Sonntag, 26. Juni 2011

Atemlos vor Angst (1977)

Als William Friedkin ankündigte, ein Remake des französischen Klassikers "Lohn der Angst" (1953) zu inszenieren, erntete er nur Kopfschütteln. An eine derart heilige Kuh sollte man sich besser nicht heranwagen. Friedkin aber, der zu jener Zeit zu den mächtigsten Filmemachern Hollywoods zählte, ignorierte alle Warnungen und drehte für 22 Millionen Dollar seinen düsteren Action-Thriller, der im Kino gnadenlos unterging und auch bei Rezensenten durchfiel.
Friedkin wurde als größenwahnsinnig abgeschrieben und erlitt den schlimmsten Schiffbruch seiner Karriere, von dem er sich bis heute nicht erholt hat. Im zeitlichen Abstand muss man aber feststellen, dass die negativen Reaktionen auf den Film vollkommen unberechtigt waren. ATEMLOS VOR ANGST (Sorcerer) beleidigt weder das Original noch die Filmgeschichte, es ist eine ehrfurchtsvolle Hommage und ein eigenständiges Meisterwerk der Spannung.

Zum Inhalt: im südamerikanischen Dschungel muss zur Löschung eines gewaltigen Ölbrandes Sprengstoff zu einem weit entlegenen Ölfeld transportiert werden. Da das Dynamit falsch gelagert wurde und schon die kleinste Erschütterung eine Explosion auslösen könnte, kann es nur per Lastwagen transportiert werden. Für dieses Himmelfahrtskommando werden vier Männer aus einem Dorf rekrutiert, die alle aufgrund ihrer dunklen Vergangenheit Zuflucht im Dschungel gesucht haben und wieder in die Zivilisation zurückkehren wollen. Der Auftrag verspricht ihnen Geld und neue Pässe. Doch die Reise durch den unerbittlichen Dschungel, über schwankende Hängebrücken und durch unwegsames Gelände wird zu einer wahren Höllentour...

ATEMLOS VOR ANGST ist trotz der identischen Vorlage kein Retorten-Kino, sondern ein künstlerisch kompromissloser, packender und eigenwilliger Thriller, der sich an keine Verabredungen mit dem Zuschauer oder aufgestellten H0Hollywood-Regeln hält und seine düstere Geschichte bis zum bitteren Ende konsequent durcherzählt. Keiner der vier Protagonisten ist ein Sympathieträger, wobei Roy Scheider in der Hauptrolle dank seines Charismas das stärkste Bindeglied zum Zuschauer darstellt. Scheider ist ein Schauspieler, der in jedem Film überzeugt, den ich nie durchschnittlich gesehen habe, ein starker Typ, der nie gebührend für seine Leistungen geachtet wurde. Insofern ist es schon bittere Ironie, dass er die Hauptrolle in diesem ebenfalls komplett unterschätzten Film spielt. Friedkin und Scheider arbeiteten schon in "French Connection" (1971) zusammen, einem von Friedkins größten Erfolgen.

Als Zuschauer hat man es zunächst schwer, den einzelnen Charakteren zu folgen, im Laufe des Films erfahren wir aber die Vorgeschichte der Männer, die sich in Rückblenden erzählt. In der amerikanischen Version werden diese Szenen vorangestellt und tauchen nicht als Rückblende auf. Die deutsche Fassung wurde dazu noch von ursprünglich 121 Minuten auf 88 Minuten heruntergekürzt. Trotzdem enthält sie Szenen, die sich wiederum nicht in der US-Fassung finden. Lange warten die (wenigen) Fans auf eine autorisierte DVD-Version, an der Friedkin angeblich schon seit Jahren arbeitet, zumindest hat er sie immer wieder angekündigt.

ATEMLOS VOR ANGST ist ein Film, der in jeder Einstellung Schmieröl, Dreck, schwüle Hitze und körperliche Anstrengung bis zur Erschöpfung atmet. Nichts ist geschönt, man meint fast, den Schweiß, die Tränen und das Blut zu riechen und zu schmecken. Die Darsteller gehen mit ihren Figuren an den Rand der Belastbarkeit. Der große Höhepunkt des Films - die Sequenz, in der einer der Lastwagen im heftigsten Unwetter über eine Seilbrücke befördert werden muss, die im Sturm schwankt und jeden Moment alles in die Tiefe reißen könnte - ist so perfekt inszeniert, dass man nicht mehr nachvollziehen kann, wie sie wohl hergestellt wurde, man ist hautnah dabei und bis zum Äußersten gespannt. Friedkins Film bleibt durchweg unvorhersehbar und holt alles aus dem gewaltigen Suspense-Szenario heraus, was an Potential drinsteckt. Heute ist es kaum vorstellbar, dass jemand ATEMLOS VOR ANGST im Kino sah und nicht vor Begeisterung in Ohnmacht fiel.

Das Tragische an Friedkins brillanter Inszenierung ist wohl die Tatsache, dass im Kino von 1977 einfach kein Platz fürFilme wie ATEMLOS VOR ANGST war. George Lucas feierte mit "Star Wars" riesige Erfolge, der das Kino für immer verändern sollte. Mit seiner zielgruppengenauen, kindlichen Märchen- und Abenteuerromantik war er im wörtlichen Sinne Lichtjahre von Friedkins erwachsenen, zynischen und kaputten Helden auf dem Weg zur Hölle entfernt. ATEMLOS VOR ANGST ist in seiner Detailgenauigkeit und der pessimistischen Weltsicht ein Vertreter des frühen 70er-Kinos, auch wenn der Bombast der Inszenierung und nicht zuletzt die atmosphärische Musik von Tangerine Dream klar in die 80er gehören. So sitzt der Film zwischen allen Stühlen, das erklärt womöglich seinen Misserfolg.

William Friedkin, der aufgrund von "French Connection" und "Der Exorzist" (1973) zu den gefeierten Wunderkindern und Erneuerern Hollywoods zählte, verlor durch ATEMLOS VOR ANGST seinen guten Ruf, jeden Kredit bei den Studios und zahllose Fans. Da er sich durch seine häufig kolportierte Egomanie viele Feinde gemacht hatte, sahen die Kollegen genüßlich zu, wie seine Karriere den Bach hinunterging. Mit "Cruising" (1981) inszenierte er erneut einen kontroversen und künstlerisch herausragenden Thriller, der aber ebenfalls floppte. Danach fand er nie zu alter Stärke zurück und hielt sich mit Auftragsarbeiten wie "Das Kindermädchen" (1990) und "Jade" (1995) über Wasser. Heute ist er hauptsächlich damit beschäftigt, seine alten Meisterwerke zu überarbeiten (wie mit "French Connection", "Der Exorzist", "Cruising" geschehen).
Wir warten gespannt auf eine Neuveröffentlichung von ATEMLOS VOR ANGST, einem Highlight des 70er-Kinos und skandalös unterschätzten Meisterwerk.

10/10

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