert keine Szene ohne sie. Ihre innere Zerrissenheit und das Doppelgänger-Motiv bringt er stets durch Spiegel und ein ausgeklügeltes Schwarzweiß-Design zum Ausdruck, was nicht sonderlich originell scheint, aber mit schierer visueller Wucht begeistert. Farben existieren kaum in Ninas Welt, lediglich grelles Rot und fleischfarbenes Rosa durchbrechen als Sinnbilder für Blut und Körper das strenge Mono-Design. Unterstützt wird die fabelhafte Kameraarbeit wie immer von Komponist Clint Mansell, dessen düster-schräge Klänge aus "Requiem for a Dream" (2000) hier mehrfach wieder auftauchen und eine konstante Atmosphäre des Unbehagens vermitteln.

Die negativen Rezensionen zu BLACK SWAN beziehen sich zumeist auf Aronofskys Lautmalerei, denn subtil ist tatsächlich nichts an BLACK SWAN. Doch wer sich hier beschwert ist an der falschen Adresse. Keines von Aronofksys Werken ist subtil. "Schwanensee" ist nicht subtil. Ballett ist nicht subtil. Da verpufft auch eine alberne Kritik von Ballett-Legende John Neumeier, der erst einmal klar stellen musste, dass Balletttänzer (sinngemäß) "harte arbeitende Profis und keine durchgeknallten Neurotiker" sind. Hier geht es nicht um eine dokumentarische Wahrheit oder einen realen Blick hinter die Kulissen. BLACK SWAN ist ein rabenschwarzer psychologischer Alptraum aus der Welt des Balletts, und ebenso groß wie Gesten und Figuren auf der Bühne ist auch Aronofksys Inszenierung.

Wie gesagt, man muss es nicht mögen. Doch wann hat es zum letzten Mal einen derart subversiven Angriff auf ein bildungsbeflissenes Publikum gegeben, das sich in froher Erwartung eines Tänzerinnen-Dramas im Stil des Schnarchers "Am Wendepunkt" (1977) plötzlich mit Masturbation, lesbischem Sex, ausgerissenen Fingernägeln, Drogenkonsum, sowie Mord und Totschlag auseinandersetzen muss?

Aronofskys Vorbilder wurden schon genannt. Es gibt gleich mehrere Verweise auf "Dressed to Kill" (1980), der ebenfalls von einer gespaltenen Persönlichkeit erzählt, welche die dunkle Seite in sich nicht bändigen kann, und das Mutter/Tochter-Verhältnis erinnert stark an "Carrie - Des Satans jüngste Tochter" (1974). Die Doppelgänger-Motive und sexuelle Verwirrung rufen Polanskis "Der Mieter" (1976) und "Ekel" (1962) ins Gedächtnis, während Ninas körperliche Mutationen reinster Cronenberg sind. In den rauschhaften Tanzszenen findet sich aber auch ein Meisterwerk wie "Die roten Schuhe" (1948) wieder.
Trotz der Zitate aber ist BLACK SWAN ein absolut eigenständiger Film, der in vieler Hinsicht direkt auf Aronofskys Erstling "Pi" (1997) verweist, sowohl in der Figurenzeichnung wie der wachsenden Paranoia (und in den bizarren U-Bahn-Begegnungen mit Stanley B. Herman, der in jedem Aronofsky einen Perversling spielt).

BLACK SWAN ist ein Film der Frauen und schwächelt etwas, wenn die Männer ins Spiel kommen. Vincent Cassel bemüht sich, seiner arg eindimensionalen Leben einzuhauchen, kommt aber nur schwer über das Klischee hinaus. Und Ninas Tanzpartner in der "Schwanensee"-Inszenierung bleibt ein Statist. Die Frauen allerdings spielen fulminant auf. Barbara Hershey als Mama aus der Hölle und Mila Kunis als Konkurrentin zeigen große Leistungen, und mit nur wenigen Auftritten hinterlässt Winona Ryder als verbitterte Vorgängerin von Portman einen bleibenden Eindruck, nicht zuletzt wegen einer körperlichen Selbstverstümmelung, die sogar den abgebrühten Zuschauern weh tun dürfte. Natalie Portman ist perfekt als Nina Sayer, gerade weil sie so wenig spielt (in einigen Rezensionen war von Overacting die Rede - ich empfehle dringend, das Wort nachzuschlagen). Ihre Tanzszenen sind so grandios gedoubelt und Portman dabei so glaubwürdig, dass man nicht eine Sekunde darüber nachdenkt, ob sie gerade selber tanzt oder nicht. Dabei sind es gerade ihre kleinen Momente, die im Gedächtnis bleiben. Die Lobpreisungen und Auszeichnungen, die sie erhalten hat, sind allesamt berechtigt und nicht nur ihrer Abmagerungskur geschuldet.

Was tragische Geschichten junger Frauen anbelangt, die sich mit falschem Ehrgeiz und falschen Vorbildern selbst ins Aus katapultieren und ihr eigenes Ende noch als endgültige Perfektion missdeuten, ist BLACK SWAN eine Sternstunde des Kinos - opulent, grausam und mitreißend. Ein saftiger Leckerbissen für alle Sinne und starke Nerven. Man muss neidlos anerkennen, dass Aronofsky mit seinen bisherigen Filmen ein inhaltlich und formal geschlossenes Gesamtwerk geschaffen hat, so wie es nur die besten Regisseure vorweisen können.

9,5/10

Eine unschuldige Königin auf dem Weg zur Hölle - Black Swan

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...