Sonntag, 5. Juni 2011

Bedways (2010)

Frage: Arthouse-Pornografie à la "Intimacy" (2001) oder "9 Songs" (2004) aus Deutschland? Geht das?

Antwort: Ja und nein.

In einer heruntergekommenen Wohnung in Berlin Mitte probt eine Regisseurin (Miriam Mayet) mit ihren beiden Hauptdarstellern (Matthias Faust und Lana Cooper) einen Film über die Liebe. Aus der Improvisation entstehen neue Beziehungskonstellationen, die Grenzen zwischen den Schauspielern und den Figuren, die sie darstellen sollen, verschwimmen. Eifersucht, Begehren, Verlangen, Besitzansprüche, Liebessehnsucht und Nähe - die alten Gesetze müssen neu definiert werden. Oder ändern sich nie.

Was in RP Kahls Spielfilm BEDWAYS überraschend gut geht ist die Lust am Voyeurismus, gepaart mit einer Unverklemmtheit seitens Regie und Darsteller, die man hierzulande nicht allzu häufig findet. Sexy und freizügig ist BEDWAYS unbestritten. Insbesondere ein kurzer Hardcore-Einschub dürfte so einige Zuschauer verblüffen, auch wenn er für die Filmerzählung im Grunde überflüssig ist. Der Dramatiker David Mamet sagte einst, er würde im Film grundsätzlich auf Szenen verzichten, mit denen man den Zuschauer aus der Filmillusion reißt, und um genau so eine handelt es sich hier. Man fragt sich doch eher, ob es wirklich die beiden Hauptdarsteller sind, die da kopulieren, und ob es ihnen wohl unangenehm war, während man doch eigentlich dem Film folgen sollte. So wie ein sichtbar klavierpielender Darsteller immer zur Frage animiert, ob der Schauspieler das Stück tatsächlich geübt hat oder gedoubelt wird. Dass die Großaufnahme eines erigierten Penis' überhaupt noch für Aufregung im Jahr 2011 sorgt, verwundert eher.

Dazu zeigt RP Kahl eine erfrischende Abkehr vom klassischen Erzählkino, verzichtet auf sympathische Identifikationsfiguren, Plot-Points, dramaturgisches Gefälle und sonstige Verabredungen mit dem Zuschauer, die das Kino (auch das Arthouse-Kino) mittlerweile so vorhersehbar und schablonenhaft machen. Mit seinen drei Hauptdarstellern hat er Schauspieler gefunden, die keine Berührungsängste zeigen, ein hohes Maß an Authentizität vermitteln und nie gekünstelt wirken, selbst wenn sie gekünstelte Dialoge sprechen.

Warum BEDWAYS dennoch nicht so recht überzeugt und nach der Hälfte eher ermüdet als packt, liegt an einer Inhaltsleere, die mit schönen Worten und Absichten nie überwunden wird. BEDWAYS wird beworben mit Sätzen wie "Berlin is the Shelter", "Love is Impossible" und "Flesh is the Law", was schon unfreiwillig komisch und pubertär anmutet, so als hätte jemand "Basic Instinct" (1992) einmal zu oft gesehen. Auch die Einteilung des Films in Akte mit lautmalerischen Überschriften gehört in diese Kategorie. Viel zu sagen über menschliches Miteinander hat BEDWAYS nicht, und so zieht sich das Drama doch ganz schön in die Länge. Ob der Zuschauer etwas mitnimmt, bleibt ihm und seiner Aufgeschlossenheit (bzw. seinem Willen zur freien Interpretation) überlassen. Manche der düster-gestylten Bilder sind sehr einfach zu durchschauen (die Masturbation als schlussendliche Befreiung der Hauptfigur), andere hinterlassen eher Fragezeichen oder sind bewusst ominös.

BEDWAYS wurde von den Kritikern überwiegend wohlwollend aufgenommen worden, weil er eigenwillig und konsequent ist, weil er sich nicht einem Massengeschmack unterordnet und ein paar Grenzen überschreitet, wobei man sagen muss, dass er bei weitem nicht der erste ist, und die oben erwähnte Hardcore-Szene ist so kurz, dass sie die Aufregung nicht wert ist, die BEDWAYS deswegen im Feuilleton verursacht hat. Weder wird hier der Film neu erfunden noch eine wahnsinnig spannende Einsicht vermittelt. Dass das Leben aus mehr als Sex besteht, sollte man eigentlich wissen, und dass der Sexualakt auch in der Realität immer irgendwie inszeniert ist, das ist auch keine Offenbarung. Wie in vielen Filmen, die sich mit "echtem" Sex beschäftigen, geht auch diesem jeder Humor ab. Die Independent-Produktion "Shortbus" (2006) wäre hier das positive Beispiel.

BEDWAYS befand sich übrigens auf der Auswahlliste für den Deutschen Filmpreis 2011, hat aber keine Nominierung abbekommen, während sterbenslangweiliger Möchtegern-Hollywood-Quark mit Major-Verleih im Rücken wie "Der ganz große Traum" (2010) von der Akademie mit Nominierungen überhäuft wurde. Da wähle ich aber ganz klar BEDWAYS, weil er mutiger, persönlicher und gewagter ist - auch wenn das allein noch keinen guten Film ausmacht.

05/10

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